Reportage von der Lehrstation

20 Pflegeschüler managen eine komplette Station der Diakonie-Kliniken Kassel

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Haben alles fest im Griff: Die Pflegeschüler Lenard Bornemann und Kristina Bilyk versorgen den Patienten Kasim Oezbek, der einen neuen Verband angelegt bekommt.

Kassel. Pflegeschüler im letzten Lehrjahr übernehmen an mehreren Kasseler Krankenhäusern derzeit den Stationsbetrieb – unter Hilfestellung ausgebildeter Fachkräfte. Wir haben eine Schicht begleitet.

Dass die Krankenhäuser in Kassel gerade aus allen Nähten platzen, macht sich auch auf der sogenannten „Bauch-Station“ der Diakonie-Kliniken bemerkbar. Hier managen seit dieser Woche 20 Pflegeschüler den laufenden Schichtbetrieb – ein Härtetest zwischen Verbandswechsel, Papierkram und vollen Bettpfannen. Wir haben die Schüler Lenard Bornemann und Kristina Bilyk bei ihrer Frühschicht begleitet.

Morgens

Wenn Lenard Bornemanns Wecker um 4.30 Uhr klingelt, dreht sich der Kasseläner erst noch mal um. „Sofort kann ich nicht aufstehen.“ Spätestens um 5 Uhr wird es aber eilig. Schließlich muss der 20-Jährige eine Stunde später auf der Gastroenterologie – der Station für Bauch-, Magen-, Darm-, Leber- und Stoffwechselerkrankungen – das Kommando übernehmen. Für vier Wochen hat Bornemann die Pflegeleitung der Station inne. Heute ist Tag zwei.

Schichtbeginn

Betten machen, Patienten waschen, Infusionen legen, Medikamente und Frühstück austeilen, dazwischen haufenweise Papierkram – soweit läuft an diesem Morgen alles ohne größere Zwischenfälle. Das ist nicht immer so. „Einmal hat eine demente Frau das Frühstück samt Tabletten aus dem Fenster geworfen“, sagt Bornemann. „Zum Glück lief da gerade kein Fußgänger.“

Kristina Bilyk hat schon Schlimmeres erlebt. Einmal habe ein Patient morgens leblos im Bett gelegen, erzählt die 22-Jährige aus Hessisch Lichtenau. Bilyk habe sofort angefangen, den Mann zu reanimieren und alarmierte den diensthabenden Arzt. „Ich war voller Adrenalin“, erinnert sie sich. Doch als der Arzt eintraf, wusste Bilyk bereits, dass der Patient tot war. Sein Herz musste nachts aufgehört haben zu schlagen.

Im Lager: Pflegeschüler Stefan Bornemann bereitet eine Infusion vor.

„Bei 35 Patienten, die wir gerade auf der Station haben, bleibt einfach zu wenig Zeit, um jedem gerecht zu werden“, analysiert Bornemann die Personalsituation. Und das, obwohl die Personaldecke auf der „Schülerstation“ schon deutlich dicker sei als gewöhnlich. Je mehr Patienten auf einen Pfleger kämen, desto eher könnten Fehler passieren, „weil man einfach vieles nicht mitbekommt“.

Visite

Bei der Visite mit Dr. Hans-Bernd Reith, dem Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie, wird klar: Nicht nur Pflegekräfte stehen unter Zeitdruck. Während Reith den Bauch eines 82-jährigen Mannes abtastet, bei dem sich nach einem Nabelbruch der Darm nach außen drückt, klingelt permanent sein Telefon. Beim Rausgehen sagt er: „So, noch das nächste Zimmer und dann muss ich in den OP, die schreien schon.“

Schwarzer Humor helfe, um seelischen Abstand zu gewinnen, sagt Bornemann. „Aber würde ich mein früheres Ich von vor der Ausbildung treffen, wäre das sicher ein wenig erschrocken.“

Entlassung/Verlegung

Ein Patient soll entlassen werden. Da das Krankenhaus am Überlaufen ist und der Nächste schon wartet, muss er die letzte Stunde bis zu seiner Entlassung im Bett auf dem Flur warten. Parallel bahnt sich die Verlegung eines Isolationspatienten mit aggressiven Magen-Darm-Bakterien von der Geriatrie an. Der Papierkram, der dabei anfällt, ist nicht das einzige Problem: Es fehlen Abwurfeimer für das Isolationszimmer, in die die kontaminierte Wäsche kommt. Also ab auf die Gefäßchirurgie, dort gibt es noch welche. All das kostet die Pflegeschüler viel Zeit. Und dann schlägt auch noch eine Physiotherapeutin Alarm, weil einem Patienten auf dem Gang schwindelig wurde. Eine Schwester eilt herbei. Hoher Puls. Genauer: 104. Dazu klitzekleine Pupillen. Bettruhe unter Aufsicht.

Pause

Bilyk und Bornemann versuchen zwischen all der Hektik und Bürokratie etwas zu essen. Doch das ständige Piepsen aus den Patientenzimmern und das Dauerklingeln der Telefone machen eine echte Mittagspause unmöglich. Zeit zu fragen, warum man sich diesen Job heute eigentlich noch freiwillig antut.

„Das Dankeschön der Patienten ist für mich sehr wertvoll“, sagt Bilyk. „Und ich möchte nicht die sein, die aufgibt, ich will helfen, die Pflege zu retten.“ Bornemann stimmt zu: „Der Notstand verschwindet nicht, wenn keiner den Beruf ergreift.“ Obwohl er gerne einige Jahre in der Pflege arbeiten möchte, will er auf kurz oder lang Medizin studieren. „Ich denke, man wird ein besserer Arzt und hat größeres Verständnis für seine Kollegen, wenn man in der Pflege anfängt.“

Schichtende

13.30 Uhr, Feierabend: Für Bornemann steht Pauken auf dem Plan. Eventuell noch das Huskies-Spiel gegen Frankfurt schauen. Für selbst Sport machen bleibt während der Vorbereitung aufs Examen kaum Zeit. Bilyk nimmt sie sich, obwohl sie „fix und alle nach der Arbeit“ sei. Fitnesstraining und ab und zu feiern gehen brauche sie zum Ausgleich. Der Schlaf kommt dabei zwangsläufig zu kurz. Denn: In Hessisch Lichtenau klingelt der Wecker schon um 4 Uhr.

Das Projekt Schülerstation

Das Projekt Schülerstation findet neben den Diakonie-Kliniken auch am Roten-Kreuz-Krankenhaus und am Marienkrankenhaus statt. „Wir wollen jungen Menschen Verantwortung übertragen, das setzt Vertrauen von uns Älteren voraus“, sagt Alfred Karl Walter, Geschäftsführer der Diakonie-Kliniken. 

Personell ist die Praxisübung wie folgt strukturiert: In der Frühschicht (6 bis 13.30 Uhr) arbeiten sechs bis acht Schüler mit zwei examinierten Pflegekräften und einem Praxisanleiter der CBG (Christliches Bildungsinstitut für Gesundheitsberufe), der die Schüler während der Ausbildung betreut, zusammen. Im Tagdienst (13 bis 20.30 Uhr) sechs Schüler, zwei Examinierte und ein Praxisanleiter, im Nachtdienst (20.15 bis 6.15 Uhr) ein Schüler und eine examinierte Pflegekraft.

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