"Die Eltern muss man mitnehmen"

Schulleiterin Martina Bleckmann über mangelhafte Deutschkenntnisse

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Martina Bleckmann

Kassel. Schulen haben zunehmend Probleme mit Kindern, die über mangelhafte Deutschkenntnisse verfügen. Dazu befragten wir die Leiterin der Carl-Anton-Henschel-Schule in der Nordstadt, Martina Bleckmann. Die Grundschule besuchen 408 Schüler.

Sind schlechte oder nicht vorhandene Deutschkenntnisse von Schülern ein Problem an Ihrer Schule?

Martina Bleckmann: Ja. Wir haben 90 Prozent Kinder mit ausländischen Wurzeln. 50 Prozent unserer Schüler müssen einen Vorlaufkurs besuchen, das sind Kinder im letzten Kindergartenjahr, die auf die erste Klasse vorbereitet werden. Wir haben an unserer Schule einen großen Sprachschatz, den wir auch würdigen. Wir haben aber auch eine große Bandbreite an Sprachdefiziten. Miteinander zu sprechen, um zu kommunizieren, lernen Kinder schnell, darin sind sie sehr begabt und regelrechte Akrobaten. Das allein reicht aber für eine Bildungslaufbahn bei Weitem nicht aus. Hier ist zum Beispiel Lesekompetenz von großer Wichtigkeit.

Wie äußern sich die Probleme konkret?

Bleckmann: Unsere Schule besuchen viele Kinder, die gar kein Deutsch sprechen, sogenannte Seiteneinsteiger. Die Familien kommen aus einem anderen Land. Da haben wir ein grundsätzliches Verständnisproblem. Oft können wir die Eltern nicht einmal über die Grundlagen des Schullebens informieren. Viele der Kinder lernen dann relativ schnell. Einigen fällt das Leben in einer fremden Kultur aber auch sehr schwer. Bei Seiteneinsteigern haben wir vorrangig andere Aufgaben als die Wissensvermittlung. Wichtig ist, diese Kinder und ihre Familien positiv aufzunehmen. Dafür benötigen wir unter anderem Kulturvermittler. Darum haben wir uns in Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum Schlachthof und der Caritas selbst bemüht.

Worauf muss geachtet werden?

Bleckmann: Grundschulkinder lernen über Sprachvorbilder. Deshalb gilt: Falsche Sprachstrukturen dürfen sich nicht festsetzen. Wichtige Voraussetzung zum Erlernen einer zweiten Sprache ist, dass die Kinder ihre Muttersprache richtig beherrschen. Das ist nicht immer der Fall.

Wie steuern Sie in der Carl-Anton-Henschel-Schule dagegen?

Bleckmann: Wir haben an unserer Schule ein Sprachfördernetz aufgebaut. Im ersten und zweiten Schuljahr gibt es das Programm Deutsch und PC. Dafür hat uns das Kultusministerium mit Extra-Stunden ausgestattet. Wir haben außerdem vier Intensivkurse à zwölf Kinder, jeweils zwei Stunden am Morgen, bevor die teilnehmenden Kinder dann in ihre Klasse gehen. Daneben gibt es insgesamt fünf Vorlaufkurse und spezielle Sprachförderung in den Vorklassen. Generell fördert das Gantagsangebot das Erlernen der Sprache in Alltagssituationen. Die Kollegen nehmen unter anderem an der Fortbildung „Deutsch für den Schulstart“ teil. Das ist ein Programm mit dem Ziel, Kinder von Anfang an kontinuierlich zu begleiten.

Wie kooperativ sind dabei die Elternhäuser?

Bleckmann: Das ist unterschiedlich. Es gibt sehr interessierte Elternhäuser. Wir haben aber auch Elternhäuser, die aufgrund ihrer Sozialisation nicht in der Lage sind, mit uns zusammenzuarbeiten. Es gibt zudem Kulturkreise, wo es nicht selbstverständlich ist, dass Kinder eine Schule besuchen. Da muss erst ein Bewusstsein geschaffen werden. Wir unterstützen die Eltern, doch dazu braucht man einen langen Atem. Kamen am Anfang nur drei Eltern in unser Elterncafé, so ist es inzwischen eine große Gruppe türkischer und eine bulgarische Frau. Unseren Deutschkurs für Mütter besucht ein Dutzend Frauen. Es ist wichtig, die Familien mitzunehmen, und das so früh wie möglich.

Was erwarten Sie von der Politik, um das Problem in den Griff zu bekommen?

Bleckmann: Sprachförderung muss in den Kindergärten beginnen und in den Schulen weitergeführt werden. Dafür benötigen wir ausreichend Stunden für Lehrer und Erzieher. Für die Vorlauf- und Intensivkurse bekommen wir die ja bereits; da hat sich schon etwas bewegt. Ausreichende Kindergartenplätze im Stadtteil fehlen jedoch noch. Ganz wichtig: Wir benötigen institutionalisierte Kulturvermittler. Sie sollen nicht nur übersetzen, sondern auch Vertrauenspersonen für die Familien sein. Diese Notwendigkeit ist leider noch nicht im Bewusstsein der Verantwortlichen. Schließlich müssten Politik und Stadtverwaltung den Zuzug von Familien in die Stadtteile steuern. Es kann nicht sein, dass an einer Schule ein Fünftel aller Schüler Querensteiger sind und andere Schulen nicht einen einzigen haben.

Von Christina Hein

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