Interview vor Diakonie-Forum mit Pfarrer Dietrich Hering

Sorgenfrei in den Ruhestand? Altersarmut führt oft zu Scham

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Altersarmut nimmt zu: Besonders Frauen sind davon betroffen. Denn sie erziehen Kinder, verdienen meist weniger als Männer und leben länger.

Kassel. Sorgenfrei in den Ruhestand? Für immer mehr ältere Menschen gilt das nicht: Sie sind von Altersarmut betroffen. Mit diesem Thema beschäftigt sich auch das Diakonie-Forum. Wir sprachen vorab mit Pfarrer Dietrich Hering.

Herr Hering, wer gilt überhaupt als armutsgefährdet?

Pfarrer Dietrich Hering: Rentenrinnen und Rentner, deren Einkommen unter 958 Euro liegt. Besonders betroffen werden davon die „Babyboomer“ sein, also die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre. Sie gehen ab 2022 in Rente. Eine Expertise im Auftrag des Sozialverbands VdK geht davon aus, dass schon im Jahr 2020 17 bis 20 Prozent der Senioren von Altersarmut betroffen sein werden.

Was sind die Ursachen für Altersarmut?

Hering: Altersarmut ist sicher eine Folge veränderter, brüchiger Erwerbsbiografien. Sie betrifft beispielsweise Minijobber, Leiharbeiter und Langzeitarbeitslose. Und besonders auch Frauen. Bei ihnen spielen Faktoren wie Kindererziehung, Teilzeitarbeit, Scheidung, Pflege von Angehörigen und schlechtere Bezahlung eine Rolle.

Ist unser Rentensystem auf Menschen mit solchen Erwerbsbiographien und mit geringen Einkommen nicht ausreichend vorbereitet?

Hering: Das kann man so sagen. Wenn gesetzliche und private Rente nicht reichen und die Betriebsrente besonders kleine und mittelständische Betriebe vor Schwierigkeiten stellt, dann muss eine vierte Säule her: Wir müssen über eine gesetzliche, steuerfinanzierte Mindestrente nachdenken. Sie sollte von der Summe her – auch nach Abzug der Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge – über der Grundsicherung liegen, vielleicht um 10 Prozent.

Armut hat noch eine weitere Dimension: Sie verhindert Teilhabe.

Hering: Ja, es gibt nicht nur materielle, sondern auch soziale Armut. Auf der einen Seite sehen wir immer mehr ältere Menschen, die die Tafeln aufsuchen. Wir bemerken in unseren Kirchengemeinden aber auch, dass sich ältere, alleinstehende Menschen oft zurückziehen. Und wir spüren Scham: Wer im Alter arm ist, der verschweigt das lieber, statt sein Recht auf Unterstützung wahrzunehmen.

Wie kann Isolation und Vereinsamung im Alter entgegengewirkt werden?

Hering: Mit niedrigschwelligen Angeboten, wie es sie in Kirchengemeinden und Stadtteilen schon gibt. Kommunen, Diakonie, Kirche und Wohlfahrtsverbände müssen weiter zusammenarbeiten. Denn wenn älteren Menschen solche Angebote nutzen, wenn sie zum Mittagstisch kommen oder aber den Einkaufsbus nutzen, dann kann sich daraus Schneeballsystem entwickeln, um wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Nur dürfen wir den von Altersarmut betroffenen Senioren nichts überstülpen.

Was kann das Diakonie-Forum leisten?

Hering: Eingeladen sind alle Interessierten. Wir wollen eine breite Öffentlichkeit ansprechen und Impulse geben für Kirche, Diakonie und Sozialstaat. Wir wollen Freiwillige in der Seniorenarbeit für das Thema Altersarmut sensibilisieren und vor Ort und in den Gemeinden gemeinsam überlegen, wie Scham überwunden werden kann.

Das Diakonieforum zum Thema „Im Alter sorgenfrei!? Altersarmut bedroht viele“ findet statt am Freitag, 9. März, 18 bis 21 Uhr, im Gemeindezentrum der Ev. Matthäuskirche in Niederzwehren. Infos: Diakonisches Werk Region Kassel, Tel. 0561-71 28 80; gsf@dw-region-kassel.de.

Pfarrer Dietrich Hering

Pfarrer Dietrich Hering (54) ist seit 2000 Pfarrer an der Matthäusgemeinde in Niederzwehren. Der gebürtige Treysarer war zuvor Pfarrer in Niedenstein-Wichdorf. Seit fünf Jahren ist er im Diakonieausschuss des Stadtkirchenkreises Kassel. Hering ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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