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Kinos in der Krise: Steht das Bali vor dem Aus?

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Von: Matthias Lohr, Mark-Christian von Busse

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Zu wenige Besucher kommen ins Bali: Nicht nur der große Saal im Kulturbahnhof ist zu wenig ausgelastet.
Zu wenige Besucher kommen ins Bali: Nicht nur der große Saal im Kulturbahnhof ist zu wenig ausgelastet. © Andreas L. Berg

In vielen Kinos bleiben die Besucher weg. Die Bali-Kinos schlagen nun Alarm und starten eine Rettungsaktion. Die düstere Prognose: Viele Kinos werden das nächste Jahr nicht überleben.

Kassel – Die Bali-Kinos im Kulturbahnhof kämpfen um ihr Überleben. Das machte Gerhard Wissner Ventura, Geschäftsführer von Bali, Gloria und Direktor des Kasseler Dokumentarfilm- und Videofests, bei der Eröffnung des Dokfests am Dienstagabend im Gloria-Kino deutlich.

„In einem Jahr wird es 25 Prozent der Kinos nicht mehr geben“, lautet Wissner Venturas Prognose. Besonders gefährdet seien die „Bahnhofslichtspiele im Kasseler Hauptbahnhof“, wie die GmbH offiziell heißt. Den erheblichen Besucherrückgang nach der Corona-Pandemie illustrierte er mit Statistiken. Demnach haben in den Jahren 2014 bis 2019 im Schnitt 3877 Menschen jeden Monat die Bali-Kinos besucht. Zum Überleben seien 3500 Besucher erforderlich. Diese Zahl wird derzeit noch nicht im Ansatz wieder erreicht – die Resonanz des Publikums ist extrem eingebrochen.

Aufgefangen wurde das coronabedingte Defizit infolge der monatelangen Schließung der Kinosäle durch Fördermittel des Sonderfonds Kultur. Mit 33 Anträgen habe er insgesamt 250 000 Euro eingeworben, berichtete Wissner Ventura. Diese Unterstützung durch den Sonderfonds geht mit Ablauf des Jahres 2022 zu Ende: „Eine andere Form der öffentlichen Unterstützung sehe ich nicht.“ Angesichts gestiegener Ausgaben für Energie und höherer Personalkosten durch den Mindestlohn werde ihm „schummrig“.

„Wir werden alles versuchen, um dieses Herzensprojekt zu retten“, versprach Wissner Ventura und stellte die Seite rettedeinkinokassel.de der Arthouse-Kinos vor: „Wir freuen uns über jede Form der Unterstützung“ – ob einen guten Rat oder eine Spende.

Auch die Multiplex-Betreiber haben mit Besucherrückgängen und gesteigerten Kosten zu kämpfen. Laut Wolfgang Schäfer kommen in seine Cineplex-Kinos, die er in Kassel und Baunatal betreibt, im Vergleich zu vor Corona bis zu 30 Prozent weniger Besucher. Mit Marketing und Aktionen wolle man sie zurückgewinnen. Schäfer versteht auch Kritiker, laut denen es in Kassel für eine 205 000-Einwohner-Stadt zu viele Kinos gibt: „Kassel ist völlig overscreened. Für die Branche ist das nicht nachvollziehbar.“

Bali, Gloria, Filmladen

„Kino ist nur, wenn man hingeht“, so sagte es Clemens Camphausen, der den Eröffnungsabend des Dokfests moderierte. Er nannte diese Zahl, die den drastischen Zuschauerrückgang belegt: Der bislang erfolgreichste Film im Bali, Tom Tykwers „Lola rennt“ aus dem Jahr 1998, hatte allein 16.000 Besucher – so viele Tickets wurden im ganzen Jahr 2021 dort verkauft. Anna Schoeppe, Geschäftsführerin der Hessen-Film-und-Medien GmbH, empfahl, Freunden den Kinobesuch zu ermöglichen, indem man sich als Babysitter anbietet.

