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„Die Musik hat etwas Rauschhaftes“: Hansgeorg Kling freut sich auf 16 Stunden Ring des Nibelungen am Stück

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Von: Christina Hein

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Szene aus der „Götterdämmerung“ in der Kasseler Inszenierung von 2020: Daniel Frank (Siegfried) und Kelly Cae Hogan (Brünnhilde) im Zentrum ziehen die Blicke an, sie sind umgeben von Mitgliedern des Opernchors und von Kasseler Bürgern. Archi
Szene aus der „Götterdämmerung“ in der Kasseler Inszenierung von 2020: Daniel Frank (Siegfried) und Kelly Cae Hogan (Brünnhilde) im Zentrum ziehen die Blicke an, sie sind umgeben von Mitgliedern des Opernchors und von Kasseler Bürgern. Archi © Nils Klinger/nh

Im Opernhaus lief die erste Aufführung des vierteiligen Zyklus der Kasseler Inszenierung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Dabei ist Hansgeorg Kling.

Kassel – In den Spielzeiten 2019 und 2020 waren die Musiktheaterwerke erarbeitet worden, unmittelbar nach der Premiere der „Götterdämmerung“ im März 2020 begann der pandemiebedingte Lockdown. Die Aufführungen waren zum Leidwesen der Fans unterbrochen.

Das Besondere der Wiederaufnahme jetzt: Der Vierteiler, in dem Götter ebenso auftreten wie Helden, Fabelwesen und Menschen, wird an vier Abenden hintereinander gezeigt – im Juni, beim zweiten Zyklus, sogar innerhalb einer Woche. Das sind insgesamt 16 Stunden Oper. Einer, der im Publikum dabei ist, ist Hansgeorg Kling.

Ihnen stehen insgesamt rund 16 Stunden „Ring des Nibelungen“ bevor. Muss man leidensfähig sein, um sich das anzutun?

Dazu kann ich nichts sagen, weil ich mich ja darauf freue. Ich werde gewiss nicht leiden. Das wird einfach ein intensives Live-Erlebnis sein, das man so sonst nicht hat. Allerdings höre ich dieses Vorurteil durchaus. Dann sage ich immer: Du musst es ausprobieren, dann kannst du dir ein Urteil bilden. Ich habe viele Menschen erlebt, die sich begeistern ließen.

Hansgeorg Kling
Hansgeorg Kling © Andreas Fischer

Meine Frau und ich haben übrigens nicht nur für den ersten Zyklus Karten, sondern auch für den zweiten im Juni.

Sie waren lange der Vorsitzende des Kasseler Richard-Wagner-Verbands und sind ja nicht der einzige Fan. Der Run auf die Karten ging schon Anfang des Jahres los. Was macht die Faszination von Wagner im Allgemeinen und vom Ring im Besonderen aus?

Ich kann nur für mich sprechen: Mich hat die Mehrzahl der Inszenierungen, die ich erlebt habe, als Mensch direkt angesprochen. Das liegt daran, wie die Geschichte erzählt wird: Es geht um Machtgier und um Liebe, um die ganze Spannbreite, die das Leben ausmacht. Das nach- und mitzuerleben, wie es Markus Dietz in seiner Inszenierung intendiert, ist packend. Es wird uns vor Augen geführt, wie Macht, wie Umweltzerstörung funktioniert.

Zur Person

Hansgeorg Kling (86), in Kassel geboren, studierte in Marburg und Wien auf Lehramt und unterrichtete Deutsch, Politik und Erdkunde an der Kasseler Albert-Schweitzer-Schule. 1992 bis 2022 war er der Vorsitzender des Richard-Wagner-Verbands Kassel (Mitglied seit 1983, Ehrenmitglied). Auch als Turner war er aktiv. Kling gehörte acht Jahre lang dem Präsidium des Deutschen Turner-Bundes an. Er ist verheiratet, Vater von zwei Töchtern und glücklicher Großvater von vier Enkeln. 

Aber auch wie die Liebe beginnt und was aus ihr werden kann. Beispielsweise ist die Liebesszene am Ende von „Siegfried“ einfach stark. Und dann die Musik, die etwas Rauschhaftes hat. Was mich berührt, ist nicht nur das Bombastische, sondern auch das Zarte, Lyrische.

Wer ist das, der sich Wagner-Opern anhört?

Das sind Menschen jeden Alters, die offen sind, ansprechbar – nicht nur für Musik im Radio. Die ins Kino gehen, die auch Puccini hören. Ich bin ebenso wenig allein auf Wagner fixiert. Auf meiner persönlichen Hitliste steht auch Verdi ganz ganz vorn.

Richard Wagner hat den Ring ja nicht aus einem Guss geschrieben, sondern im Verlauf von Jahren. Trotzdem liegt heute ein Reiz in der kompakten Rezeption. Warum?

Der enorme Umfang ist jedes Mal eine spannende und reizvolle Herausforderung. Er ermöglicht in jedem Fall ein intensives Genießen. Man muss natürlich Geduld haben, muss das wollen. Wenn Sie beispielsweise den Ring in Bayreuth erleben, tauchen Sie komplett in eine andere Welt ein.

