Stelle wird nicht nachbesetzt

Die gute Seele der Karlskirche: Pfarrerin Inge Böhle geht in den Ruhestand

Pfarrerin Böhle steht am Altar der Karlskirche, auf dem ein großes silbernes Kreuz steht. Im Hintergrund sieht man die Kirche, in der noch Renovierungsarbeiten stattfinden.
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„Eine Kirche in der Stadt und für die Stadt“: Pfarrerin Inge Böhle nimmt nach 18 Jahren Abschied von der Karlskirche, in der aktuell noch Renovierungsarbeiten laufen.

Die Karlskirche hat künftig keine eigene Pfarrerin mehr. Mit dem Ruhestand von Inge Böhle wird deren halbe Stelle in der Kirchengemeinde Mitte nicht nachbesetzt. Ein Abschiedsporträt.

Kassel – Wenn es am schönsten ist, soll man gehen, lautet ein Sprichwort. Insofern geht Pfarrerin Inge Böhle ein bisschen zu früh. Denn noch ist die Sanierung Karlskirche nicht ganz fertig. Aber wer das Gotteshaus in der Innenstadt betritt, bekommt schon einen Eindruck, dass die drei Jahre währenden Arbeiten sich gelohnt haben. Die Hugenottenkirche, die vor 300 Jahren für die französischen Glaubensflüchtlinge errichtet wurde, hat einen neuen Glanz bekommen.

Der lichtdurchflutete Raum hat Böhle schon immer begeistert. Auch wenn die 64-Jährige diese Woche offiziell ihren letzten Arbeitstag hatte, ahnt sie schon, dass es „ein Ruhestand mit Nachklapp“ wird, wie sie es nennt. Denn sie war zuletzt nicht nur Seelsorgerin, sondern auch Baustellenmanagerin. Bis zum Sommer, wenn die Kirche feierlich wiedereröffnet werden soll, wird sie wohl noch das eine oder andere Mal zurückkehren. Dass nun auf die letzten Meter alles rund läuft, ist ihr wichtig.

In ihren 18 Jahren an der Karlskirche war Inge Böhle – trotz halber Pfarrstelle – immer mit voller Kraft präsent. 2003 trat sie ihren Dienst in der damals noch selbstständigen Gemeinde an, nachdem sie viele Jahre Beauftragte für Kindergottesdienst für den Sprengel Kassel war. „Ich wollte nicht als die Kinder-Oma enden“, sagt die zweifache Mutter und lacht.

Ihr Ziel war damals, die Karlskirche stärker zu öffnen: „Das ist eine Kirche in der Stadt und für die Stadt.“ Das ist ihr gelungen – umso passender, dass im Zuge des Umbaus nun ein einladendes Foyer entstanden ist. Mit Ausstellungen, auch begleitend zur documenta, Konzerten, Predigtreihen und anderen Veranstaltungen standen die Türen der Karlskirche nicht nur sonntags offen. Die traditionelle Krippenausstellung im Advent zog vor Weihnachten regelmäßig mehrere tausend Besucher an. Selbst im vergangenen Dezember sorgte die rührige Pfarrerin dafür, dass trotz Pandemie einige Krippen in Schaufenstern an der Wilhelmsstraße zu sehen waren. „Es gibt keine Krippe, die nicht auch eine verkündigende Aussage hätte“, sagt Böhle.

Ein Herzensanliegen in der Weihnachtszeit war ihr das Angebot der Offenen Tür an Heiligabend. Keiner sollte Weihnachten allein feiern müssen, so die Idee. Weihnachten sei eben nicht nur ein Familienfest, sagt Böhle. „Das ist mir zu kitschig. Es geht doch eigentlich um etwas ganz anderes.“ Und so war sie seit 2004 jeden Heiligabend mit einem Helferteam im Einsatz in der Kirche, um anderen Gemeinschaft zu ermöglichen. Ihr Mann und die beiden Söhne waren immer mit dabei, die Familienweihnacht fand erst am ersten Feiertag statt.

Dass sich immer genug Ehrenamtliche fanden, um mit anzupacken, lag auch an Inge Böhles zugewandter Art. „Ich nehme jeden Menschen, wie er ist, als geliebtes Kind Gottes“, sagt sie. Mit dieser Aufmerksamkeit für ihr Gegenüber konnte sie viele motivieren. In der Gemeinde und darüber hinaus waren auch ihre Predigten geschätzt, in denen sie in der Tiefe der Bibeltexte Bezüge zur heutigen Lebenswelt fand und die Menschen oft berührte. Bei ihrem letzten Gottesdienst vor zwei Wochen flossen auch Tränen.

Erschwert ist der Abschied dadurch, dass die halbe Stelle für die Karlskirche nicht neu besetzt wird. „Das ist jammerschade“, sagt die Pfarrerin. Die anderen Kollegen der Kirchengemeinde Mitte, neu verstärkt durch Pfarrer Hardy Rheineck (Wehlheiden), übernehmen ihre Aufgaben. In jedem Bruch liege auch eine Chance, sagt Böhle: „Diese Kirche hat schon so viel gesehen, natürlich wird es weitergehen.“ Die 64-Jährige freut sich nun auf die neue Lebensphase mit mehr Zeit für ihre Familie und vielfältigen Interessen von Musik, Literatur und Kultur bis Wandern und Reisen. (Katja Rudolph)

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