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Kasseler Muslima zum Kopftuchtragen: „Die Frau ist in ihrer Entscheidung frei“

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Von: Katja Rudolph

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Kopftuchträgerinnen in Deutschland: Unser Bild zeigt muslimische Frauen in Berlin.
Kopftuchträgerinnen in Deutschland: Unser Bild zeigt muslimische Frauen in Berlin. © DPA

Das Kopftuch gehört zu Deutschland, sagt die Kasselerin Tayba Ahmad von der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde. Es gebe aber nach wie vor viele Vorurteile.

Kassel – Kürzlich hat der Europarat, die Menschenrechtsorganisation Europas, eine Kampagne für Vielfalt und gegen Diskriminierung von Kopftuchträgerinnen nach Protesten zurückgezogen. Kritik an dieser Entscheidung kommt von der Frauenorganisation der Ahmadiyya-Gemeinde auch aus Kassel. Die Kampagne hätte ein Zeichen für religiöse Vielfalt und Toleranz setzen können, so die muslimische Frauengruppe. Stattdessen befördere der Rückzug Stimmungsmache gegenüber Kopftuchträgerinnen.

Wir sprachen mit Tayba Ahmad von der Kasseler Ahmadiyya-Gemeinde.

Frau Ahmad, warum tragen Sie Kopftuch?

Zum einen, weil es ein Gebot Gottes ist, dass die Frau sich bedecken soll, damit sie erkannt und nicht belästigt wird. Mit dem Kopftuch gebe ich mich außerdem als Muslima zu erkennen und trage nach außen, dass ich gläubig bin. Ich trage das Kopftuch, seit ich 18 bin. Ich habe als junge Frau also auch erlebt, wie die Umwelt ohne Kopftuch auf mich reagiert. Ich kann sagen: Es macht einen Unterschied – nicht nur in Bezug auf Männer. Generell schaut mir eine Person eher ins Gesicht, wenn ich Kopftuch trage, und nimmt wahr, was ich sage, anstatt von Äußerlichkeiten abgelenkt zu sein.

Dann könnten ja auch Männer Kopftuch tragen, um das Gegenüber auf ihr Gesicht zu lenken.

Das Kopftuch soll ja nicht nur die Haare, sondern auch den Brustbereich der Frau bedecken. Das sind Reize, die der Mann nicht hat. Im Heiligen Koran steht an erster Stelle, dass Männer einer Frau gegenüber den Blick zu Boden schlagen sollen. Gemeint ist, dass sie die Frau respektvoll ansehen sollen. Im Islam sind außereheliche Beziehungen nicht gestattet. Das Kopftuch schafft eine Grenze und signalisiert Männern: Ich praktiziere das.

Aber sind wir im 21. Jahrhundert nicht zivilisiert und aufgeklärt genug, um das auch ohne Kopftuch zu regeln?

Klar, das könnte man schon. Aber es ist heute leider oft so, dass die Frau vor allem in den Medien sehr freizügig dargestellt wird, um durch ihre körperlichen Reize Aufmerksamkeit zu erregen. Damit ich nicht auf mein Äußeres reduziert werde, sondern meine inneren Werte betone, trage ich ein Kopftuch – um eben auch klar zu machen, dass ich mich an die Lehre des Islam halte.

Welche Reaktionen erleben Sie als Kopftuchträgerin im Alltag?

Ich persönlich habe noch keine direkten negativen Reaktionen erlebt. Es kommt aber auch darauf an, wie man sich selbst anderen gegenüber verhält. Wenn mir jemand auf der Straße mit einem misstrauischen Blick entgegenkommt oder in der Tram gegenübersitzt, lächle ich und sage Hallo. Der komische Blick verschwindet dann meist. Ich kenne aber auch viele Muslima, die wegen ihres Kopftuchs angefeindet oder von vornherein abgelehnt werden – auch in der Berufswelt. Es gibt in unserer Ahmadiyya-Gemeinde viele muslimische Frauen, die studieren, unter anderem für das Lehramt. Sie haben Sorge, dass sie später als Beamtinnen kein Kopftuch tragen dürfen. Aus meiner Sicht ist das eine Diskriminierung von muslimischen Frauen.