Wer eine Woche lang den Ring erlebt, denkt nicht daran, wie er entstanden ist, wie Wagner das gemacht hat. Das ist weggeblendet, wenn ich in der Aufführung bin. In Bayreuth gibt es einstündige Pausen, in Kassel sind sie 30 Minuten lang. Da kann man ja auch wieder Luft schnappen.

Was schätzen Sie: Wie oft haben Sie den Ring in ihrem Leben gesehen?

Ich habe vor dem Interview mal kurz nachgerechnet: Ich habe die vier Ring-Werke insgesamt 150 Mal gehört und gesehen, die zehn Wagner-Opern 350 Mal. Mein Favorit ist die Walküre. Die allein habe ich 55 Mal erlebt. Das ganze verteilt auf 70 Jahre. Ich habe ja mit 17 und einer Aufführung von Lohengrin in der Kasseler Stadthalle angefangen.

Sind Sie schon mal eingeschlafen?

Nee.

Gibt es ein besonderes Erlebnis?

Die Anfänge in Bayreuth – meine Frau und ich sind dort seit 1982 zu Gast – waren schon besonders. Die Tristan-Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle ist unvergessen. Auch die Inszenierungen von Harry Kupfer. In Kassel war der Tristan von Leinert und Paternostro hervorragend. So wie jetzt auch die Inszenierung von Markus Dietz. In Bayreuth sind wir natürlich vielen Stars begegnet.

Einmal hat sich meine Frau ein Autogramm von Peter Hoffmann geben lassen. Wenn man bedenkt, dass wir in Kassel in einer 200 000-Einwohner-Stadt leben, ist die hohe Qualität an Wagner-Inszenierungen, die wir vorweisen können, außerordentlich. Das finde ich besonders. Allein der Ring wird jetzt hier zum fünften Mal nach dem Krieg aufgeführt. Ich habe 1962 in Wien mit dem Ring angefangen, ab 1971 habe ich alle Inszenierungen in Kassel gesehen.

Sie kennen ja die Kasseler Inszenierung bereits und wissen, was auf Sie zukommt. Sie waren Lehrer. Welche Note geben Sie dem Kasseler Ring?

Eine 1, ganz eindeutig. Regisseur Markus Dietz hat den Vierteiler als Parabel auf das Leben angelegt. Er erzählt von der Ausbeutung und vom Niedergang eines Gesellschaftssystems unter dem Aspekt: „Macht ersetzt Liebe“. Dabei arbeitet er die Rollen psychologisch fein heraus. Dietz kommt ja vom Schauspiel und beherrscht die Personenführung ausgezeichnet.

Vieles wird aber durch die Musik erzählt. Fachleute erkennen das Geflecht der Leitmotive. Ich durchschaue es nicht immer, und das ist auch nicht schlimm. Es hat den Vorteil, dass man sich unbefangen auf die Musik einlässt und sie jedes Mal neu erleben kann.

Haben Sie eine Idee, woher Ihre Leidenschaft kommt? War sie Ihnen in die Wiege gelegt worden?

Nicht zwangsläufig. Mein Vater war Handwerker. Wie in vielen Familien der Mittelschicht wollten meine Eltern, dass mein Bruder und ich vielseitig gebildet werden. Es war üblich, dass man ins Theater ging. Da war es ideal, dass wir bis zur Ausbombung in der Frankfurter Straße wohnten, ganz in der Nähe vom Theater.

Ich erinnere mich an das Weihnachtsmärchen, aber auch an so manche Operette. 1953 habe ich zum ersten Mal auf der Bühne Lohengrin gesehen. Das war damals in der Stadthalle. Klick gemacht hat es, als ich zum Studium in Wien war. Zweimal die Woche war ich im Stehparkett der Wiener Oper zu Gast, habe Karajan und alle Großen gehört.

Da hat mich das Atmosphärische der Oper und im Musikverein in den Bann gezogen. Wieder in Kassel, war ich von Wagner infiziert, und ich erlebte in den 1970er-Jahren begeistert die Ring-Inszenierung von Melchinger. Aber wie gesagt, ich liebe auch Puccini und Verdi.

Jetzt mal konkret und als Tipp für Ring-Anfänger: Wie sollte man sich auf den Aufführungsmarathon vorbereiten? Vorschlafen? Gut essen?

Da muss man gar nichts Besonderes vorbereiten. Es macht Sinn, sich vorher den Text durchzulesen. Das erleichtert die Rezeption. Und wie schon gesagt, in der Pause kann man ja ein bisschen entspannen. Ich esse dann immer eine Brezel. Und vor dem Theaterbesuch trinke ich ausgiebig Kaffee. Wenn die Oper um 16 Uhr beginnt, esse ich vorher nichts.

Aber dafür danach?

Eigentlich auch nicht. Ich trinke ein Glas Rotwein, freue mich auf die nächste Aufführung und gehe ins Bett.

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