Soziologe über Veränderung von Beziehungen in der Pandemie

Freundschaft und Corona: Die anrufen, an die man nicht sofort denkt

Beziehungen sind oft intensiver geworden: Freunde sind gerade in der Pandemie wichtige Ansprechpartner.
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Beziehungen sind oft intensiver geworden: Freunde sind gerade in der Pandemie wichtige Ansprechpartner.

Die Pandemie hat viele Freundschaften intensiver gemacht. Aber sie werden auch auf eine Probe gestellt – vor allem, wenn Ansichten verschieden sind, wie man sich im Umgang mit dem Virus verhält.

Seit Beginn der Pandemie haben viele ein erhöhtes Bedürfnis, sich mit Freunden auszutauschen. Warum das anstrengend, aber auch eine Chance sein kann, darüber spricht der Kasseler Soziologe Janosch Schobin im Interview.

Herr Schobin, sind durch Corona Freundschaften wichtiger geworden?
Ja, vor allem jüngere Menschen empfinden das oft so. Viele haben das Gefühl, dass in der Pandemie Gespräche intensiver und tiefer geworden sind. Gerade bei jungen Menschen wirkt sich die aktuelle Situation oft bedrückend aus, weil sie sich Sorgen um ihre Zukunft machen.
Unterscheiden sich Freundschaften also je nach Lebenssituation?
Ein Stück weit schon: Freundschaftsformen verändern sich mit dem Alter. Man muss dabei auf die Netzwerke schauen, in denen Freundschaften entstehen. Freundschaften in der Schulzeit haben einen beschränkten Rahmen und sind deshalb auch meist sehr dicht. Es gibt viele Überlappungen. Freunde sind oft auch Freunde von Freunden. Es bilden sich Cliquen und Gruppen, die einander beobachten. Bei Erwachsenen spielt das eine geringere Rolle.
Das heißt?
Freundschaften verändern sich an Lebensumbrüchen. Sie haben eine Unterstützungsfunktion, die auf die jeweilige Lebenslage ausgerichtet ist. In typischen Umbrüchen wie zum Ende der Schulzeit, zum Start ins Berufsleben oder durch das Gründen einer Familie verändert sich deshalb auch der Freundeskreis. Dann sind die neuen Freunde die, mit denen man am meisten zu tun hat, da sie aus der Bewältigung dieser neuen Phase entstanden sind. Von Freunden erfährt man Dinge, holt sich Rat und bekommt eben auch direkte Unterstützung, um Situationen zu bewältigen. In Coronazeiten kann das beispielsweise ein Einkauf während einer Quarantäne sein.
Sind es trotzdem die Freundschaften aus Schulzeiten, die am längsten halten?
Je länger eine Freundschaft dauert und sich bewährt, umso enger wird sie wahrgenommen – auch wenn man sich irgendwann seltener sieht, weil man nicht mehr am selben Ort wohnt. Viele schätzen gerade diese alten Freundschaften, weil sie eine Art Lebenszeugenschaft sind.
Was spüren wir in der aktuellen Situation besonders deutlich?
Dass man meistens mit Menschen befreundet ist, die mehr Freunde haben als man selbst. Das führt in einer Situation wie Corona, wo auf einmal alle mehr Unterstützung benötigen und deshalb ihre engsten Freunde abtelefonieren, zu Aufmerksamkeitskonkurrenz. Die Person mit vielen Freunden wird mit einer Vielzahl an Anfragen konfrontiert und muss priorisieren, wem sie mehr Aufmerksamkeit schenkt. Das führt bei vielen dazu, dass sie das Gefühl haben, vernachlässigt zu werden.
Wer ist dann in der privilegierteren Lage? Der, der weniger Freunde hat, oder der, der jetzt nicht mehr allen Freunden gerecht werden kann?
Die Person mit den vielen Freunden muss sich entscheiden, wem sie ihre Aufmerksamkeit widmet. Das macht ein schlechtes Gewissen, wenn man merkt, da hat wer angerufen und ich habe nicht zurückgerufen. Für die anderen wiederum ist es frustrierend, wenn sie keine Antwort bekommen. Die denken nicht, dass derjenige zu viel zu tun hat. Sondern: Da stimmt was mit unserer Freundschaft nicht. Ist das keine wechselseitige Freundschaft? Das kommt natürlich manchmal vor.
Was empfehlen Sie, wenn jemand eine Freundschaft anzweifelt?
Das Anzweifeln ist im Grunde eine Extremreaktion. Viele Menschen gehen da weitaus pragmatischer vor, in dem sie Freunde anrufen, an die sie zuletzt vielleicht nicht unbedingt als Erstes gedacht haben oder mit denen man länger nicht gesprochen hat. Man könnte eben auch einfach darüber nachdenken, wer von den Freunden, die man hat, gerade Unterstützung gebrauchen könnte. Das würde die Aufmerksamkeit besser verteilen, und ich glaube, das machen auch sehr viele Menschen.