Welche Erfahrungen haben Sie selbst in der Berufswelt gemacht?

Ich habe nach dem Abitur eine Ausbildung in einer Rechtsanwaltskanzlei in Bayern gemacht. Ich wurde zwar eingestellt, ohne dass mein Kopftuch thematisiert wurde, aber später hat mein Vorgesetzter mich gefragt, ob das sein müsse. Wir würden nicht im Orient leben, sondern in Europa, sagte er. Ich vermute, dass Mandanten ihn zwischenzeitlich auf mein Kopftuch angesprochen hatten. Ich habe dann für kleinste Fehler Abmahnungen erhalten. Umso mehr war ich angespornt, die Ausbildung mit sehr guten Noten abzuschließen. Auch weil mir klar war, dass ich bei der Jobsuche als Kopftuchträgerin mehr als andere durch Leistung überzeugen muss.

Wie verlief dann die Jobsuche?

Die dauerte mehrere Monate. Vielleicht lag es daran, dass ich auf dem Deckblatt meiner Bewerbung ein Foto mit Kopftuch hatte. Als ich schließlich ein Angebot erhielt, habe ich beim Bewerbungsgespräch erst eine gewisse Zurückhaltung gespürt. Aber als die Chefs dann gemerkt haben, dass ich Bayrisch spreche, haben sie sich direkt für mich entschieden (lacht). Mit dem Argument, dass es auf die Leistung ankommt.

Sie kritisieren den Rückzug der Kampagne des Europarats mit Pro-Kopftuch-Beiträgen. Warum wäre sie wichtig gewesen?

Um zu zeigen, dass das Kopftuch zu Europa und zu Deutschland gehört. Genauso wie Muslime zu Deutschland gehören. Kopftuchträgerinnen gibt es nicht mehr nur in islamischen Ländern. Ich zum Beispiel bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Hier ist meine Heimat. In Deutschland ist in der Verfassung die Religionsfreiheit festgeschrieben. Das ist ein hohes Gut. Wieso darf ich dann meine Religion nicht zeigen? Die Kampagne wäre hilfreich gewesen, damit das Kopftuch gesellschaftlich akzeptiert wird.

In vielen muslimischen Ländern gehen strenge Kleidungsvorschriften mit der Beschränkung von Frauenrechten einher. In der westlichen Welt wird das Kopftuch daher oft als Zeichen der Unterdrückung der Frau gesehen. Können Sie das nachvollziehen?

Auf jeden Fall. Das Kopftuch und der Islam werden in manchen Ländern leider politisch missbraucht. So entstehen Missverständnisse. Deshalb sehen wir es auch als unsere Aufgabe, uns um Aufklärung zu bemühen. Die wahre Lehre des Islam sagt, dass die Frau dem Mann gleichgestellt ist und gut behandelt werden muss. Der Islam spricht der Frau generell viele Rechte zu, die den Frauen in der westlichen Welt erst im letzten Jahrhundert zugesprochen wurde. Etwa das Erb- und Scheidungsrecht sowie das Recht auf Bildung.

Es gelten im Islam aber durchaus unterschiedliche Rechte für die Geschlechter. Der Mann darf etwa mehrere Frauen heiraten. Kann man da von Gleichberechtigung sprechen?

Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass Mann und Frau genau gleich sind. Das sind sie nicht, sie wurden ja ganz offensichtlich unterschiedlich geschaffen von Gott. Deshalb haben Männer und Frauen unterschiedliche Bedürfnisse. Ein wichtiger Punkt ist, dass Frauen die Kinder gebären. Daraus resultieren verschiedene Rechte und Pflichten. So hat zum Beispiel der Mann die Aufgabe, mit seinem Verdienst die Familie zu versorgen. Die Frau darf auch arbeiten gehen, aber es steht ihr frei, was sie mit ihrem Einkommen macht. Das ist sogar eine Bevorteilung der Frau.

