"Ich kann nicht akzeptieren, dass es anderen schlecht geht."

Buchpreisträger Robert Menasse: "Wir müssen Europa verteidigen"

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Buchpreisträger Robert Menasse beim Interview in der Kasseler Hofbuchhandlung Vietor.

In seinem Roman "Die Hauptstadt" erzählt Robert Menasse köstlich von der EU in Brüssel. Dafür gab es den Deutschen Buchpreis. Im Interview vor seiner Lesung in Kassel kritisiert er Kanzlerin Merkel.

Wir trafen Robert Menasse am Montagabend vor der Lesung im Bürgersaal des Kasseler Rathauses in der Hofbuchhandlung Vietor.

Herr Menasse, Kassel diskutiert gerade über das documenta-Kunstwerk, den Obelisken von Olu Oguibe, der als Symbol für ein weltoffenes Land steht. Die einen wollen es kaufen und hier behalten, die AfD und viele andere wollen es weghaben. Wie gefällt Ihnen das Kunstwerk auf dem Königsplatz?

Robert Menasse: Die AfD ist so geschockt, dass sie es weghaben will. Das ist ein Zeichen dafür, dass es ein im besten Sinn gesellschaftlich wirksames und gutes Kunstwerk ist.

Welche Eindrücke haben Sie von der documenta?

Menasse: Ich war noch nie dort, weil ich Großereignisse meide, wo so eine überhitzte Aufgeregtheit herrscht. Deshalb bin ich auch nicht gern auf der Frankfurter Buchmesse. Kassel kenne ich nur von Lesungen. Eine Stadt, an dessen Uni jemand wie Rolf Schwendter lehrte, muss ein guter Ort sein.

Sie meinen den österreichischen Schriftsteller und Sozialwissenschaftler, der bis zu seinem Tod 2013 in Kassel tätig war und seinen Studenten "abweichendes Verhalten“ lehrte, wie er einmal sagte.

Menasse: Genau.

Kassel verbindet man vor allem mit der documenta. Der Stellenwert der Kunst an sich kommt in ihrem Roman "Die Hauptstadt" nicht so gut weg.

Menasse: Das würde ich nicht so sehen. In dem Buch gibt es einen Abschnitt, in dem über eine Ausstellung diskutiert wird. Aber wenn über Kunst diskutiert wird, heißt das ja nicht, dass sie schlecht wegkommt. Ich gehe gern in kleine Galerien. Nur manchmal kaufe ich da Dinge. Die Kunst passt nicht unbedingt zu meinen budgetären Möglichkeiten.

Auch nicht zu denen eines Buchpreisträgers? Für den gibt es immerhin 25.000 Euro.

Menasse: Das bin ich ja erst seit Neuestem. Ich habe nicht einmal die Abrechnung bekommen.

Dem d14-Leiter Adam Szymczyk wurde von Kritikern vorgeworfen, er wolle den Besuchern seine Weltsicht aufdrängen. Welche gesellschaftliche Aufgabe hat Kunst Ihrer Ansicht nach?

Menasse: Wenn ich verantwortlich wäre für ein Ding wie die documenta, wäre es doch ganz selbstverständlich, dass ich dort meine Kunstauffassung und Weltsicht versuche zu transportieren. Man kann nicht erwarten, dass einer, der die documenta kuratiert, einen Gemischtwarenladen macht. Kunst, die politische Diskussionen auslöst, ist sehr viel interessanter, als Kunst, die nur dazu da ist, dass Sammler sie sich wie eine Tapete an die Wand hängen.

Von der AfD ist es nicht weit zur FPÖ, die mit der ÖVP eine Regierung bildet. Eigentlich müssten Sie froh sein über die neue österreichische Regierung.

Menasse: Warum?

Sie will das geplante Rauchverbot in österreichischen Kneipen wieder kippen. Und Sie sind leidenschaftlicher Raucher.

Menasse: Darf ich rauchen?

Menasse bekommt einen Aschenbecher gereicht und zündet sich eine Zigarette an - eine Natural American Spirit, die das Image einer Friedenspfeife hat.

Robert Menasse bei der Lesung im Kasseler Rathaus.

Menasse: Mir ist vollkommen klar, dass die Epoche des Rauchens zu Ende geht. Wenn ich schon in Deutschland, England, Frankreich, Spanien und Belgien zum Rauchen vor die Tür gehen muss, dann geh ich auch in Österreich vor die Tür oder bleibe zu Hause. Interessant ist aber was anderes.

