Kälte macht Iryna Höhmann glücklich

Ist das gesund? Kasselerin schwimmt bei Minusgraden im Bugasee

Eisbaden macht sie glücklich: Iryna Höhmann fährt jeden Tag mit ihrem Fahrrad zum Bugasee, um dort ins Wasser zu gehen. Dass die Wassertemperatur derzeit im niedrigen einstelligen Bereich liegt, macht ihr nichts aus.
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Eisbaden macht sie glücklich: Iryna Höhmann fährt jeden Tag mit ihrem Fahrrad zum Bugasee, um dort ins Wasser zu gehen. Dass die Wassertemperatur derzeit im niedrigen einstelligen Bereich liegt, macht ihr nichts aus.

Eisbaden entwickelt sich immer mehr zu einem Trend. Auch Iryna Höhmann aus Kassel geht bei Minusgraden täglich für einige Minuten in den Bugasee. Aber ist der Aufenthalt im kalten Wasser wirklich gesund?

Kassel ‒ Die dick eingepackten Spaziergänger am Bugasee bleiben verwundert stehen und greifen zur Handykamera, um das festzuhalten, was sie dort sehen. Denn wenn Iryna Höhmann voller Begeisterung in den kaum fünf Grad warmen Bugasee läuft und bis zu den Schultern untertaucht, ist ihre Leidenschaft für viele nicht unbedingt nachzuvollziehen. Für die 32-Jährige, die gebürtig aus der Ukraine stammt und für den Ironman trainiert, ist das sogenannte Winterbaden ihre „Droge“, wie sie es nennt. Die Kälte habe ihr dabei geholfen, Probleme zu bewältigen.

Da war zum einen ein Fahrradunfall im September, bei dem sich Höhmann den Ellenbogen brach. Die Fraktur musste mit elf Schrauben und einer Metallplatte zusammengehalten werden. Im Oktober erkrankte ihr Vater an Corona. Er arbeitete in der Ukraine als Oberarzt der Neurologie und hatte sich dort infiziert. „Er hatte keine Vorerkrankungen und starb innerhalb von sechs Tagen“, erzählt Höhmann. Sie ist froh, dass sie sich noch in einem Videotelefonat von ihrem Vater verabschieden konnte. „Er hat Patienten, die an Corona erkrankt waren, geholfen, aber sein eigenes Leben konnte er nicht retten.“

Besondere Atemtechnik von Wim Hof macht Eisbaden möglich

Höhmanns Bruder, der ebenfalls Triathlet ist, erzählte ihr nach dem Tod des Vaters von Wim Hof. Der Niederländer wendet eine Atemtechnik an, um in extremen Kältesituationen auszuharren, und erzielt damit nach eigener Aussage positive Effekte auf die geistige und körperliche Gesundheit. Hof begann, die Techniken zu entwickeln, um mit dem Tod seiner Frau klarzukommen.

Auch für Iryna Höhmann, die gelernte Restaurantfachfrau ist und im Café Nenninger arbeitet, ist die Kälte, wie sie selbst sagt, eine Möglichkeit, um mit dem Schmerz klarzukommen, der in ihrer Seele durch den plötzlichen Tod ihres Vaters entstanden ist. Aber sie geht nicht nur seit einigen Monaten bei Minusgraden schwimmen, sondern joggt auch in Top und Shorts in der Karlsaue. „Die Kälte löst in mir Glücksgefühle aus“, sagt sie. Die Methode von Wim Hof habe ihr zudem geholfen, sich auf das Hier und Jetzt zu fokussieren.

Mit dem Rad unterwegs: Iryna Höhmann legt ihre Handtücher auf eine Bank in der Buga, bevor sie in den See geht.

Derzeit muss Höhmann wegen ihrer Verletzung noch etwas vorsichtig sein. „Aber nach der abschließenden Operation in einigen Monaten kann ich wieder alles machen“, sagt sie. Höhmann trainiert in der Zweirad-Gemeinschaft Kassel und fährt regelmäßig Rennrad. Ob ihre Freunde ihre Leidenschaft für die Kälte teilen? „Bislang wollte in den Wintermonaten noch niemand regelmäßig mitkommen“, sagt Iryna Höhmann.

Kasselerin wagt sich in den eiskalten Bugasee

Mit Winterkleidung radelt Höhmann zu einem kleinen Strand am Bugasee. Tatsächlich ist keine Gänsehaut zu erkennen, wenn sie sich dort umzieht. Oft wird sie angesprochen, wenn sie in der Aue bei Minusgraden in kurzer Kleidung läuft oder eben im Bikini am Bugasee steht.