Die Sorgen sind groß in den Kinos. Defizite seien „unausweichlich“ nach dem Auslaufen der Förderung durch den Sonderfonds Kultur zum Jahresende, hatte Kulturdezernentin Susanne Völker am Dienstag schon im Kulturausschuss gesagt. Dabei hat die Stadt ihre Förderung für die Arthouse-Kinos schon deutlich erhöht. Der Verein Filmladen wird mit 85.500 Euro unterstützt.

Auch Hessen-Film-und-Medien schießt 2023 mehr Geld zu. Weitere 20.000 Euro erhält der Filmladen am 24. November mit einer Auszeichnung bei der Verleihung der Hessischen Filmpreise. „Das garantiert das Überleben des Filmladens“, sagte Dokfest-Leiter Gerhard Wissner Ventura. Weniger schwarz als beim Bali sieht er auch beim Gloria-Kino. Da lagen die Zuschauerzahlen zwischen 2014 und 2019 im Schnitt bei 2848 Besuchern monatlich – zum Überleben reichen 2500. Hier sieht Wissner Ventura Perspektiven durch das Entgegenkommen der Vermieterin. Die Decke soll gedämmt, das Kino an die Fernwärme angeschlossen werden, eine Solaranlage auf dem Dach Strom produzieren – all das soll die Energiekosten reduzieren. Das Gloria soll zum CO2-neutralen Kino werden.

Cineplex

Anders als die Programmkinos mit ihrer etwas älteren Arthouse-Zielgruppe richten sich die Cineplex-Kinos, die Wolfgang Schäfer in Kassel und Baunatal betreibt, an ein jüngeres Publikum: „Wir führen das junge Publikum an das Medium heran.“ Aber auch hier habe durch Corona eine Entwöhnung stattgefunden. Mit zusätzlichem Marketing und Aktionen sollen die Besucher, die vor der Pandemie kamen und nun wegbleiben, zurückgewonnen werden.

So kostet der Eintritt in beiden Cineplex-Kinos montags auf allen Plätzen nur 6,90 Euro. Schäfer wünscht sich so etwas jedoch bundesweit. Ein „Half Prize Day“ würde die Branche attraktiver machen.

Die leidet jedoch nicht nur unter weniger Besuchern, sondern wie alle unter höheren Kosten. Auch wegen des Mindestlohns verzeichne er Steigerungen der Personalkosten von etwa 30 Prozent, sagt Schäfer. Dazu kommen die gestiegenen Energiekosten sowie die Inflation.

Filmpalast

Beim Filmpalast verweist man darauf, dass man deutschlandweit 2022 mit einem Besucherrückgang von einem Drittel zu einem „normalen Kinojahr“ rechne. Im Kasseler Haus, das von 2019 bis 2020 umfangreich modernisiert wurde, seien im Vergleich zum Gesamtmarkt „positive Effekte deutlich spürbar“. Während der Renovierung wurde die Zahl der Kinositze im Haus an der Trompete von 3700 auf jetzt 1749 reduziert.

Moderne Technikkonzepte wie IMAX würden besonders gut zu großen Blockbustern passen. Ein Kassenschlager könnte zum Beispiel das Science-Fiction--Spektakel „Avatar 2“ werden, das am 14. Dezember startet. Der Filmpalast sei „eine schöne Ergänzung zu den hochwertigen und von uns sehr geschätzten Programmkinos“.

Politik

Im Kulturausschuss gab Völker auf Anfrage der CDU zu den Kinos Auskunft. Die Kulturdezernentin erklärte auch, warum Filmpalast und Cineplex keine städtischen Zuschüsse bekommen: Bei den gewerblichen und gewinnorientierten Unternehmen seien die Voraussetzungen für Mittel aus dem Kulturetat nicht gegeben – hier falle die Branche eher in den Bereich der Wirtschaftsförderung.

Anders als bei den anspruchsvollen, vielfältigen Arthouse-Programmen mit Avantgarde- und Dokumentarfilmen, Streifen in Originalsprache sowie Festivalformaten etwa für Kinder und Jugendliche. Den Betriebsleitern von Cineplex und Filmpalast sei aber signalisiert worden, dass für kulturell hochwertige Programme Anträge für Projektförderungen beim Kulturamt gestellt werden könnten. (Mark-Christian von Busse, Matthias Lohr)

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