Mitgefühl gehörte immer dazu

Detlev Ruchhöft ist nach 22 Jahren als Sozialamts-Chef im Ruhestand

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Stand 22 Jahre an der Spitze des Kasseler Sozialamts: Detlev Ruchhöft ist Ende Januar in den Ruhestand gegangen.

Kassel. Ob nun die Grenzöffnung oder die Hartz-IV-Gesetzgebung: Diese (sozial-)politischen Ereignisse haben sich auf die Arbeit von Detlev Ruchhöft immer ausgewirkt. Ende Januar ist der langjährige Chef des Kasseler Sozialamtes und Geschäftsführer des Jobcenters im Alter von 65 Jahren in den Ruhestand gegangen.

Als am 9. November 1989 die innerdeutsche Grenze fiel und am nächsten Tag viele DDR-Bürger vor dem Kasseler Rathaus standen, da war Ruchhöft eigentlich noch freigestellter Personalrat bei der Stadt. Er half aber, das Begrüßungsgeld an die Bürger der DDR auszuzahlen. „Das war irre. Die standen bis zur Wilhelmsstraße.“

Die Folgen der Wiedervereinigung bekam Ruchhöft dann hautnah im Sozialamt mit, wo er ab 1990 stellvertretender Amtsleiter und zwei Jahre später Chef wurde. „Die Stadt Kassel rückte plötzlich in den Mittelpunkt Deutschlands und wir hatten über 194.000 Einwohner.“ Folge davon waren auch ein „echter Wohnungsmangel“ und ein massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit. Hinzu kamen zahlreiche Flüchtlinge, die aufgrund des Bürgerkriegs auf dem Balkan nach Kassel zogen.

Um die Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen, habe man die kommunale Arbeitsförderung massiv ausgebaut und ein damals bundesweit einmaliges Projekt gestartet, bei dem Sozialhilfeempfänger zu Existenzgründern wurden.

Ohne Empathie geht nichts

Ein erfolgreiches Projekt, das auf dem Ansatz basiert, dass jeder Mensch Potenziale habe, die nur gefördert werden müssen. Ruchhöft berichtet von Blumenlädchen, Kiosken und Reinigungsbetrieben, die heutzutage von ehemaligen Sozialhilfeempfängern betrieben werden. Man müsse Zutrauen und Vertrauen zu Menschen haben. „Damit gelingt es, sie wieder in Arbeit zu bringen.“ Natürlich sei auch Kontrolle erforderlich. Mitarbeiter des Sozialamts beziehungsweise des Jobcenters benötigten aber auch Einfühlungsvermögen. „Ohne Empathie geht nichts“, sagt Ruchhöft, der ab 2005 auch Geschäftsführer der Arbeitsförderung Kassel Stadt (ab 2011 Jobcenter Kassel) wurde.

Die Einführung von Hartz IV – der Zusammenlegung der Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe – im Jahr 2005 sei die richtige Entscheidung gewesen. „Hartz IV ist ein Erfolgsmodell“, sagt Ruchhöft. Natürlich sei es unstrittig, dass es auch Verlierer gebe und die Gesetzgebung nachtaxiert werden musste. Aber erst durch Hartz IV hätten Sozialhilfeempfänger überhaupt wieder eine Chance bekommen. „Der Mensch muss ganzheitlich betrachtet werden“, sagt Ruchhöft. Um die richtige Vernetzung zwischen Sozialamt und Jobcenter zu schaffen, habe man sich in Kassel auch für die Personalunion an der Spitze beider Ämter entschieden.

Der Erfolg drückt sich in den Zahlen aus: Die Zahl der Langzeitarbeitslosen in Kassel habe sich seitdem fast halbiert und die Zahl der Bedarfsgemeinschaften sei von über 22.000 auf rund 15.000 zurückgegangen.

Zur Person: Detlev Ruchhöft 

Detlev Ruchhöft wurde am 9. Januar 1949 in Hamburg geboren. Die Familie zog Mitte der 60er-Jahre nach Kassel. Nach der mittleren Reife machte Ruchhöft eine Ausbildung bei der Betriebskrankenkasse Henschel. 1974 wechselte der gelernte Diplom-Verwaltungswirt zum Sozialamt der Stadt Kassel. Dort wurde er 1990 stellvertretender Leiter und zwei Jahre später Amtsleiter. Ab 2005 wurde er zudem Geschäftsführer der Arbeitsförderung Kassel Stadt (heute Jobcenter). Ende Januar ging er in den Ruhestand. Detlef Ruchhöft lebt mit seiner Frau im Stadtteil Wolfsanger. Das Ehepaar hat einen Sohn und einen Enkel.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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