Bahn macht nicht mobil: Rollstuhlfahrerin bekam keine Einstiegshilfe

Fühlt sich allein gelassen: Die Kasselerin Hildegard Erstmann wünscht sich, dass die Bahn Personal zur Verfügung stellt, wenn sie rechtzeitig eine Einstiegshilfe bestellt. Foto: Dietzel

Kassel. Die Reiseplanung dauert länger als die Reise: Ein Zugticket reicht Hildegard Erstmann nicht aus, um nach Hannover zu gelangen. Wenn die Rollstuhlfahrerin aus Kassel verreisen möchte, muss sie zunächst bei der Mobilitätsservice-Zentrale der Deutschen Bahn eine Einstiegshilfe beantragen.

Zwei Tage vor der Reise kümmert sie sich darum. Doch diesmal bekommt sie eine Absage: Die Kapazitäten am Bahnhof Wilhelmshöhe reichen nicht aus. Während ihrer Abreise seien die zuständigen Mitarbeiter für die Begleitung anderer Rollstuhlfahrer eingeplant.

Daraufhin fragt sie beim Service-Point am Bahnhof nach. „Dort hat man mir die Hilfe wiederum zugesagt“, berichtet Erstmann. Am Abend desselben Tages klingelt ihr Telefon. Der Mobilitätsservice sagt ihr ein zweites Mal ab.

Also muss sich Hildegard Erstmann eine andere Zugverbindung suchen. Nach etlichen Telefonaten und Gesprächen mit Mitarbeitern des Mobilitätsservice, Reisezentrums und Service-Points tritt sie nun eine Woche später als geplant ihre Fahrt an.

Die Fahrkarte konnte Hildegard Erstmann problemlos umschreiben lassen. „Alle Ansprechpartner in Kassel waren sehr nett“, betont sie. Dass es am Bahnhof Wilhelmshöhe aber nicht genug Mitarbeiter gibt, damit alle Rollstuhlfahrer reisen können, versteht sie nicht. „Ich akzeptiere ja, dass ich mich einschränken muss“, sagt sie. Allerdings wolle sie nicht wegen der schlechten Organisation der Bahn auf ihre Pläne verzichten müssen.

Hildegard Erstmann fährt gelegentlich mit der Bahn. Bislang habe ihr immer ein Bahn-Angestellter geholfen, um in den Zug zu kommen. Nur einmal, erinnert sie sich, musste ein Zugführer nach ihrer Ankunft in Kassel 20 Minuten warten, bis endlich ein Mitarbeiter für den Ausstieg zu Hilfe kam. „Als ob Bahnfahren in meinem Alter nicht schon anstrengend genug wäre“, sagt die 71-Jährige.

Jetzt im Sommer würden sicher mehr Rollstuhlfahrer unterwegs sein als sonst. Ihrer Ansicht nach müsste es doch möglich sein, Personal aufzustocken. Nur ausgebildete Mitarbeiter dürfen die Hublifte bedienen. Erhöhten Bedarf habe die Bahn jedoch nicht festgestellt, teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit. „Dass es Überschneidungen gibt, können wir nicht ausschließen“, heißt es. Und: „Sie sind aber nicht alltäglich.“ In solchen Fällen müssten Betroffene eben andere Verbindungen nutzen.

Hildegard Erstmann wünscht sich, dass sie bei der Kartenreservierung für Rollstuhlfahrer gleich eine Ein- und Ausstiegshilfe bestellen kann. Die Bahn-Sprecherin entgegnet, dass jeder Rollstuhlfahrer einzeln klären müsse, ob überhaupt ein Hublift benötigt werde. Wer eine Reise plant, solle sich zunächst an den Mobilitätsservice wenden, und die Fahrkarte erst kaufen, wenn klar ist, ob es Kapazitäten gebe.

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