Interview mit VW-Betriebsratsmitglied

VW-Betriebsrat stimmt für radikale Maßnahmen zur Verkehrswende – Das sind die Gründe

Nur selten sieht Autoverkehr so schön aus wie auf dieser Langzeitbelichtung in Kassel: Wegen der Folgen für das Klima und die Gesundheit der Menschen in der Stadt fordert der Klimaschutzrat einschränkende Maßnahmen für den Kfz-Verkehr. Auch der VW-Betriebsrat Carsten Bätzold hat dafür gestimmt.
+
Nur selten sieht Autoverkehr so schön aus wie auf dieser Langzeitbelichtung in Kassel: Wegen der Folgen für das Klima und die Gesundheit der Menschen in der Stadt fordert der Klimaschutzrat einschränkende Maßnahmen für den Kfz-Verkehr. Auch der VW-Betriebsrat Carsten Bätzold hat dafür gestimmt.

Mir radikalen Maßnahmen will der Klimaschutzrat die Verkehrswende in Kassel vorantreiben. Auch VW-Betriebsrat Carsten Bätzold stimmte dafür - und erklärt warum.

Wie oft wurden Sie als Vertreter der Autoindustrie von Kollegen bei VW gefragt, wie Sie im Klimaschutzrat für die durchaus radikalen Vorschläge des Mobilitätskonzepts stimmen können?
Nicht ein einziges Mal. Bei VW halten mich die wenigsten für bekloppt. Zumindest hat sich niemand deswegen gemeldet. Mich hat das auch nicht überrascht. Die beschlossenen Maßnahmen treffen absolut den Nerv der Zeit. Die Menschen wissen sehr wohl, was los ist. Wer beispielsweise an der Frankfurter Straße wohnt, weiß um die Auswirkungen von Schadstoffbelastungen und Lärm. Die Mehrheit der Bevölkerung ahnt, dass es nicht unbedingt sinnvoll ist, überall mit dem Auto hinzufahren. Darüber können einige Leserbriefschreiber und manche Trolle im Internet nicht hinwegtäuschen.
Waren Sie und Ihr Kollege Frank Lehmann von Mercedes-Benz von Anfang an für das Maßnahmenpaket oder mussten Sie erst überzeugt werden?
Mich persönlich beschäftigt das Thema schon seit vielen Jahren. Schon in den 90ern habe ich mit anderen aus Anlass der Frankfurter IAA im VW-Werk Flugblätter verteilt, auf denen stand: „Wir haben keine zweite Welt im Kofferraum.“ Wir wollten darauf aufmerksam machen, wie viel Ressourcen beim Automobilbau verbraucht werden. Es ist meine persönliche Überzeugung, das ganzheitlich anzugehen. Bei der Verkehrswende geht es ja nicht nur um das Klima, sondern auch um Gesundheit, Lebensqualität und die Zukunft der Mobilitätswirtschaft.
Wie kommen Sie selbst von Ihrem Wohnort Schauenburg-Elmshagen zur Arbeit nach Baunatal?
Mit dem Auto. Mit dem Bus zu fahren, macht bei den Taktungen keinen Sinn. Und eine Fahrgemeinschaft klappt oft nicht wegen meiner Arbeitszeiten. Auf dem Land steht der ÖPNV noch einmal vor anderen Herausforderungen als in der Stadt. Je schlechter die Taktung von Bussen und Bahnen ist, desto weniger Leute steigen ein. Und je weniger Leute mitfahren, desto schlechter ist die Taktung. Da müssen Lösungen gefunden werden.
Die Scientists for Future haben gerade einen Faktencheck zu den Maßnahmen veröffentlicht und sind auf einige Gegenargumente eingegangen. Zum Beispiel: Reicht es nicht aus, ÖPNV, Fuß- und Radverkehr zu fördern? Warum muss der Autoverkehr eingeschränkt werden – etwa durch eine Verdoppelung der Parkgebühren?
Weil beides miteinander zusammenhängt. Für jedes Auto, das in die Stadt fährt, braucht man Platz, der begrenzt ist. Man kann Häuser nicht einfach untertunneln. Zudem stehen die meisten Autos 23 Stunden des Tages nur rum und nehmen exorbitant viel Platz weg. Trotzdem geht es nicht nur um Verbote, sondern auch um Anreize. Beides muss ausgewogen sein.