Was denn?

Menasse: Die Menschen, die jetzt in Österreich so fanatisch für die Durchsetzung eines Rauchverbots kämpfen, selbst in Lokalen, in die sie selbst nie gehen, die werden in einer schönen rauchfreien Welt sitzen und sich fragen: Wie ist es eigentlich passiert, dass der Sozialstaat abgebaut wurde? Wieso ist meine Pension gekürzt worden? Wieso ist das Gesundheitssystem so viel schlechter geworden? Wenn der Dunst sich verzogen hat, werden sie begreifen, was sie alles nicht diskutiert haben.

Eine Welt, in der man in Kneipen nicht rauchen darf, ist für Sie also eine schlechtere Welt?

Menasse: Es ist keine schlechtere Welt. Aber es gab eine Zeit, in der Rauchen das Zeichen für Emanzipation und Freiheit war. Heute ist das absolute Rauchverbot ein Synonym für Unterwerfung. Die, die fanatisch dafür kämpfen, unterwerfen sich unter alles Bedrohliche - etwa die Abschaffung von Freiheiten und den Abbau des Sozialstaats. Das geschieht nämlich, und sie nehmen es einfach hin. Aber ich will übers Rauchen gar nicht mehr reden.

Dann lassen Sie uns über das große Ganze reden. Wie beunruhigt sind Sie über den europaweiten Aufstieg der Rechtspopulisten wie gerade in Italien?

Menasse: Das ist doch alles wunderbar. Italien beweist, dass Nationalstaaten besser funktionieren, wenn sie keine Regierung haben. Das System von Nationalstaaten braucht niemand mehr. Sie sind egal geworden. Nicht egal ist dagegen, wenn Staatschefs Europapolitik im Europäischen Rat behindern. Das sind lächerliche Zuckungen der nationalen Politik.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Menasse: Der österreichische Kanzler Sebastian Kurz war schon sechs Jahre Außenminister. In diesen sechs Jahren hat er im Europäischen Rat nur Vetos eingelegt und Anträge blockiert. Er hat nur geschaut, wie er nationale Wähler gewinnen kann.

Sie sagen, Europa sei in der Krise, weil es keine Träume und Utopien mehr gebe. Helmut Schmidt, ebenfalls ein überzeugter Europäer, empfahl dagegen: "Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen." Wie kommt Europa aus der Krise?

Menasse: Seit den Römischen Verträgen entwickelt sich Europa immer nur durch Krisen weiter. Also wird es wieder so sein, hoffe ich. Ich denke, dass man einen Arzt braucht, einen Spezialisten für Demenz, weil man nicht mehr weiß, worum es geht. Die Gründerväter hatten eine Vision von einem friedlichen und einigen Europa. Davon profitieren wir heute noch. Nun kommt eine Politikergeneration an die Macht, die nicht mehr versteht, was das alles bedeutet, weil sie Europa nie in Trümmern liegen sah. Entweder es zerreißt das Ganze oder bei den politisch Verantwortlichen setzt sich die Einsicht durch, dass man das europäische Vereinigungsprojekt vorantreiben muss. Wir müssen Europa verteidigen. Ein Hoffnungsträger ist der französische Ministerpräsident Emmanuel Macron.

Ist es vor diesem Hintergrund gut, dass Deutschland wieder eine Regierung bekommt?

Menasse: In den letzten Monaten, als Deutschland nur verwaltet wurde, ist immerhin nichts zusammengebrochen. Aber natürlich muss Deutschland eine aktive Regierung haben. Sie muss europapolitische Perspektiven aufzeigen. Vor Jamaika hatte ich mich dagegen gefürchtet, denn mit den Nationalliberalen der FDP wäre Europapolitik nicht möglich gewesen.

Für das Buch haben Sie vier Jahre in Brüssel gelebt. Jetzt sind Sie immer noch häufig dort. Verstehen Sie Europa seitdem besser?

Menasse: Ja, ich war immer ein Anhänger der europäischen Idee. Aber ich hatte keine Vorstellung, was eigentlich in Brüssel geschieht. Wahrscheinlich ist die EU auch für Sie nur ein großes Abstraktes. Sie kennen sämtliche Mitglieder der deutschen Regierung, aber sagen Sie mir den Namen des EU-Kommissars für Landwirtschaft.

Den haben wir leider nicht parat.