Fängt nicht eher genau damit die Ungleichberechtigung an? Weil die Frau dann eben oft zuhause bleibt und finanziell nicht unabhängig ist?

Es gibt keine Einschränkung für eine Berufstätigkeit der Frau. Im Gegenteil, im Islam ist es die Pflicht von Mann und Frau, sich Bildung anzueignen. Aber es ist eben so, dass das Baby in der Regel eine besondere Beziehung zur Mutter hat und die Frau deshalb erst mal zuhause bleibt. Das wird hier in Deutschland ja auch von vielen Familien so gemacht. Man muss zwischen Kultur und Religion unterscheiden. Nicht nur in der islamischen Welt gibt es Kulturen, die ein traditionelles Familienbild haben. Ich persönlich sehe mich als muslimische Deutsche. Für mich steht nur der Glaube im Vordergrund, nicht die Kultur. Ich werde auf jeden Fall wieder arbeiten gehen, wenn unser Sohn etwas größer ist. Übrigens erzieht gemäß dem Islam der Mann die Kinder mit.

Was würde passieren, wenn Sie nicht mehr Kopftuch tragen wollten?

Das Kopftuch ist Glaubenssache und eine Angelegenheit allein zwischen der Frau, die es trägt, und Gott. Keiner hat das Recht, jemanden das Kopftuch aufzuzwingen, auch nicht der Ehemann. In unserer Gemeinde sind es meist jüngere Frauen, die kein Kopftuch tragen. Da suchen wir das Gespräch, um zu klären, ob es vielleicht Angst vor Diskriminierung gibt und versuchen ihnen Mut zu machen. Bei mir war es so, dass meine Mutter immer wieder mit mir über das Kopftuch gesprochen hat. Aber die Entscheidung lag bei mir. Genauso steht es mir frei, das Kopftuch auch wieder abzulegen – was ich mir aber kaum vorstellen kann.

Wie würden Sie sich ohne Kopftuch fühlen?

Ich könnte mir nicht vorstellen, ohne Kopftuch rauszugehen. Das wäre ein Nacktheitsgefühl. So, als ob ein Teil meiner Identität fehlt. Das Kopftuch ist für mich das wichtigste Kleidungsstück, wenn ich in die Öffentlichkeit trete.

Was halten Sie von einer Vollverschleierung?

Von einer Verschleierung, bei der man nicht mal die Augen sehen kann, halte ich nicht viel. Der Islam schreibt das nicht vor. Ich möchte schon wissen, mit wem ich es zu tun habe und die Person erkennen können. Unter einer Vollverschleierung verschwindet die Frau. (Katja Rudolph

Zur Person

Tayba Ahmad (31) ist im Kreis Rottal-Inn in Bayern geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern stammen aus Pakistan. Seit 2019 lebt sie mit ihrem Mann in Kassel. Dieses Jahr wurde der gemeinsame Sohn geboren. Tayba Ahmad arbeitet als Rechtsanwaltsfachangestellte und ist derzeit in Elternzeit. Sie ist Mitglied der Ahmadiyya-Gemeinde in Kassel. Dort ist sie in der Frauenorganisation „Lajna Imaillah“ zuständig für den interreligiösen Dialog. 

Ahmadiyya-Gemeinde

Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) ist eine Religionsgemeinschaft, die 1889 in Indien gegründet wurde. Sie versteht sich als Reformbewegung des Islam und sieht ihren Gründer Hazrat Mirza Ghulam Ahmad als einen Messias. Viele andere Muslime lehnen die Ahmadiyya-Lehre ab. Deshalb werden ihre Anhänger in einigen Ländern sogar verfolgt. In Deutschland gibt es 225 Ahmadiyya-Gemeinden mit rund 40 000 Mitgliedern. Die Kasseler Gemeinde mit Moschee in Niederzwehren hat rund 430 Mitglieder. 

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