Deutschlands Schulsystem in einer schweren Krise – aber wen interessiert es wirklich?

Nach achtjähriger Arbeit als Lehrer einer großen Kasseler Fachoberschule (Ziel Fachhoch-schulreife Abschluss Klasse 12) nehme ich zu einigen grundlegenden Problemen, wie ich sie speziell an dieser Schulform und in ähnlicher Form mittlerweile auch in anderen Schulformen wahrnehme, wie folgt Stellung:

Seit Beginn meiner Tätigkeit haben sich die Probleme kontinuierlich ausgeweitet. Mit dem erfolgreichen Abschluss erwerben unsere Schüler das Recht zu studieren. Nach Einschätzung vieler meiner Kollegen haben aber nur ungefähr zw. 10-20 Prozent die Fähigkeiten zu einem Studium.

In den vergangenen Jahren lag die Durchfallquote pro Jahrgang zw. 20 und 25%. Würden die Lehrer unseres Kollegiums allerdings den wahren Leistungsstand bewerten, würden zw. 50 – 70 % diesen Abschluss nicht schaffen.

Ich habe in den vergangenen acht Jahren versucht, mich dem Trend bessere Noten zu geben, nicht gebeugt, da ich davon überzeugt bin, dass wir als Lehrer/Erzieher den jungen Menschen keinen Gefallen tun, wenn wir ihnen Noten geben, die dem Leistungsvermögen nicht entsprechen.

 Wenn Lehrer so handeln, bereiten sie die jungen Menschen nicht

auf die spätere Lebensrealität im Berufsleben vor. Dies zeigt sich z.B. an den hohen Abbrecherquoten bei Ausbildungsverhältnissen in bestimmten Berufen oder der Tatsache, dass Auszubildende nach mehrmaligem Zuspätkommen zur Arbeit noch in der Probezeit gekündigt werden.

Die zu gute Notengebung hat ihnen dann eher geschadet als genützt. Die mangelnde Eignung vieler Schüler lässt sich m.E. auf mehrere Faktoren, die besonders die Arbeitshaltung der Lernenden betreffen, zurückführen.

Bestandsaufnahme Schüler:

Da viele unserer Schüler zumindest im 2. Jahr (Klasse 12) volljährig sind, können sie auch die Entschuldigungen selbst schreiben. So kommt es nicht selten vor, dass an „Spitzen“-tagen und in „Spitzen“-zeiten, d.h. über mehrere Wochen, bis zu 50 % der Schüler nicht anwesend sind.

Es ist sicher richtig, dass ein Teil dieser Fehlzeiten darauf zurückzuführen ist, dass besagte Schüler ein Einstellungsgespräch haben oder aber schlicht und ergreifend krank sind. Dennoch kann ich es mir kaum vorstellen, dass diese hohen Fehlquoten allein auf vorher benannte Gründe zurückgehen.

Ein damit verwandtes Problem besteht darin, dass v.a. zur ersten Stunde viele Schüler zu spät kommen, nach 5, nach 9, nach 12, nach 18 Min. usw.

Jedes Mal, wenn die Tür aufgeht, kommt es zu einer Unterrichtsstörung. Der betreffende Schüler wird mit einem aufgeräumten Hallo oder auf andere angemessene Weise „begrüßt“.

 Die Konzentration ist weg, und man braucht wieder einige Minuten, um für Ruhe zu sorgen und den Gedankengang nochmals zu entwickeln und fortzuführen.

Nun werden viele Leser möglicherweise sagen: Greif doch mal durch, schieb doch einen Rie-gel vor, schließ die Tür nach 5 Minuten ab oder setze solche Schüler vor die Tür! So einfach, wie das vor 40 Jahren noch unhinterfragt möglich war, ist das heute längst nicht mehr.

So ist z.B. die Verweisung vor die Tür wegen der Aufsichtspflicht des Lehrers rechtlich umstritten. Das Abschließen des Klassenraumes ist ebenfalls höchst umstritten, da einige Lehrer oder Schulleiter argumentieren, dass der Klassenraum zu jeder Zeit unverschlossen sein muss, um bei einem Notfall schnell reagieren zu können.