Menasse: Sehen Sie, nationale Politik hat Namen und Gesichter. Europapolitik hat nur abstrakte Chiffren wie EU und Brüssel. Dabei definiert sie die Rahmenbedingungen unseres Lebens. Ich habe sehr viele Beamte und Kommissare kennengelernt und dann versucht, diesem großen Ganzen ein Gesicht zu geben.

Ist Angela Merkel Ihrer Ansicht nach eine große europäische Politikerin?

Menasse: Merkel hat ein starkes Gefühl für die Notwendigkeit sozialer Balance. Aber die große Sehnsucht aller DDR-Bürger war die Reisefreiheit. Die gibt es heute in Europa. Für jeden ehemaligen DDR-Bürger ist ein Geschichtsziel erreicht. Das ist meiner Ansicht nach der Grund, warum Merkel immer nur versucht, die Widersprüche in Balance zu halten und nicht zu überwinden. Zudem hat sie einfach den falschen Finanzminister gehabt. Während sie versucht hat, alles zusammenzuhalten, war Schäuble der Meinung, dass man allen Mitgliedstaaten die deutsche Haushaltspolitik aufzwingen muss - und zwar so, dass Deutschland davon profitiert. Das war keine europapolitische Glanzzeit. Aber die Konstellation der neuen Großen Koalition finde ich dank der Sozialdemokraten ganz vernünftig. Eine Friedensunion ist nur dann eine, wenn auch der soziale Frieden gewährleistet ist.

Lothar Röse (links) von der Hofbuchhandlung Vietor mit Robert Menasse.

Inwiefern hat sich Ihr Leben durch den Deutschen Buchpreis verändert?

Menasse: Überhaupt nicht. Ich gebe jetzt einige Interviews mehr. Aber wenn ich allein in meinem Zimmer sitze, sitze ich allein in meinem Zimmer. Und ich frage mich immer noch, wie es in der Menschheitsgeschichte jemals möglich war, einen Roman zu schreiben. Von meinen Unsicherheiten und Zweifeln habe ich nichts verloren. Ich weiß immer noch nicht, wo es lang geht. Aber meine Neugier ist ebenfalls noch da.

Sie sagen von sich, Sie würden zu Faulheit neigen und seien auch deswegen Schriftsteller geworden, weil man da nicht so viel schreiben muss. Woran arbeiten Sie gerade?

Menasse: Im Moment schreibe ich gar nichts. Im Moment habe ich genug damit zu tun, von Stadt zu Stadt zu reisen und über das Buch sowie Europapolitik zu reden. In Hotelzimmern und Zügen schreibe ich grundsätzlich nicht. Erst im Sommer werde ich überlegen, was als Nächstes kommt. Es wird sicher wieder um die Frage gehen, wie wir unser Leben so politisch ordnen, dass Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit auf dem Kontinent gesichert sind. Mir geht es gut, aber anderen geht es so schlecht. Das kann ich nicht akzeptieren.

Ihre Halbschwester Eva Menasse hat sich für Martin Schulz stark gemacht. Wie müsste eine Partei aussehen, für die Sie sich engagieren würden?

Menasse: Ich werde mich nie für eine Partei engagieren, nur für eine Idee. Nie im Leben möchte ich eine Partei verteidigen, die dann Positionen vertritt, denen ich nicht mehr zustimmen kann.

Am Ende des Interviews hat Menasse dreieinhalb Zigaretten geraucht. Bei der anschließenden Lesung im Rathaus rauchte er nicht - der Feuermelder ließ sich nicht ausstellen.

Zur Person

Geboren: am 21. Juni 1954 in Wien als Sohn des ehemaligen östereichischen Fußball-Nationalspielers Hans Menasse. Roberts Halbschwester Eva ist ebenfalls als Schriftstellerin erfolgreich.

Ausbildung: Studium der Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina auf Sizilien. Promotion mit einer Arbeit über den Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb.

Karriere: Menasse lehrte an der Uni in São Paulo, arbeitete als Lektor und Übersetzer aus dem Portugiesischen. Seiner erster Roman "Sinnliche Gewissheit" erschien 1988.

Privates: Menasse ist mit der Museumsleiterin Elisabeth Menasse-Wiesbauer verheiratet und lebt in Wien und Brüssel.

Das Buch: "Die Hauptstadt" (459 Seiten, 24 Euro) ist bei Suhrkamp erschienen. Signierte Exemplare gibt es in der Kasseler Hofbuchhandlung Vietor.

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