Englisch setzt sich als Forschungssprache nicht nur in Natur-, sondern auch in Geisteswissenschaften durch

Deutsch verliert an Uni an Bedeutung

Karin Aguado

Kassel. Stellen Sie sich vor, sie sind auf Tagung mit ausschließlich deutschen Wissenschaftlern, aber niemand spricht Deutsch. Was ungewöhnlich klingt, ist bereits längst Realität.

Wissenschaftler beschreiben, dass selbst bei solchen Anlässen - zumindest bei den Fachvorträgen - nur Englisch gesprochen wird. Ist Deutsch als Forschungssprache bereits verschwunden? „Deutsch als Wissenschaftssprache stirbt aus“, sagt Professor Hillmer, Leiter des Institutes für Nanostrukturtechnologie und Analytik an der Universität Kassel. 60 Prozent seiner Vorlesungen halte er inzwischen auf Englisch. Für einen Ingenieur sei Englisch heutzutage unverzichtbar, sagte Hillmer.

Schon seit längerer Zeit beobachten Wissenschaftler aus ganz Deutschland, dass mehr auf Englisch publiziert wird, um ein größeres Publikum zu erreichen. „Ich persönlich finde es schade, dass Deutsch an Bedeutung verliert“, sagt Hillmer, auch wenn es natürlich von Vorteil sei, zwei Sprachen zu beherrschen.

Diese Entwicklung ist auch anhand von Umfragen abzulesen: Im Jahr 2010 befragten Mitarbeiter des Hochschulinformationssystems (HIS) Wissenschaftler auf der ganzen Welt dazu. Das Ergebnis: Alle Interviewpartner wiesen darauf hin, dass Deutsch nicht nur in den Natur-, sondern auch in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen an Bedeutung verliert, schreibt die Zeitung „Die Welt.“

Das bestätigt auch Prof. Karin Aguado, Leiterin des Fachgebiets Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Kassel. Durch die stetig zunehmende Rolle des Englischen werde es auch in den Geisteswissenschaften immer notwendiger, auf Englisch zu publizieren, wenn die eigene Forschung international wahrgenommen werden soll. Auch die steigende Zahl englischsprachiger Studiengänge an deutschen Hochschulen führe dazu, dass das Deutsche als Wissenschaftssprache zunehmend in den Hintergrund tritt, sagte Aguado.

Laut des Berichts der Welt gab es schon vor einem Jahr deutschlandweit 700 Masterstudiengänge, die rein englischsprachig waren. Bei den Bachelorstudiengängen war es ein Siebtel.

In Kassel sind von aktuell 99 Studiengängen sechs zweisprachig auf Deutsch und Englisch und acht englischsprachig, sagte Sebastian Mense, Sprecher der Uni Kassel. Wie sich das Verhältnis verändert hat, konnte die Universität nicht sagen.

Dabei hatte Deutsch lange Zeit den Status einer der drei weltweit führenden Wissenschaftssprachen – neben Englisch und Französisch. Vor allem weil im 19. Jahrhundert und beginnenden 20. Jahrhundert viele Erfindungen und neue wissenschaftliche Erkenntnisse im deutschsprachigen Raum entstanden. Nach den Weltkriegen setzte sich Englisch in den meisten Bereichen des internationalen wissenschaftlichen Austauschs als führende Sprache durch.

Von Max Holscher

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