In einem anderen Fall erfuhr ich von einem Kollegen, dass er einen Schüler zum Nachsitzen verdonnert hatte. Der Schüler weigerte sich mit der Begründung, dass er am jenem Nachmittag einen Nebenjob habe und auch an anderen Tagen nicht erscheinen werde. Schließlich sei er ja volljährig.

Was tut man mit einem solchen Schüler, der Grundregeln verletzt, und für den es keine geeignete Maßregeln gibt, ihn zum Schulbesuch oder Nachsitzen anzuhalten?

Ein Großteil der Schüler, die wir an unserer Fachoberschule unterrichten, zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

  • Mangelnde Leistungsbereitschaft
  • Keine Bereitschaft, Anstrengungen für eine gute Note auf sich zu nehmen
  • Eine extrem legere Haltung Arbeitsmaterialien werden häufig nicht zum Unterricht mitgebracht, so dass ein geordneter Unterricht kaum möglich ist
  • Häufiges Zuspätkommen und hohe Fehlzeiten K
  • ein Unrechtsbewusstsein bei Fehlverhalten
  • Hausaufgaben sind für viele ein Fremdwort
  • Hohes Anspruchsdenken aufgrund zu guter Noten in der Mittelstufe

Der letztgenannte Punkt entsteht dadurch, dass viele Schüler von den abgebenden Haupt-, Real- und Gesamtschulen Noten erhalten, die nicht dem Leistungsstand entsprechen.

Zwischen der auf dem Zeugnis attestierten Note und dem tatsächlichen Wissen liegt eine riesige Kluft. Die überwiegende Mehrheit der Schüler, die ich an der Fachoberschule unter-richte, haben durchweg gravierende Probleme in den Hauptfächern Deutsch, Englisch und Mathematik.

Viele meiner Kollegen verzweifeln langsam, weil Rechenoperationen, Gram-matikstrukturen oder Textzusammenfassungen auf einfachstem Niveau nicht beherrscht werden, die Schüler aber mindestens mit der Note ausreichend (oft noch besser) von den abgebenden Haupt-, Real-, und Gesamtschulen einen Fachoberschulabschluss bekommen haben.

Aufgrund eines Vergleichs von Aufgabenstellungen berichten Kollegen, deren Kinder auf ein Gymnasium gehen, dass unsere Fachoberschüler nach 10 oder 11 Schuljahren sich auf dem Niveau einer 5. oder 6. Klasse Gymnasium bewegen.

Den krassesten Fall bzgl. einer erteilten Note erlebte ich, als eine meiner Schülerinnen von ihrer abgebenden Schule mit der Note 1 in Englisch bewertet wurde.

In den beiden Jahren der Fachoberschule musste diese Schülerin in meinem Unterricht hart um die Note ausreichend kämpfen, um zu bestehen. Im ersten Jahr, das ich sie unterrichtete, stellte ich nach einer mehr-monatigen Wiederholung von Grammatik- und Satzstrukturen fest, dass das Wissen der Schülerin in diesen Bereichen völlig unzureichend war.

 Ich hab mich immer wieder gefragt, wie die Note 1 beim Abschluss der Realschule zustande kommen konnte. Nach Aussage vieler Schüler findet in der Mittelstufe kaum richtiger Unterricht statt.

Darüber hinaus gibt es häufigen Lehrerwechsel in einem Fach, oder der Unterricht fällt über Monate ersatzlos aus. Nach einem Fernsehbericht in der Sendung Panorama vom Mittwoch, 19. Januar, habe ich für mich zumindest eine weitere Antwort gefunden.

 Um im Saarland die Abbrecherzahlen an Mittelstufen zu reduzieren, gibt es einen ministeriellen Erlass, der Fachlehrer auffordert, Abgängern der 9. Klasse eines Gymnasiums, denen ein Mangelhaft in einem Fach droht, diese Note – schwupp die wupp – auf die Note Befriedigend hochzusetzen.

