Seit 16. Lebensjahr nierenkrank

Von der Blutwäsche in die Disco: Baunataler ist seit 45 Jahren an der Dialyse

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Seit 45 Jahren nierenkrank: Rene Kempka (Bildmitte) ist seit 45 Jahren an der Dialyse. Eine Behandlung über viele Jahrzehnte ist etwas Außergewöhnliches, sagt Dr. Hans Jürgen Talartschik, leitender Arzt am KfH-Nierenzentrum (links). Er gratuliert mit den lang jährigen Pflegekräften Ingeborg Schnegelsberg und Holger Kotzur sowie Prof. Dr. Jörg Plum, ärztlicher Leiter des KfH. Neben Blumen gab’s einen Gutschein, um jede Menge Cappuccini zu genießen.  

Wenn er sich mit seinen etwa gleichaltrigen Kumpels trifft, dann stellt er fest: „Ich bin der Gesündeste.“ Rene Kempka ist seit 45 Jahren an der Dialyse.

Rene Kempka ist 60 Jahre alt und seit seinem 16. Lebensjahr chronisch nierenkrank. Seither ist er auf eine Nierenersatztherapie angewiesen. Dreimal in der Woche reinigt eine Dialysemaschine für mehrere Stunden sein Blut.

„45 Jahre mit Dialyse sind etwas ganz Besonderes“, sagt Dr. Hans-Jürgen Talartschik, der Rene Kempka im KfH-Nierenzentrum in Kassel behandelt. In der Einrichtung, die rund 160 Patienten betreut, ist Kempka bekannt wie ein bunter Hund. Was nicht nur an seiner langen Behandlungszeit und der familiären Atmosphäre liegt, sondern auch an seiner humorigen, verschmitzten Art.

Mit seiner Krankheit ist Kempka erwachsen geworden. Er war 15 Jahre alt, als sie zuschlug. Plötzlich litt er an starker Übelkeit und an Erbrechen. Zunächst hätten die behandelnden Ärzte nichts gefunden, dann eine Niereninsuffizienz festgestellt.

Zurück an der Dialyse nach drei Jahren mit Spenderniere

Mit 16 Jahren folgte eine Nierentransplantation in Hannover. „Das war damals etwas ganz Neues, ich war die 75. Transplantation in Deutschland“, erinnert sich Kempka. Doch keine drei Jahre später stellte die Spenderniere ihre Funktion ein – deutlich früher als erhofft.

Eine erneute Transplantation kam für den Baunataler entgegen ärztlichen Rat damals nicht infrage. Die Tabletten, die er nach der Transplantation nahm, hätten starke Nebenwirkungen gehabt. „Ich fühlte mich gesünder an der Dialyse“, sagt er rückblickend. Die Einschränkungen, dreimal wöchentlich vier Stunden zur Blutreinigung zu gehen, nahm er in Kauf.

„Für die meisten Patienten ist die Transplantation ein Fortschritt, weil die Spenderniere alle Funktionen ersetzt, aber Nebenwirkungen durch Abstoßungsreaktionen sind möglich“, sagt Prof. Jörg Plum, Leiter des KfH. Inzwischen habe sich die Transplantation aber deutlich weiter entwickelt.

Nach der Dialyse zum Feiern in die Disco

Rene Kempkas Lebenslauf ist ebenso bunt wie sein Bekanntheitsgrad im Nierenzentrum: Er machte eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker, arbeite bei einem Taxi-Unternehmen, als Nachtwächter in einer Sicherungshalle der Polizei („Das war toll, da konnte man tolle Autos erwerben“), verkaufte Versicherungen und Specksteinöfen, holte sein Fachabitur nach, begann ein Studium der Kommunikationstechnik und sattelte später noch BWL drauf. 

Meine Devise ist: „Viel lesen, viel lernen.“ Die Nachtschichtdialyse bis Mitternacht, wie sie in Hann. Münden angeboten wurde, kam ihn da gerade recht. „Manchmal bin ich danach noch zum Tanzen in die Disco gegangen“, erzählt der heute 60-Jährige, der zweimal verheiratet war. Einmal sei er gar betrunken zur Dialyse erschienen. Und war nach 15 Minuten im Eiltempo wieder nüchtern.

"Überlebenszeit an der Dialyse nimmt zu"

Solche Geschichten kann nur einer erzählen, der das Beste aus seinem Schicksal macht. „Ich kannte es ja nicht anders“, sagt Kempka. Prof. Plum stimmt zu: „Die Überlebenszeit an der Dialyse nimmt zu, aber der Patient mit seinem Optimismus spielt auch eine Rolle.“ Und eben der sei Kempkas Geheimnis.

Völlig spurlos sind die 45 Jahre nicht geblieben. Die Gelenke machen ihm Beschwerden, sagt Kempka, der inzwischen Frührentner ist. Aber er habe immer auf seinen Körper geachtet. Und auf seinen Geist: „Positiv denken“ ist sein Motto. So hat er schon das 50. Dialysejubiläum im Blick.

Dialyse: Das KfH-Nierenzentrum in Kassel

Als Dialyse bezeichnet man ein medizinisches Verfahren, mit dem schädliche Stoffe aus dem Blut entfernt werden. Die erste Dialyse wurde 1924 in Gießen durchgeführt. Derzeit werden in Deutschland 70.000 Personen dauerhaft dialysiert. 

Das KfH-Nierenzentrum Kassel kümmert sich seit 45 Jahren um die nephrologische Versorgung nierenkranker Patienten. Aktuell werden dort rund 160 Patienten von fünf Ärzten und 40 Pflegekräften bzw. medizinischen Fachangestellten betreut. 

Träger ist das gemeinnützige KfH Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation, das vor 50 Jahren gegründet wurde und eine flächendeckende Versorgung etablierte. In den 200 KfH-Zentren werden bundesweit 19.000 Dialysepatienten und über 70.000 Sprechstundenpatienten behandelt.

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