15 Jahre nach dem Mord

NSU-Mordserie: Die rechte Gewalt endete nicht mit Halit Yozgats Tod

Am 6. April 2006 wurde der türkischstämmige Kasseler Halit Yozgat in seinem Internet-Café in der Holländischen Straße erschossen. Im Oktober 2013 sagte Halits Vater Ismail Yozgat im Münchner NSU-Prozess aus, wo er mit einem Bild seines Sohnes eine Umbenennung der Holländischen Straße in Halit-Straße forderte.
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Am 6. April 2006 wurde der türkischstämmige Kasseler Halit Yozgat in seinem Internet-Café in der Holländischen Straße erschossen. Im Oktober 2013 sagte Halits Vater Ismail Yozgat im Münchner NSU-Prozess aus, wo er mit einem Bild seines Sohnes eine Umbenennung der Holländischen Straße in Halit-Straße forderte.

Am 6. April 2006 wurde Halit Yozgat aus Kassel von Neonazis erschossen. Auch 15 Jahre später ist die rassistische NSU-Mordserie noch nicht aufgeklärt.

Kassel – Victor Hernández hatte zwei Möglichkeiten: Er hätte den Ort, an dem Halit Yozgat am 6. April 2006 von Neonazis erschossen wurde, verlassen können. „Dann hätte man das so hingenommen“, sagt der 43-Jährige heute. Er entschied sich, in der Holländischen Straße 82 in der Kasseler Nordstadt zu bleiben und „etwas Neues zu gestalten“.

Seit fünf Jahren betreibt Hernández im ehemaligen Internet-Café von Yozgat einen Honigladen, in dem er auch Kindern die Imkerei näher bringt. Es ist ein Ort, den man früher nur im Vorderen Westen erwartet hätte. Hernandez wollte nicht, dass die Nordstadt, die einst ein schlechtes Image hatte, einen Stempel bekommt, wie er sagt. Auch deshalb ist er geblieben.

NSU-Mord in Kassel: Wahrheit wurde erst nach über fünf Jahren bekannt

Trotzdem wird der Deutsch-Spanier wie jedes Jahr am 6. April daran denken, was vor 15 Jahren passiert ist. Hernández renovierte damals mit einer Freundin seine Wohnung, als er vor dem Hauseingang Halit Yozgats Vater Ismail schreien hörte: „Mein Sohn, mein Sohn.“ Dessen blutverschmierte Hände sah er zunächst nicht. Erst später begriff er, dass etwas Schreckliches passiert war.

Was wirklich geschehen war, kam erst fünfeinhalb Jahre später heraus, als sich die Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) selbst enttarnten. Der 21-jährige Yozgat ist das neunte Opfer von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.

Mord in Kassel: NSU-Hintergrund war für viele keine Überraschung

Dass es eine braune RAF geben könnte, die türkisch- und griechichstämmige Menschen erschießt, hatten die Behörden bis dahin ausgeschlosen. Für Ayse Gülec indes war die Enttarnung keine Überraschung. Die Kasselerin arbeitete damals im Kulturzentrum Schlachthof, sah auf dem Nachhauseweg die weinenden Menschen vor dem Internet-Café und redete mit ihnen. Heute sagt die Pädagogin: „Die Betroffenen und Angehörigen wussten sehr wohl, dass die Morde einen rassistischen, rechtsterroristischen Hintergrund hatten.“

Nur wollte ihnen niemand glauben. Sie gerieten selbst in Verdacht. Auch Familie Yozgat wurde lange Zeit von Ermittlungsbeamten verfolgt, wie Gülec sagt. Sie nennt das „die Gewalt nach der eigentlichen Gewalt, die ebenso schlimm war“. Dazu mussten die Angehörigen lesen, wie Politiker und Journalisten immer wieder das schreckliche Wort „Döner-Morde“ verwendeten.

Nach NSU-Anschlag in Kassel: Initiative 6. April kämpft weiter für Aufklärung

Heute engagiert sich Gülec in der Initiative 6. April, die nicht nur Gedenkveranstaltungen organisiert, sondern die Aufklärung der NSU-Morde vorantreiben will. Gülec ist davon überzeugt, dass der NSU Helfer in Nordhessen hatte: „Hätte man den Mord an Halit Yozgat richtig aufgeklärt, wäre vielleicht Walter Lübcke noch am Leben.“

Die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten durch den Rechtsextremisten Stephan Ernst im Juni 2019 markierte für viele eine Zäsur. Sein Tod machte deutlich, dass jeder zum Opfer von Neonazis werden kann. Für Migranten ist dies keine neue Erfahrung. Der NSU, sagt Gülec, mordete „in Stadtteilen, die sich durch die Migration verändert hatten. Dort wollte man Angst und Schrecken verbreiten.“

Ermittlungen zum NSU-Mord in Kassel: Vertrauen in Staat und Behröden ging bei vielen verloren

Trotz des Münchner NSU-Prozesses haben viele Menschen das Vertrauen in die Behörden verloren. Einer von ihnen ist Miki Lazar von der Initiative 6. April. Er sagt: „In all den Jahren gab es so viele Pannen. Zeugen sterben, Beweise verschwinden, Akten werden vernichtet. Bei einem Film würde man denken: Was ist das für ein schlechtes Drehbuch?“

Lazar ist Sprecher der Petition zur Freigabe der NSU-Akten, die fast 100.000 Menschen unterschrieben haben. Trotzdem soll ein Teil der Akten noch 30 Jahre verschlossen bleiben.

