Charlotte Wunsch (93) wollte Wahl nicht verpassen

Ihre Stimmen waren doch nicht für die Tonne: Kasselerin hätte fast nicht wählen können

Glücklich vor dem Wahllokal: Charlotte Wunsch am Sonntag am Forstbachweg.
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Glücklich vor dem Wahllokal: Charlotte Wunsch am Sonntag am Forstbachweg.

Für die 93-jährige Charlotte Wunsch aus dem Kasseler Stadtteil Forstfeld lief das Wählen mit Komplikationen ab. Ihr Wahlschein landete sogar im Altpapiercontainer. Am Ende wurde aber alles gut.

Kassel – Charlotte Wunsch ist jetzt 93 Jahre alt, und noch nie in ihrem Leben hat sie eine Wahl verpasst, wie sie sagt. Es war ihr immer wichtig, ihre Stimme oder ihre Stimmen abzugeben. So sollte es auch bei dieser Bundestagswahl sein. Doch um ein Haar wäre es nichts geworden mit ihrer persönlichen Wahl. Am Ende aber gehörte sie zu den 98 824 Wählern, die in Kassel ihre Kreuzchen machten.

Ihre Geschichte geht so: Weil der Weg ins Wahllokal für Charlotte Wunsch mittlerweile etwas beschwerlich ist, beantragte ihr Sohn für sie die Briefwahlunterlagen. Doch die kamen erst am Freitag vor der Wahl im Kasseler Stadtteil Forstfeld an, wo die 93-Jährige in einer Anlage für betreutes Wohnen lebt. Eine Verwandte glaubte aus Versehen, das sei zu spät. Sie zerriss die Unterlagen und entsorgte sie im Altpapiercontainer.

Dass sie sich diesmal nicht an der Wahl würde beteiligen können, beschäftigte Charlotte Wunsch fortan. „Ich bin traurig gewesen“, sagt sie. „Es zählt doch jede Stimme.“ Das bekam auch ihre Tochter Dagmar Grube mit – bei einem Telefonat am Sonntagmorgen. Ihre Mutter teilte ihr da mit, dass sie schlecht geschlafen habe – und den Grund nannte sie ihr gleich mit.

Dagmar Grube erkundigte sich deshalb im Wahllokal Forstbachweg prompt, ob es noch einen Ausweg aus der verzwickten Lage geben könnte. Der hilfsbereite Wahlvorstand rief sogleich bei der Hotline für solche Fälle an, wie Dagmar Grube berichtet. Die Antwort lautete: Eine Wahl ist noch möglich – allerdings nur mit Wahlschein. Problem: Der lag da schon längst in der Tonne.

Was also tun? Dagmar Grube machte sich auf zum Altpapiercontainer, wühlte ihn durch – und siehe da: Nach einer halben Stunde fand sie die einzelnen Fetzen des Wahlscheins, der für ihre Mutter bestimmt war. Der Rest war Bastelarbeit: Mit ein bisschen Tesafilm war der Wahlschein wieder so hergestellt, dass er sich zum Vorzeigen im Wahllokal eignete – ganz zur Freude von Charlotte Wunsch.

Nun ging es fix: Mit dem Auto wurde Charlotte Wunsch zum Wahllokal gefahren, dort machte sie ihre Kreuzchen und gab den Stimmzettel ab. Nun kann sie weiterhin behaupten, keine einzige Wahl verpasst zu haben. Das macht sie glücklich, und ganz nebenbei konnte sie sich auch mit dem Wahlergebnis am Abend anfreunden: „Ich habe mir gewünscht, dass die SPD gewinnt, die hat es mal wieder verdient.“

Charlotte Wunsch kann behaupten, dass sie ihren Teil zu dem Wahlergebnis beigetragen hat. (Florian Hagemann)

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