Auch viele Methadonpatienten starben an Folgen ihrer Sucht

Deutlich mehr Tote in Kassels Drogenszene 

Kassel. In der Kasseler Drogenszene gab es im vergangenen Jahr besonders viele Todesfälle: 30 Menschen, die der Drogenhilfe Nordhessen bekannt waren, sind 2016 gestorben.

„Das hat uns alle geschockt“, sagt Claudia Roersch, Leiterin des Café Nautilus, einer Anlaufstelle der Drogenhilfe. In den Vorjahren habe es je zwischen 15 und 20 Todesfälle gegeben.

Die Polizei hat im vergangenen Jahr elf Rauschgifttote registiert (Vorjahre: je vier oder fünf Fälle). Gezählt werden dabei aber ausschließlich Betroffene, die direkt am Drogenkonsum sterben, in der Regel an einer Überdosis. Unter den 30 Toten, die die Drogenhilfe gezählt hat, waren aber auch viele langjährige Substitutionspatienten – also Menschen, die Methadon erhalten, um von illegalen Drogen loszukommen. Sie sind nicht an der Droge, sondern an indirekten Folgen ihrer Sucht gestorben. Etwa drei Viertel der Betroffenen in Kassel unterzieht sich dieser Behandlung.

Dank der Substitution lebten viele Abhängige heute länger, erklärt Dr. Andreas Debertin, leitender Arzt der Substitutionsfachambulanzen in Kassel. Etwa jedes dritte Todesopfer aus der Drogenszene war 50 Jahre oder älter. Viele Patienten hätten durch Jahre des Drogenkonsums schwere gesundheitliche Schäden, so Debertin. Hinzu komme, dass ein Teil der Patienten parallel zum Methadon andere harte Drogen oder Tabletten konsumiere, oftmals auch Alkohol. Dieser Mischkonsum könne tödlich enden.

Sozialarbeiterin Claudia Roersch sieht ein großes Problem in der fehlenden Tagesstruktur. Es gebe zu wenig psychosoziale Hilfen, Beschäftigungsprojekte seien eingestellt worden. „Die Leute versuchen, den Tag rumzukriegen, indem sie sich auf der Straße treffen. Alkohol ist dabei das soziale Schmiermittel – wie in unserer Gesellschaft generell.“ Die Folgen können bei Methadonpatienten aber noch schneller fatal sein. Schätzungen zufolge sind in Stadt und Kreis Kassel rund 2000 Menschen abhängig von harten Drogen.  

Rubriklistenbild: © dpa

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