Deutschlands erste Fußgängerzone: Die Treppenstraße wird 60

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Die Treppenstraße Anfang der 50er-Jahre: Damals war Deutschlands erste Fußgängerzone mit ihren Blumenbeeten, Brunnen und Bänken eine beliebte Flaniermeile. Im Hintergrund ist das ehemalige EAM-Hochhaus (heute Eon-Mitte) zu sehen.

Kassel. Deutschlands erste Fußgängerzone wird 60 Jahre alt: Die Kasseler Treppenstraße wurde 1953 zum Symbol für den Aufbruch im kriegszerstörten Kassel. 104 Stufen ging es nun aufwärts von der Königsstraße bis zum Scheidemannplatz.

Der damalige Durchbruch durch alte Häuserzeilen ermöglicht an klaren Tagen seither einen kilometerweiten Blick bis hin zu Söhre und Kaufunger Wald.

Damals fand die damals hochmoderne Treppenstraße bundesweit Beachtung. Und auch heute ist das Medieninteresse groß, sagt Elke Vollmer, Geschäftsführerin von Hess Optic. Vor allem Wirtschaftsjournalisten seien interessiert daran, ob das Konzept von einst auch heute noch aufgeht.

Die Antwort darauf ist zweigeteilt. Die untere Treppenstraße ist eng an die Einkaufsmeile Königsstraße angebunden. Häuser wurden saniert, neue Geschäfte sind eingezogen, auch das Stadtcafé ist stets gut besucht.

Zahlen und Fakten:

Wissenswertes zur ersten Fußgängerzone Deutschlands

Die Treppenstraße bildet mit der Kurfürstenstraße eine den Kulturbahnhof und den Friedrichsplatz verbindende Achse. Zwischen dem Kulturbahnhof und der Kasseler Innenstadt überbrückt sie 15 Meter Höhenunterschied auf 300 Metern Länge. 200 000 DM waren 1953 in knapp sechs Monaten verbaut worden, um die 104 Stufen und die Bahnen für Kinderwagen anzulegen.

Mehr zur Treppenstraße lesen Sie auch im Regiowiki der HNA.

Wie durchschnitten ist die Fußgängerzone von der Neuen Fahrt.Häufige Geschäftswechsel, Leerstände und ein langweiliger Branchenmix machen es den Gewerbetreibenden im oberen Teil seit Jahren schwer. Seitdem der Hauptbahnhof zum Regionalbahnhof wurde, ziehen keine Menschenmassen mehr über die Verbindung zur Innenstadt. „Nur während der documenta ist es noch ein bisschen wie früher“, sagt Elke Vollmer.

Einige alteingessene Läden gibt es noch, sie leben vor allem von Stammkunden. Im Frühjahr und Sommer wird auch der obere Teil lebendiger, wenn der Italiener Stühle und Sonnenschirme rausstellt.

In diesen Tagen aber bietet sich eher ein tristes Bild. Die Interessengemeinschaft der Kaufleute an der denkmalgeschützten Einkaufsstraße hat sich längst aufgelöst. Deshalb wird es im oberen Teil auch in der Weihnachtszeit dunkler bleiben. Die Weihnachtsbeleuchtung kommt nicht mehr zustande.

Auch die Straße selbst hat in all den Jahren an Pracht verloren. Die einst aufwendig angelegten Blumenrabatten zum Beispiel gibt es nicht mehr, sind wohl auch nicht mehr zeitgemäß.

Vielleicht bringt die junge Szene neue Impulse. Das Jugendcafé und ein Skaterladen beispielsweise sind vor nicht langer Zeit an die Treppenstraße gezogen. (hei)

Die Geschichte der Treppenstraße in Bildern

Die erste Fußgängerzone Deutschlands: Treppenstraße wird 60

Treppenstraße als Kulisse für berühmte Kinostreifen: Von Heinz Ehrhard bis Martin Held

Krawatten von Filmstar Walter Giller

Der Durchbruch vom Stände- zum Friedrichsplatz war wohl schon 1833 im „Erweiterungsplan der Residenzstadt Kassel“ vorgesehen. Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg wagte man, in einer weitgehend zerstörten Innenstadt, den Schnitt durch einen ehemaligen Baublock. Nach den Plänen von Werner Hasper wurde die Treppenstraße 1953 angelegt, von vornherein geplant als eine verkehrsberuhigte Innenstadtzone. Die Einkaufsstraße mit ihren 104 Treppenstufen, den Brunnen und prachtvollen Blumenbeeten machte damals bundesweit Furore.

Auch Filmregisseure waren von ihrem Flair fasziniert. So wurden hier zum Beispiel 1960 „Der letzte Fußgänger“ mit Heinz Erhardt, „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959 u.a. mit Martin Held, Walter Giller und Ingrid van Bergen) und „Ohne Dich wird es Nacht“ (1956) mit Regisseur und Hauptdarsteller Curd Jürgens gedreht.

Die Treppenstraße als Filmkulisse:

Hier sehen Sie eine Szene aus dem Film "Der letzte Fußgänger"mit Heinz Erhard.

Die heute ebenfalls unter Denkmalschutz stehenden 50-Jahre-Häuser flankieren die Fußgängerstraße. Schuh- undModegeschäfte wie Klose-Moden und das Modehaus Chic sowie das Café Paulus, das später an den Friedrichsplatz umzog, residierten hier.

„Für die damalige Zeit war dies eine adäquate Anlage“, sagt Dieter Hennicken vom Fachgebiet Städtebau der Universität Kassel. Schon angesichts der älter werdenden Bevölkerung würde man so heute nicht mehr bauen.

Was aus der Treppenstraße wird, hänge von der Entwicklung der Königsstraße ab. Deshalb sollte man die Treppenstraße in das geplante Umgestaltungskonzept einbeziehen, empfiehlt der Fachmann.

Kleine junge Läden

In der Treppenstraße zeichne sich heute mit jungen Läden ein Wechsel der Benutzerschicht ab. Kleineren Läden mit günstigen Mieten böten die Chance, Geschäfte in die Innenstadt zu holen, die es hier bislang noch nicht gibt. Auch Kunst und Sommergastronomie auf den Zwischenplateaus könnten die Straße in Zukunft mehr beleben.

Von Martina Heise-Thonicke und Ellen Schwaab

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