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Novemberpogrome in Kassel: „Die kamen mit schrecklichem Gegröle“

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Von: Christina Hein

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Die Synagoge an der Bremer Straße im November 1938 am Tag nach den Ausschreitungen. Später wurde das Gotteshaus von den Nazis abgerissen. Heute erinnert eine Gedenktafel an den Standort.
Schaulustige: Die Synagoge an der Bremer Straße im November 1938 am Tag nach den Ausschreitungen. Später wurde das Gotteshaus von den Nazis abgerissen. Heute erinnert eine Gedenktafel an den Standort. © Carl Eberth

Zeitzeugin Gisela Gunkel (96) erinnert sich an die Pogrome in Kassel im November 1938.

Kassel – In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurden von den Nazis überall in Deutschland die Synagogen, jüdische Geschäfte und Häuser verwüstet. In Kassel begannen die Ausschreitungen schon zwei Tage früher, am Abend des 7. November, und zogen sich über Tage.

Gisela Gunkel (96) Zeitzeugin der Novemberpogrome in Kassel.
Gisela Gunkel (96) Zeitzeugin © Hein, Christina

Eine, die das weiß, weil sie als eine der wenigen lebenden Augenzeugen in Kassel das antisemitische Wüten gegen jüdische Einrichtungen aber auch gegen Menschen gesehen hat, ist Gisela Gunkel. Die Seniorin, die in einem Heim in Bad Wilhelmshöhe wohnt und an Silvester 97 Jahre alt wird, erinnert sich seit 84 Jahren intensiv.

Sie stand am Nachmittag – es muss wohl der 8. November 1938 gewesen sein – als einziger wartender Fahrgast an der Straßenbahnhaltestelle in Sichtweite der Synagoge an der Unteren Königsstraße. Gisela Gunkel besuchte damals die Oberrealschule an der Schomburgstraße, heute Schulstandort des Goethe-Gymnasiums. Erst im Januar 1938 war die Schule nach dem nationalsozialistischen Politiker in Hermann-Göring-Schule umbenannt worden.

Ausnahmsweise wartete die Schülerin die damals Gisela Wulff hieß und im Franzgraben wohnte, auf die stadtauswärts fahrende Tram, denn sie war auf dem Weg in die großelterliche Wohnung in der Niedervellmarer Straße in der Nordstadt. Gisela Gunkels Mutter verbrachte dort den Tag, um den Eltern die Wäsche zu machen. Gisela Gunkels Vater und Großvater waren Henschelaner.

Gisela Gunkel (rechts) mit ihren Schwestern Ruth (stehend) und Uta und den Eltern Luise und Wilhelm Wulff, circa 1938 aufgenommen.
Familie Wulff: Gisela Gunkel (rechts) mit ihren Schwestern Ruth (stehend) und Uta und den Eltern Luise und Wilhelm Wulff, circa 1938 aufgenommen. © privat

„Es muss gegen 15 Uhr gewesen sein, und ich stand mutterseelenalleine an der Haltestelle. Es kam keine Bahn.“ Erst später habe sie bemerkt, dass die SA die ganze Straße abgesperrt hatte. Auf einmal gab es „schrecklichen Lärm“. Mit „schrecklichem Gegröle“ seien uniformierte Männer auf die Synagoge zugestürmt, seien eingedrungen und hätten in dem Gotteshaus gewütet, zerstört und sakrale Gegenstände auf die Straße geworfen. Gisela Gunkel erinnert sich, dass sie von einer Kapelle mit Marschmusik begleitet wurden. „Es war schrecklich, ich stand wie angewurzelt und hatte große Angst.“

Die heute 96-Jährige hat an dem Tag auch gesehen, wie Lastwagen vorfuhren und Nazi-Schergen Männer aus Wohnungen nahe der Synagoge holten. „Die wurden zusammengetrieben und auf den LKW geschubst.“ Irgendwie sei sie doch noch ins Haus der Großeltern gelangt. Sie habe den ganzen Tag lang geweint.

Gab es zuhause eine Erklärung für das fassungslose Mädchen? Nein, sagt Gisela Gunkel. „Meine Mutter war still und sagte kein Wort, als ich vom Erlebten erzählte.“

Sie erinnert sich an eine Mauer des Schweigens und des Misstrauens. „Manchmal, wenn Erwachsene sich unterhielten, wurde uns Kindern gesagt: Ihr verlasst jetzt bitte das Zimmer.“ Sie erinnert sich, wie die Mutter zu dem Hausierer, Herrn Levy, von dem die Familie Textilien und Seife kaufte, eines Tages sagte: „Bitte kommen Sie nicht wieder. Wir dürfen von ihnen nichts mehr kaufen.“ Dabei habe die Mutter geweint. „In unserem Haus im Franzgraben wohnte ein Sturmbannführer. Alle hatten Angst.“ Keiner in der Familie sei in der Partei gewesen, sagt sie. Man habe sich nicht für Politik interessiert, auch wenn der Großvater im Panzerbau tätig war. Lediglich die ältere Schwester Ruth mischte beim NS-Bund deutscher Mädels mit. Als Ruth die Schwester mit zum BDM nehmen wollte, habe die Mutter protestiert: Lass die Gisela damit in Ruhe.

Als die jüdischen Nachbarn verschwanden, wurde darüber in der Familie nicht geredet. „Vielleicht haben sie die abgeholt“, hieß es nur. Mehr nicht. „Wir Kinder wurden nichts richtig gewahr, spürten nur eine enorme Angespanntheit.“ Mit dem Wissen von heute sei sie entsetzt und tief betroffen, was die Deutschen ihren jüdischen Mitbürgern angetan haben, sagt Gisela Gunkel. Dieses Grauen dürfe nie vergessen werden, „damit sich so was nie mehr wiederholt“.

Hintergrund

Nach der Pogromnacht im November 1938 in Kassel waren SS-Leute unterwegs und holten 258 jüdische Männer aus ihren Wohnungen. „Niemand aus der Nachbarschaft erkundigte sich an den folgenden Tagen, was geschehen war“, erinnerte sich der Kasseler Lehrer Willy Katz. Er wohnte damals an der Schomburgstraße, wurde als Jude später deportiert und überlebte den Holocaust. Die jüdischen Männer aus Kassel, die in Folge der Pogromnacht im November 1938 abgeführt wurden, kamen in das KZ Buchenwald nach Thüringen. Insgesamt wurden in den Jahren 1941 und 1942 vom Kasseler Hauptbahnhof aus in drei Deportationen insgesamt 2500 jüdische Menschen aus Nordhessen in die Todeslager in Riga, Lublin-Majdanek sowie Sobibor gebracht.

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