Wie viele Freundschaften kann man eigentlich führen?
Man sagt, die Grenze liegt bei ungefähr 150 individualisierten Beziehungen, die man gleichzeitig führen kann. Aber das eigentliche Problem ist, dass das Aufmerksamkeits- und Zeitbudget viel geringer ist. Die meisten sagen, dass sie vier enge Freunde haben. Ich würde sagen, bis zu zehn enge Freunde sind bei uns üblich.
Aber müsste in Zeiten der Pandemie nicht der Kontakt übers Telefon Zeit ersparen?
Das ist zu kurz gedacht. Viele Menschen nehmen ihre Freundschaften in kollektiven Situationen wahr. Beispielsweise auf einer Party, wo man gleich mehrere Freunde trifft. In einer Stunde bekommen dann also fünf Leute die Aufmerksamkeit, die sie benötigen. Das spart viel mehr Zeit als ein Telefonat. Die Medien, die jetzt in Coronazeiten verstärkt genutzt werden, sind Medien, die wechselseitige Aufmerksamkeit voraussetzen, das ist weitaus zeitintensiver. Da bleibt dann immer wer über, der niemanden hat.
Ist das der einzige Nachteil?
Das andere Problem ist, dass die Medien, die eben diese wechselseitige Aufmerksamkeit erfordern, sehr anstrengend sind. Die Informationsmenge ist verglichen mit einem direkten Gespräch sehr eingeschränkt und muss erst noch vom Gehirn aufbereitet werden. Die Erschöpfung dadurch ist relativ stark. Wer eine Stunde telefoniert hat, wird nicht gleich den Nächsten anrufen. Mit jemandem mehrere Stunden Zeit zu verbringen, ist wesentlich leichter. Eben deshalb ist es in Coronazeiten auch schwieriger geworden, Aufmerksamkeit zu bekommen.
Werden also einige Freundschaften die Pandemie nicht überstehen?
Vermutlich werden einige Freundschaften Corona zum Opfer fallen. Aber ich kann da nur spekulieren, weil es noch keine Studien gibt. Aus meiner Sicht stellt sich die Frage, wie stark ist der Lebensumbruch, den Corona erzeugt. Dementsprechend werden auch die Auswirkungen auf Freundschaften sein.
Wie wirken sich die unterschiedlichen Haltungen mit Blick auf die Pandemie und die damit verbundenen Beschränkungen aus?
In dem Maß, wie das Thema derzeit politisch polarisiert, könnte das ein Problem werden. In der ersten Welle hat das noch relativ gut funktioniert. Die Forschung belegt, dass Freunde einander im Verhalten, in den Einstellungen und Vorlieben sehr ähnlich sind und sich gegenseitig beeinflussen. In der ersten Welle hat sich bei uns wissenschaftlich fundierte Information und vorsichtiges Handeln schnell verbreitet. Man war sich schnell einig, dass das Virus gefährlich und soziale Distanz notwendig ist. In den USA konnte man dagegen schon früh eine massive Polarisierung beobachten. Da lief es weniger gut. In Deutschland ist diese Dimension erst verstärkt mit der zweiten Welle aufgekommen. Irgendwann schlägt das auch auf Freundeskreise durch. Das gilt es aus meiner Sicht zu vermeiden. Das ist auch für die politische Situation extrem relevant.
Was heißt das genau?
Wenn in Freund und Feind gedacht wird, tendieren Netzwerke dazu, zu klumpen. Grenzen entstehen zwischen Freundeskreisen. Informationen über die Auswirkungen des Virus kommen dann immer seltener bei den Menschen an, die die Gefahr unterschätzen. Was man aus Cliquen in der Schule kennt, wiederholt sich im Grunde auch bei den sogenannten Querdenkern. Es kommt zu einer Art Lagerbildung. Ist dieser Prozess erst einmal abgeschlossen, fehlen die emotionalen Brücken zu Freunden, um die Menschen wieder aus ihrer Extremposition zurückzuholen. Politische Appelle und Aufklärung sind dann zunehmend chancenlos. (Kathrin Meyer)

Zur Person

Dr. Janosch Schobin (39) ist gebürtiger Göttinger. Schobin ist bereits als Kind viel umgezogen, weil seine Eltern in der Entwicklungshilfe tätig waren. Er musste deshalb oft neue Freunde finden. Nach Soziologie-Studium und Promotion in Kassel hat Schobin von 2006 bis 2015 am Hamburger Institut für Sozialforschung gearbeitet. Seit 2015 forscht der Soziologe an der an der Universität Kassel unter anderem zum Thema Freundschaft. Er lebt mit Frau und Tochter in Kassel.

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