Nach dem NSU-Mord in Kassel: Tatort-Tourismus und ermittelnde Künstler

Vieles ist nach wie vor unklar. Auf der documenta 2017 versuchte das Kollektiv Forensic Architecture, in einem aufwendigen Verfahren nachzuweisen, dass der Verfassungsschützer Andreas Temme, der zur Tatzeit im Internet-Café war, den Mord mitbekommen haben muss. Viele documenta-Gäste besuchten danach den Honigladen von Hernández. Sie wollten den Ort sehen, an dem Halit Yozgat tot auf dem Boden lag. Der Stadtimker findet diesen „Tatort-Tourismus“ pietätlos.

Neben vielen Fragen bleibt auch offen, wie das Gedenken aussehen soll. Am Hauptfriedhof gibt es nun den Halit-Platz. Ismail Yozgat wünscht sich dennoch, dass die Holländische Straße nach seinem Sohn benannt wird. Die Stadt lehnt dies ab. Gülec geht trotzdem noch einen Schritt weiter. Ein Freund von ihr schlug vor, aus der Wolfhager die Walter-Lübcke-Straße zu machen. Am Holländischen Platz würde sie auf die Halit-Straße treffen. So würden für Gülec „beide Schicksale zusammenkommen. Das hätte eine große Symbolkraft.“

NSU-Mord an Halit Yozgat: Eine Chronologie des Schreckens

  • Januar 1998: Nach einer Razzia in ihrer Bombenwerkstatt in Jena tauchen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe unter.
  • September 2000: Die Mordserie beginnt: Mundlos und Böhnhardt erschießen den Blumenhändler Enver Simsek in Nürnberg. In den nächsten sechs Jahren sterben Abdurrahim Özüdogru (Nürnberg), Süleyman Tasköprü (Hamburg), Habil Kilic (München), Mehmet Turgut (Rostock), Ismail Yasar (Nürnberg), Theodoros Boulgarides (München), Mehmet Kubasik (Dortmund) und Halit Yozgat (Kassel). Zudem wird in Heilbronn die Polizistin Michéle Kiesewetter erschossen. Und bei einer Explosion in der Kölner Keupstraße werden mehr als 20 Menschen verletzt.
  • November 2011: Sparkassen-Überfall in Eisenach. Böhnhardt und Mundlos verstecken sich in ihrem Wohnmobil, wo sie sich erschießen. Zschäpe zündet die gemeinsame Wohnung in Zwickau an und stellt sich wenig später in Jena.
  • Oktober 2012: Nach einer langen Debatte um die Umbenennung der Holländischen Straße, die Halits Vater Ismael Yozgat fordert, wird in Kassel der Halit-Platz in der Nähe des ehemaligen Internet-Cafés eingeweiht.
  • Mai 2013: Am Münchner Oberlandesgericht (OLG) beginnt der Prozess gegen Zschäpe und vier Mitangeklagte.
  • Oktober 2013: Bei seiner bewegenden Zeugenaussage fragt Ismail Yozgat die Angeklagten: „Warum haben Sie meinen Sohn getötet? Was hat er Ihnen getan?“ Und er kündigt an, bis zu seinem Tod seinen Geburtstag am 7. April nicht mehr zu feiern. Wenig später wendet sich seine Frau Ayse an Zschäpe: „Denken Sie bitte immer an mich, wenn Sie sich ins Bett legen. Denken Sie daran, dass ich nicht schlafen kann.“
  • Juli 2016: Das OLG stellt fest, dass es Andreas Temme für glaubwürdig hält. Gleich sechs Mal hatte der Ex-Verfassungsschützer im NSU-Prozess aussagen müssen – öfter als jeder andere. Temme sagt, dass er nur zufällig am Tatort gewesen sei. Ayse Gülec von der Initiative 6. April findet nach wie vor: „Wenn ein Verfassungsschützer zur Tatzeit im Internet-Café sitzt, sitzt auch der Staat da und war beteiligt.“
  • Juli 2018: Nach einem der längsten Prozesse in der bundesdeutschen Geschichte wird Zschäpe wegen Mittäterschaft bei zehn Morden, 15 Raubüberfällen und zwei Sprengstoffanschlägen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Wegen Beihilfe zum Mord werden zwei weitere Angeklagte schuldig gesprochen, die beiden anderen wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.
  • März 2019: Die Stadt kündigt einen neuen Preis an. In Gedenken an die NSU-Opfer sollen mit dem Kasseler Demokratie-Impuls herausragende wissenschaftliche sowie journalistische Arbeiten ausgezeichnet werden.
  • März 2021: In Wiesbaden beginnen die öffentlichen Sitzungen des Untersuchungsausschusses des Hessischen Landtags zum Mordfall Walter Lübcke, der auch Verbindungen zum NSU-Mord an Halit Yozgat aufklären soll.
  • April 2021: Bislang haben fast 100 000 Menschen die Petition zur Freigabe der NSU-Akten unterschrieben, wie Sprecher Miki Lazar sagt. Ursprünglich waren die Akten für 120 Jahre gesperrt. Über das Anliegen soll am 14. April bei einem Runden Tisch im Wiesbadener Landtag gesprochen werden.

(Matthias Lohr)

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