Er hat 9200 Nachkommastellen der Zahl Pi im Kopf

Gedächtnisgenie: So merkt sich der Kasseler Daniel Jaworski Zahlen

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Er hat 9200 Ziffern im Kopf: Daniel Jaworski hat den Deutschlandrekord im Merken von Nachkommastellen der Zahl Pi aufgestellt. Weltweit belegt er damit Platz 21. Nach seinem Abschluss als Betriebswirt ist er übrigens noch als Mitarbeiter zu haben.

Kassel. Ein kleiner Test vorweg. Lesen Sie diese Zahl: 3,141592653589. Jetzt schließen Sie die Augen und versuchen Sie, alles zu wiederholen. Nicht geschafft? Das war die Zahl Pi mit zwölf Nachkommastellen. Daniel Jaworski aus Kassel hat 9200 davon im Kopf.

Damit ist der 34-Jährige auf der Weltrangliste der Pi-Gedächtniskünstler der beste Deutsche. Weltweit belegt er Platz 21. Den Rekord hält mit 67.890 Nachkommastellen ein Chinese.

So funktioniert’s

Major-System

Beim Major-System (auch Master-System genannt) werden die einzelnen Ziffern Buchstaben bzw. Lauten zugeordnet:

1 = D, T 2 = N

3 = M 4 = R

5 = L 6 = SCH, CH, J

7 = C, CK, K, G 8 = F, V, W, PH

9 = P, B 0 = S, Z, ß

Um sich die vielen Nachkommastellen der Zahl Pi zu merken und den Überblick zu behalten, teilt Daniel Jaworski die Ziffern jeweils in Dreierblöcke. Für jeden denkt er sich entsprechend den zugeordneten Buchstaben ein Wort aus. Aus jeweils sechs Wörtern bildet er eine kleine Geschichte. Die ersten 18 Nachkommastellen merkt er sich so: „Ich esse eine Torte (141), die nach Leibnizkeksen (592) schmeckt, ich spucke sie aus in den Schlamm (653). Dann schlage ich mit einer Lavapeitsche (589) drauf. Ausgepowert wie ich dann bin, trinke ich ein Kaba-Milchgetränk (793) und verwandle mich in eine Nymphe (238).“ Diese Geschichte ruft er aus dem Gedächtnis ab - und kommt über die Eselsbrücke wieder zu den Zahlen.

Bei 9200 Nachkommastellen sind das also 511 Geschichten (plus zwei restliche Zahlen). Um nicht durcheinanderzukommen, verknüpft Jaworski jede Geschichte mit einem Ort. Mit der sogenannten Loci-Methode (lateinisch locus = Ort) hat er sich vorher eine Route durch die Stadt überlegt, die ihn vom Arbeitsplatz über die eigene Wohnung und das Zuhause der Eltern durch halb Kassel führt. Zu jedem Ort merkt er sich eine passende Geschichte. (rud)

Vor zwei Jahren hatte die HNA schon einmal über das Superhirn aus Kassel berichtet. Damals hatte Jaworski sich 2000 Nachkommastellen von Pi eingeprägt. Vor Kurzem trat er nun für den Deutschlandrekord an: Fünf Stunden und 50 Minuten brauchte er, um die 9200 Ziffern vor zwei Zeugen aufzusagen. „Immer nach einer Stunde habe ich fünf Minuten Pause gemacht und jongliert, um den Kopf wieder frei zu kriegen“, erzählt der junge Mann, der erst eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann absolviert hat und derzeit seinen Abschluss als Betriebswirt macht. Die 9200 Ziffern hat er parallel zur Arbeit an seiner Diplomarbeit auswendig gelernt.

Im Kopf hat Jaworski genau genommen nicht die 9200 Nachkommastellen in der richtigen Reihenfolge, sondern 511 kleine Geschichten, in denen er die Zahlen verpackt hat. „Abstrakte Informationen kann sich das Gehirn nur schlecht merken“, weiß der gebürtige Pole, der als Kind mit seinen Eltern nach Kassel gezogen ist. Deshalb ordnet er die Ziffern festgelegten Buchstaben zu, aus denen er Wörter bildet. Zu diesen Wörtern lässt er sich dann kleine, oft ziemlich verrückte Geschichten einfallen.

In der kleinen Wohnung des 34-Jährigen, der seinen Lebensunterhalt als Kassierer in einem schwedischen Möbelhaus verdient, stapeln sich Bücher zu Merktechniken und Mathematik. Auch an einem alternativen, fixen Rechenweg zum Teilen von mehrstelligen Zahlen tüftelt er derzeit. Vor allem die sogenannten Mnemotechniken haben es ihm aber angetan. „Es ist einfach faszinierend, was das Gehirn leisten kann“, sagt Jaworski. Dafür müsse man kein Wunderkind sein. Ein bisschen Training reiche aus. Auch Schülern und Auftraggebern aus der Wirtschaft hat der Kasseler schon Gedächtniskurse gegeben.

Die 9200 Nachkommastellen von Pi habe er sich vor allem gemerkt, um die „Macht der Merktechniken zu demonstrieren“, sagt Jaworski. Aber auch aus persönlichem Ehrgeiz habe er es schaffen wollen. Spannender findet der junge Mann mit dem grau melierten Haar jedoch sein neues Ziel: Er will sich 500 historische Daten einprägen und damit ins Guinness-Buch der Rekorde kommen.

www.pi-world-ranking-list.com

Auch im Alltag profitiert der Kasseler von seinem Können: Einkaufszettel muss er sich nicht schreiben. Er platziert die Dinge, die er braucht, gedanklich an bestimmten Stellen seines Körpers und ruft dann im Supermarkt wieder ab, dass er Bananen auf dem Kopf trägt und eine Nudelpackung auf dem Fuß balanciert. Seine neue Handynummer hat Jaworski allerdings noch nicht im Kopf. Er muss auf einem Zettel nachsehen. „Die habe ich mir noch nicht eingeprägt“, sagt er und lächelt ein wenig verlegen.

Von Katja Rudolph

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