Ingrid Pee kämpft seit 40 Jahren für Baumschutz in Kassel

Sie ist die Anwältin der Bäume

Baum-Aktivistin Ingrid Pee aus Kassel.
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Baum-Aktivistin: Ingrid Pee war für Pro Habichtswald im Ortsbeirat Brasselsberg vertreten.

Ingrid Pee hat einen unausgesprochenen, ehrenamtlichen Titel: Sie ist die Anwältin der Bäume.

Kassel. Wollte man über alle Aktivitäten und Aktivismen von Ingrid Pee als politische Person und Kasseler Bürgerin schreiben, so würde ein Buch dabei herauskommen. Ihre Leserbriefe und Zeitungsartikel über ihre Aktionen könnten Aktenordner füllen: Ob es darum geht, sich gegen den Flughafen zu engagieren, in einem Förderverein die Jazzkultur in Kassel zu unterstützen oder dafür zu sorgen, dass in der Stadt der erste Stolperstein verlegt wird.

Immer da, wo sich Handlungsbedarf ergibt und sich andere bequem wegducken, ist die heute 74-Jährige zur Stelle. Ihr Kampfgeist und ihre Beharrlichkeit – besser Zähigkeit – sind legendär.

Doch bei aller Aufgeschlossenheit für Brennpunkte aller Art, gibt es ein Thema, das sich wie ein leuchtend roter Faden durch ihr Leben zieht. Die „Herzensangelegenheit“ der Frau, die in ihrem Haus am Brasselsberg eine Frühstückspension betreibt, ist der Kampf um jedes einzelne Baumleben. „Wenn ich eine Kettensäge heulen höre, zerreißt es mich.“

Lange habe man keinen Anlass gesehen, über die Wichtigkeit von Bäumen nachzudenken, sagt sie: Sie wurden in Gärten als Koniferen geduldet und im öffentlichen Raum als Straßenbegleitgrün. „Bäume waren Privateigentum, mit dem man machen konnte, was man wollte. Ich bemerkte, dass Bäume dringend eine Lobby brauchen.“

Abgeholzt 1978 auf der Wilhelmshöher Allee in Kassel.

In den 1970er-Jahren, als sie mit ihrer Familie in Bergshausen wohnte, hat sie sich für Bäume stark gemacht, die für eine Brücke (die nicht realisiert wurde) gefällt werden sollten. Einige Jahre später, inzwischen in Kassel wohnend, habe es sie „wahnsinnig gemacht“, dass die alten Linden an der Wilhelmshöher Allee für eine Straßenerweiterung (die nur zum Teil umgesetzt wurde) abgeholzt wurden. Der konkrete Auslöser, sich für eine Baumschutzsatzung für privates Grün zu engagieren, kam etwas später, als in einem parkähnlichen Nachbargrundstück eine Reihe alter Bäume gefällt wurden, um Platz für „mediterranes Grün“ zu machen. „Es gab keine Handhabe, dem Einhalt zu gebieten und so begann ich, mich öffentlich zu engagieren.“

In seiner Studienarbeit im Fachbereich Landschaftsplanung über die „Entwicklung einer Baumschutzsatzung für Kassel“, schreibt Rainer Polke 1984: „Im Jahre 1978 – ausgerechnet in dem Jahr der städtischen Abholzaktion der Wilhelmshöher Allee – kam auch der Gedanke auf, für Kassel eine Baumschutzsatzung ins Leben zu rufen. Die vom Gartenamt und vom Rechtsamt erarbeitete Satzung fand aber in den politischen Gremien wegen der zu erwartenden Kosten keine Zustimmung. Den nächsten Anlauf, eine Baumschutzsatzung zu etablieren, unternahm 1981 eine engagierte Bürgerin, Ingrid Pee.“

Es war ein langer, steiniger Weg bis zur Satzung. Pee arbeitete sich ein: in Naturschutzpläne, Gesetzestext, bürokratische Bestimmungen. Und wurde zur Fachfrau. Man kann sich in Themen einarbeiten und sind die Akten noch so unverständlich, lautet ihr Grundsatz. Heute sagt sie mit verhaltener Begeisterung: „Ich habe in meinem Leben so viel dazugelernt.“ Schließlich sammelte sie 600 Unterschriften – und blitzte bei den Stadtverordneten trotzdem ab. Auf Anregung des Bauamts wurde 1984 eine Kasseler Baumsatzung verabschiedet. Sie erfuhr bis zur heutigen Fassung Änderungen, Zusatzregelungen und Ausnahmen. In der Zwischenzeit hatte Joseph Beuys mit seiner Aktion 7000 Eichen, „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“, in Kassel für überregionale Aufmerksamkeit gesorgt. „Das lenkte den Blick einmal mehr auf die Stadtbäume“, so Pee.

Pee machte weiter als Baum-Lobbyistin. 1996 stieß die gelernte Lehrerin in ihrem Engagement gegen die Erweiterung des Steinbruchs Drusel (für das sie sich auch schon mal an Bäume kettete) zur Bürgerinitiative Pro Habichtswald, aus der 2001 die gleichnamige Wählerinitiative wurde. Fortan hatte Pee als politisches Mandat einen Sitz im Ortsbeirat Brasselsberg, wo ihr Augenmerk auf dem Schutz der Dönche lag.

Woher ihr Kampfgeist kommt? „Ich weiß es nicht, vielleicht weil ich mit acht Jahren meine Mutter verloren habe und früh lernen musste durchzublicken.“ Ihre Streitbarkeit habe die 68-Bewegung geprägt.

Inzwischen ist die Mutter von drei Kindern leiser geworden. „Wissen Sie, dass 90 Prozent aller Bäume in Kassel trotz Baumschutzsatzung zum Fällen freigegeben werden?“, sagt sie. „Es ist meine späte Einsicht, dass Verwaltung in dieser Sache wenig ausrichten kann.“

Ihre Zeit verbringt Ingrid Pee jetzt am liebsten ruhiger: in Begleitung ihres Enkelsohns mit Wanderungen auf dem Hohen Meißner.

(Christina Hein)

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