Werden sich dann bald nur noch Reiche ein Auto leisten können?
Viele arme Menschen können sich heute auch schon kein Auto leisten. Fakt ist doch: Würde man die wahren Kosten auf den motorisierten Individualverkehr umrechnen, wäre das Autofahren jetzt schon viel teurer. Denken Sie an die gesundheitlichen Auswirkungen, Verletzte und Verkehrstote. Es ist ein subventioniertes Geschäft.
Demnächst sollen Projekte wie in der Unteren Königsstraße umgesetzt werden, bei denen Straßen für Autos gesperrt werden. Bedeutet das mehr Lebensqualität? Oder befürchten Sie, dass Händler dort tatsächlich Umsatzeinbußen erleiden?
Das kann ich nicht einschätzen. Dazu fehlt mir die Zahlenbasis. Allerdings kenne ich keine Stadt, die Pleite gegangen ist, weil der Verkehr eingeschränkt wurde. Zudem haben meiner Ansicht nach die wenigsten Menschen Lust, mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren. Es ist allerdings fraglich, ob die Verkehrswende der alleinige Heilsbringer für die gesamte Stadtentwicklung ist. Dazu bedarf es auch anderer Maßnahmen.
Die Kasseler Linke wünscht sich mittelfristig eine autofreie Innenstadt. Können Sie sich das vorstellen?
Dazu bedarf es eines langen Prozess. Seit 60 Jahren sind wir ausschließlich auf die automobile Infrastruktur ausgerichtet. Um das nachhaltig zu ändern, braucht es lange Zeiträume. Die Vorschläge des Klimaschutzrates sind als Anregungen zu verstehen. Die müssen dann auf ihre Wirksamkeit untersucht werden. Gibt es beispielsweise weniger Atemwegserkrankungen an den großen Straßen, haben wir etwas richtig gemacht. Gehen allerdings etliche Läden kaputt, weil die Kunden mit dem Auto nicht kommen können und deshalb wegbleiben, muss man gegensteuern. Das ist kein Katechismus.
Inwiefern können Kassel und die Region auch wirtschaftlich von der Verkehrswende profitieren?
Die Mobilitätswirtschaft kann erheblich profitieren. Tausende Menschen arbeiten im Mobilitätssektor. Und das sind nicht nur Busfahrer und Straßenbahnschaffner. Die Fahrzeuge müssen hergestellt und gewartet werden. Wirtschaftlich kann die Verkehrswende ein dauerhaft stabilisierender Faktor sein.
Was bedeutet das für VW und die 17 000 Beschäftigten in Baunatal? Sie gehen davon aus, dass in Ihrem Werk bis 2030 zwischen 5000 und 8000 Arbeitsplätze wegfallen.
Diese Zahlen, die vom Basiswert Ende 2018 gerechnet sind, beinhalten den demografischen Wandel. Die Altersstruktur macht es also möglich, dass sehr viele Mitarbeiter aus den geburtenstarken Jahrgängen in einigen Jahren in Altersteilzeit gehen können. Dennoch werden durch eine sinkende Wertschöpfung wegen der E-Mobilität, die Digitalisierung sowie Produktivitätssteigerungen weitere Arbeitsplätze nicht mehr zur Verfügung stehen.
Für den FDP-Chef Christian Lindner sowie Ihren Gewerkschaftskollegen, den Linken-Politiker Klaus Ernst, bedeutet ein Auto Freiheit. Beide sind Porsche-Fahrer. Was ist das Auto für Sie?
Vor allem ein Fortbewegungsmittel. Für mich hat das Auto keinen kulturellen Wert. Ich würde sogar sagen: Ich mag Autofahren gar nicht besonders.
Wirklich?
Wenn ich Termine in Wolfsburg habe, fahre ich lieber mit der Bahn. Mit dem ICE bin ich in eineinhalb Stunden da und kann unterwegs noch etwas arbeiten. In Wolfsburg höre ich deswegen manchmal dumme Kommentare. Aber der Bäcker ernährt sich auch nicht nur von seinen Brötchen. Wir brauchen eine Antwort auf den von den Menschen gemachten Klimawandel.

(Matthias Lohr)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.