Modeindustrie gilt als zweitgrößter Umweltverschmutzer

Kasseler Designerin sagt Modemüll der großen Ketten den Kampf an

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Nachhaltig und preisverdächtig: Sophia Schneider-Esleben ist mit ihrer Mode für den Grüne-Helden-Award nominiert.

Kassel. Die Modeindustrie gilt als zweitgrößter Umweltverschmutzer. Die Kasseler Designerin Sophia Schneider-Esleben setzt dagegen auf nachhaltige Kleidung - und ist nun für einen Preis nominiert.

Wenn man mit Sophia Schneider-Esleben über Kleidung redet, möchte man am liebsten gar nichts mehr tragen. Die Kasseler Designerin kennt sehr viele Zahlen über die Modeindustrie. Zum Beispiel weiß sie, dass für die Produktion eines herkömmlichen Baumwoll-Shirts 2000 Liter Wasser nötig sind und in einem Kilo T-Shirt sechs Kilo Chemie stecken können. 

Die 30-Jährige runzelt die Stirn darüber, dass Ketten wie H&M sowie Zara nicht mehr nur zweimal im Jahr die Kollektionen wechseln, sondern alle 14 Tage. Und sie fragt sich, warum jeder Deutsche im Jahr 60 Kleidungsstücke kauft, wenn doch 70 Prozent davon "ungetragen im Schrank vergammeln".

Für Experten ist die Modeindustrie nach der Ölindustrie der zweitgrößte Umweltverschmutzer. Schneider-Esleben möchte da nicht mitmachen. Seit drei Jahren macht sie nachhaltige Mode. In der Kasseler Südstadt entwirft sie vor allem Kleidung für Kinder und Frauen, mit der man kein schlechtes Gewissen mehr haben muss. Aus den Initialen ihres Namens SSE hat die gebürtige Hamburgerin ihre Philosophie abgeleitet: slow, smart und eco, also langsam, schlau und ökologisch.

In der Praxis sieht das so aus: Schneider-Esleben verwendet ausschließlich Biobaumwolle, sie lässt ihre High-Fashion-Produkte in kleinen Mengen nicht in Indien herstellen und dann nach Europa transportieren, sondern in einem integrativen Projekt in Chemnitz. "Bei mir wird nichts weggeschmissen", sagt sie. Ihre Kindermode ist so geschnitten, dass sie über vier Größen mitwachsen kann - egal ob für Mädchen oder Jungen. Und gebrauchte Kleidung wird repariert oder wenn möglich recycelt. Aus der Steckdose kommt bei der Veganerin Ökostrom. Mit ihrem Konzept ist sie gerade für den Förderpreis Grüne Helden Award nominiert worden.

Das alles klingt auf den ersten Blick nach einem radikalen Alternativplan, aber vielleicht liegt genau darin die Zukunft. "Ich möchte nicht daran teilhaben, dass unsere Welt zugrunde geht", sagt Schneider-Esleben. So denken seit fünf Jahren immer mehr Menschen. Am 24. April 2013 starben beim Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch mehr als 1100 Arbeiter, die Mode für die ganze Welt herstellten. Seitdem werden immer mehr Start-ups gegründet, die aus Altem Neues machen - etwa das Kasseler Label Soki

Ganz einfach ist das Umdenken jedoch nicht. Wer an nachhaltige Biomode denkt, hat oft noch ausgeleierte Wollpullis aus kratziger Jute und Batik-Shirts vor Augen. Mit solchen Vorurteilen räumt Schneider-Esleben auf. Als Trendsetterin arbeitet sie mit dem Verband Deutscher Mode- und Textildesigner (VDMD) zusammen und hält Vorträge über nachhaltige Kindermode, die nicht mehr "reformhausmäßig", sondern zeitlos schick aussieht.

Quelle: Pro Sieben/Glomex 

Billig ist das nicht. Ein Kinder-Shirt gibt es für 35 Euro, Erwachsene zahlen 100 Euro. Aber Kleidung ist ja auch nicht irgendein Produkt, sondern "unsere zweite Haut", wie Schneider-Esleben sagt. Bislang gibt es ihre Kreationen in Kassel nur über den Onlineshop zu kaufen. Bislang fehlen ihr Partner im lokalen Einzelhandel. Die Einkaufsmeilen und Shoppingzentren der Region werden weiterhin von Ketten bestimmt, bei denen man seine gebrauchte Kleidung mittlerweile abgeben kann. Dafür gibt es einen Gutschein, um sofort die nächsten Hosen und Hemden zu kaufen. Experten kritisieren zudem, dass nur etwa ein Viertel der eingesammelten Kleidung tatsächlich recycelt wird. Für Schneider-Esleben betreiben Marken wie H&M darum nur "Greenwashing".

Woche für Woche ist sie auf internationalen Messen unterwegs, um für ihren Ansatz zu werben. Selbst in einem Laden in Miami (Florida) ist sie mittlerweile vertreten. Vielleicht wird sie einmal so berühmt wie ihr Onkel Florian Schneider-Esleben, der als Mitbegründer der Krautrock-Band Kraftwerk Musikgeschichte geschrieben hat. Ein Kraftwerk-Song heißt übrigens "Planet der Visionen". Visionen wie die seiner Nichte sind notwendig, um die Ökosünden der Branche nicht nur in Indien zu beenden. Dort sagt man laut Schneider-Esleben: "Wer die Farbtrends der nächsten Saison wissen will, muss sich heute nur den Ganges anschauen."

Zur Person

Name: Sophia Schneider-Esleben

Alter: 30

Stammt aus: Hamburg

Ausbildung: zur Schneiderin, Modedesign-Studium in Hannover

Privates: Schneider-Esleben lebt mit ihrem Freund in der Kasseler Südstadt und genießt an Nordhessen, dass man "hier prima zur Ruhe kommen kann".

Mode-Fakten

  • Jahr für Jahr werden weltweit mehr als 100 Milliarden Kleidungsstücke hergestellt. Jeder Deutsche kauft jährlich im Durchschnitt 60 Modeprodukte.
  • Bis zu 24-mal im Jahr wechseln Modeketten wie H&M und Zara ihre Kollektionen.
  • Weltweit werden 75 Prozent aller Altkleider verbrannt oder landen auf der Mülldeponie.
  • Machen wir weiter wie bisher, wird es im Jahr 2030 fast 150 Millionen Tonnen Modemüll geben - 62 Prozent mehr als 2015.
  • Eine Lösung für all diese Probleme soll die Kreislaufwirtschaft sein, die im Idealfall von der Wiege zur Wiege verläuft (Cradle to Cradle, C2C).

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