Das Einzige, was Höhmann ein bisschen unangenehm findet, ist, dass ihre Füße manchmal von der Kälte taub werden. „Aber sonst macht mir Kälte gar nichts mehr aus“, sagt sie. „Sie ist mein warmer Freund.“ Während Eisbaden in Deutschland erst seit in paar Jahren immer mehr zum Trend wird, ist es in Höhmanns Heimat Ukraine nichts Ungewöhnliches. „Mein Cousin geht bei viel kälteren Temperaturen schwimmen“, erzählt die junge Frau, die vor elf Jahren ursprünglich der Liebe wegen nach Deutschland gekommen ist. Man spürt eine Verbindung zwischen Körper und Geist, wenn man in das kalte Wasser geht, und denkt nicht mehr nach, beschreibt sie es. „Nachdem ich im kalten Wasser war, habe ich Energie für den ganzen Tag und bin bedingungslos glücklich.“

Wim-Hof-Methode

Der Niederländer Wim Hof ist auch unter „The Iceman“ bekannt. Der 61-Jährige ist Extremsportler und hält Rekorde im Ertragen extremer Kälte. Zuletzt brach er seine eigene Bestleistung 2011, als er fast 53 Minuten im Eiswasser blieb. Nach Hofs Aussage kann jeder mit der Anwendung seiner Atemtechnik, die auf einer tibetanischen Meditationspraxis basiert, ähnliche Erfolge erzielen. Verkürzt dargestellt handelt es sich um mehrfaches Ein- und Ausatmen und anschließendes Luftanhalten.

Karl-Friedrich Appel, Kardiologe am Ambulanten Herzzentrum in Kassel

Eisbaden: Mediziner über Gefahren und positive Effekte

Eisbaden erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Über positive und negative Effekte des Schwimmens im Winter haben wir mit Karl-Friedrich Appel, Kardiologe am Ambulanten Herzzentrum in Kassel gesprochen.

Was sind die Vorteile des Eisbadens?
Eisbaden hat in den letzten fünf bis zehn Jahren immer mehr zugenommen. Beim Eintauchen ins kalte Wasser kommt es in erster Linie zu einer Adrenalinausschüttung, und Endorphine werden freigesetzt. Das führt zu drei wesentlichen Dingen: Wenn man ins kalte Wasser geht, ziehen sich die Gefäße zusammen, wenn man wieder rauskommt, dann erweitern sich die Gefäße. Das Schwimmen im kalten Wasser ist also ein Gefäßtraining. Durch die kühlen Temperaturen kommt es zur Vermehrung der weißen Blutkörperchen, so wird das Immunsystem stimuliert. Das ist der Grund, weshalb diejenigen, die Eisbaden regelmäßig praktizieren, angeben, weniger Infekte zu haben. Außerdem berichten die Probanden häufig, dass durch die Ausschüttung der Hormone ihre Konzentration verbessert und die Leistungsfähigkeit gesteigert wird.
Würden Sie also dazu raten?
Die Ausschüttung der Hormone hat auch negative Effekte. Bei vorerkrankten Gefäßen kann der Adrenalinschub nämlich auch zu gefährlichen Gefäßverengungen führen, die im schlimmsten Fall einen plötzlichen Herztod auslösen können. Zu empfehlen ist Eisschwimmen also nur für Personen, die keine Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Herzinfarkt, Schlaganfall, Bluthochdruck und Diabetes – all das muss zuvor ausgeschlossen worden sein. Wer bei diesen Temperaturen in Gewässern schwimmen möchte und über 40 Jahre alt ist, sollte das nur nach Rücksprache mit seinem Hausarzt tun. Bei jüngeren Menschen ist das weniger problematisch. Wir empfehlen unseren Herzpatienten zum Beispiel auch, nach der Sauna nicht in ein eiskaltes Becken zu gehen. Das hätte einen ähnlichen Effekt.
Wie sollte man das Schwimmen im Winter angehen?
Man sollte nicht direkt ins offene Gewässer gehen, sondern mit kalten oder wechselwarmen Duschen anfangen und das zunehmend steigern. Immer langsam ins Wasser gehen und nicht reinspringen. Beim Sprung ist die Gefahr noch größer, dass es zu gesundheitlichen Schäden kommt. Man sollte auch nie alleine bei diesen Temperaturen schwimmen gehen. Falls etwas passiert, sollte immer jemand dabei sein. Insgesamt sollte man nicht länger als fünf Minuten im kalten Wasser bleiben. (Kathrin Meyer)

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