So sind (fast) alle zufrieden: Die Schüler, die Eltern, der Direktor, das Schulamt und vor allem die Politiker, die sich damit brüsten, wie sie ihre Schulabbrecherquoten heruntergefahren haben. Auch hier: Verantwortung wird in einer an Unverfrorenheit kaum zu überbietenden Weise abgeschoben.

Unser Schulsystem und die nachfolgende Berufsausbildung bzw. Universität haben sich zu einem Verschiebebahnhof entwickelt. Abgesehen von Einzelfällen ist keine dieser Institutionen bereit, klare Grenzen zu setzen, und den jungen Menschen wird suggeriert, dass alles im Leben so einfach ist. Schule als ein Ort verantwortlicher Vorbereitung auf das spätere Leben – Fehlanzeige. Weil „die da oben“ so verantwortungslos mit dem Thema Verantwortung umgehen, sehen sich viele Kollegen veranlasst, dasselbe zu tun.

Das oben ausgeführte Beispiel geschönter Noten ist keineswegs ein Einzelfall und nicht beschränkt auf ein einzelnes Fach, sondern in ähnlicher Form häufig die Realität in den drei Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik.

In gewisser Weise erstaunt dies auch nicht, erfuhr ich doch vor einigen Wochen, dass bei der Fachoberschulreifeprüfung Sommer 2010 in Hessen das Bestehen in der Abschlussprüfung Mathematik auf ministeriellen Erlass hin auf 30 % heruntergesetzt wurde. Die vielfältigen Klagen von Institutionen, so z.B. von Hand-werkskammern, Arbeitgeberverbänden, Meistern und sonstiger Arbeitgeber haben eine ein-deutige Botschaft. Vielen Abgängern von Schülern des deutschen Bildungssystems mangelt es an grundlegenden Kenntnissen.

Diesen Tatbestand können meine Kollegen und auch ich ganz und gar bestätigen. Darüber hinaus haben viele auch soziale und kommunikative Probleme, sodass sie von Arbeitgebern nicht eingestellt werden können.

Bestandsaufnahme Lehrer:

Die Mehrheit meiner Kollegen weigert sich mittlerweile, den in der Vergangenheit nie in Frage gestellten Erziehungsauftrag als 2. Säule des Lehrerberufs umzusetzen, weil sie zwischen Eltern, Schülern, Schulleitern, Schulamtsbürokraten, Schulpsychologen und Politikern, die nicht den Mut haben, klare Erziehungsziele zu formulieren, zerrieben werden.

Stattdessen schiebt einer dem anderen die Verantwortung zu, und das Chaos wird von Tag zu Tag unerträglicher. Soll man sich da noch wundern, dass immer mehr Abiturienten den Lehrerberuf meiden?

Und wen wundert es aufgrund solcher beschriebener Verhältnisse, dass Lehrer in ihrer Hilflosigkeit und Ohnmacht krank werden und frühzeitig in Pension gehen (müssen)?

Viele Lehrer trauen sich nicht, pädagogische Maßnahmen zu ergreifen, weil sie von den Schulleitungen und noch viel weniger von den Schulämtern Unterstützung erfahren.

In einem konkreten Fall wurde ein Konferenzbeschluss, getragen von allen unterrichtenden Lehrern, der die Verweisung einer Schülerin aufgrund extrem hoher Fehlzeiten zum Inhalt hatte, vom Schulamt zurückgezogen, obwohl der Klassenlehrer mit besagter Schülerin und ihren Eltern über eineinhalb Jahre bzgl. dieses Fehlverhaltens im Gespräch war und beide auf die Konse-quenzen hingewiesen worden waren.

All die Mühen und der Aufwand des betroffenen Klas-senlehrers und der Kollegen wurden mit einem Schlag zunichte gemacht. Ähnliche Vorfälle könnte ich hier zuhauf aufzählen. Ich selbst habe in den vergangenen 6 Jahren mittlerweile an ca. 15 Klassenkonferenzen bei problematischem Schülerverhalten teilgenommen, von denen ca. 90 % ins Leere gingen.

Viele meiner Kollegen laden bei Problemfällen erst gar nicht zu einer Klassenkonferenz ein, da sie argumentieren, dass es ja sowieso nichts bringt und weil die bürokratischen Hürden im Zusammenhang mit einer solchen Klassenkonferenz eher abschreckend wirken. Die Lehrer sind höchst verunsichert, was man noch tun darf und was nicht.

Sie trauen sich nicht mehr, klare Grenzen zu ziehen, weil fast alles, was sie beschließen, zerredet, angefochten, von der Schulleitung, vom Schulamt oder von Schulpsychologen abgewiegelt wird. Statt dass Letztgenannte engagierte Hilfe leisten, reden sie sich damit heraus, dass es noch dringendere Fälle gäbe und lassen die Lehrer mit den Problemen alleine. Schulpolitisch besteht nicht mehr der Mut, klare Grenzen zu formulieren.

Eine Erziehung aber, die es versäumt, sich klare Grenzen zu setzen, steht in der Gefahr, in einer Anti-Pädagogik zu münden, wie wir sie auf vielfältige negative Weise auch bei jugendlichem Verhalten wahrnehmen.

Fazit:

Das Bild der Schule ist ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse. Ein Hauptproblem besteht m. E. darin, dass es in einem Kollegium – wie in unserer Gesellschaft insgesamt – keinen Grundkonsens mehr über wichtige Fragen der Erziehung und des Zusammenlebens gibt. Ich kenne nur noch wenige Lehrer, die einem klaren Kurs folgen.

Da viele von ihnen sich auf eine Haltung des Anything goes eingestellt haben, werden sie als Leitbilder einer nach Orientierung suchenden Jugend nicht mehr wahrgenommen. Auf der anderen Seite lernen viele Jugendliche zuhause keine klaren Verhaltensmuster mehr. Und in der Schule, wo vielleicht noch etwas in Richtung Erziehung geschehen könnte, gibt es kaum noch Möglich-keiten, pädagogische Maßnahmen durchzusetzen. Lehrer sollen zwar erziehen, aber es werden ihnen nicht die Mittel an die Hand gegeben, um diesen Auftrag umzusetzen.

Die immer wieder von Lehrern gestellte, verzweifelte Frage lautet: Was können wir denn noch tun? Was kann man z.B. tun, wenn man als Lehrer in eine Klasse kommt, die von einer anderen Klasse vorher in einem äußerst verwahrlosten Zustand hinterlassen wurde (überall Papierreste, mehrere zertretene Mandarinen, Bananenschalen, leere Flaschen/Behälter und sonstiger Unrat auf dem Boden)? Wenn die Schüler sich weigern, den Dreck aufzusammeln, den sie verur-sacht haben, hat man als Lehrer keine Chance, denn zwingen dürfen sie die Schüler nicht.

Wer aber meint, allein mit wohlgemeinten Appellen zum Ziel zu kommen, dem kann ich aus meiner Erfahrung nur sagen: Träum weiter! Die Realität ist eine völlig andere. Die Schüler merken sehr schnell, wo die Probleme liegen und verhalten sich entsprechend und rechtfer-tigen ihr unsoziales Verhalten auch noch damit, dass sie sagen: „Ich kann tun und lassen, was ich will. Schließlich leben wir in einer freien Gesellschaft“.

Ausblick:

Nach meiner Einschätzung hat sich auf vielen Lehrerkollegien eine Art Mehltau ausgebreitet. Aufgrund vielfacher Missstände und fehlender Unterstützung machen viele nur noch Dienst nach Vorschrift.

Mein Wunsch wäre es, der Sprachlosigkeit und der immer weiter um sich greifenden Resignation Einhalt zu gebieten. Dieser Beitrag in der Öffentlichkeit möge ein erster Schritt dazu sein. Ich lade alle Beteiligten zu einem offenen Dialog ein zum Wohle der nachfolgenden Generationen.

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