Kasseler Lehrer über Stephan Ernst und Rechtsextremismus in der Region

Kassel nach dem Lübcke-Mord: „Die Neonazis laufen noch hier rum“

Demonstration gegen die Neonazi-Partei Die Rechte am 20. Juli 2019
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Starkes Zeichen gegen rechts vor einem Jahr in Kassel: Am 20. Juli 2019 demonstrierten 15.000 Menschen gegen den Aufmarsch der Neonazi-Partei Die Rechte. Danach entschloss sich der Lehrer Karl Eckhardt, Informationen über die rechte Szene und den mutmaßlichen Lübcke-Mörder Stephan Ernst zusammenzutragen.

Unter dem Pseudonym Karl Eckhardt hat ehemaliger Kasseler Lehrer eine Broschüre über „neofaschistische Akteure und Netzwerke in Nordhessen“ geschrieben. Im Interview erklärt er, wie die Neonazis auch nach dem Lübcke-Mord einfach weitermachen.

Sie haben zahllose Quellen über Rechtsradikale durchforstet. Mit uns sprechen Sie nur unter Pseudonym. Wie groß ist Ihre Angst?
Groß genug, um nur unter Pseudonym aufzutreten. Ich befürchte, irgendwann auch auf einer Feindesliste der Rechten zu stehen. Ich habe nicht vergessen, dass im Februar 2003 auf einen antifaschistisch engagierten Lehrer aus Kassel geschossen worden ist. (Anmerkung der Redaktion: Auf dem Computer von Stephan Ernst fanden die Ermittler Daten zur Adresse und zu Aktivitäten des Lehrers.) Bis auf Stephan Ernst und Markus H. laufen die Neonazis von damals alle noch hier herum. Angst alleine wäre aber ein schlechter Ratgeber. Es ist so, wie die Familie Lübcke sagt: „Wir dürfen nicht verstummen, sondern müssen klar Position beziehen.“ Darum habe ich monatelang recherchiert.
Wann haben Sie sich entschlossen, die Aktivitäten der nordhessischen Neonazis zu dokumentieren?
Ausgangspunkt waren die Kasseler Demo gegen rechts mit 15 000 Menschen vor einem Jahr und die offiziell verbreitete Version des Mordes an Lübcke. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass Sicherheitsbehörden neun Jahre nach dem Auffliegen des NSU und nach 13 NSU-Untersuchungsausschüssen erneut eine Geschichte von Einzeltätern und abgekühlten Neonazis präsentieren könnten. Mein Impuls war: Da muss man gegenhalten.
In der Broschüre schreiben Sie, dass viele Warnsignale für den Mord an Lübcke unbeachtet blieben.
Der Lebensweg von Stephan Ernst ist eine fast bilderbuchhafte Karriere eines gewalttätigen, terrorbereiten Neonazis, der alles andere als abgekühlt war. Seit seiner Jugend gehörte er zu den Aktivisten des Rechtsextremismus. Selbst eine mehrjährige Gefängnisstrafe stoppte ihn nicht. Er unternahm mutmaßlich mehrere Mordversuche. In Kassel war er fest eingebunden in die rechtsradikale Welt der Freien Kameradschaften Kassel und das Netzwerk von Combat 18. Er pflegte Freundschaften mit Neonazis und war Teil der Szene, die mutmaßlich den NSU in Kassel unterstützte. Am Ende hat er selbst vermutlich einen Mord verübt, der die Handschrift des NSU trägt.
Was würde eine Verurteilung von Stephan Ernst im Kampf gegen rechts bedeuten?
Es ist wenig bis überhaupt nichts gewonnen, wenn man ihn als Einzeltäter verurteilt. Der Fokus auf Einzeltäter führt in die Irre. Dann gibt es nämlich noch 13 000 andere potenzielle Einzeltäter. So groß ist die Szene gewaltbereiter Neonazis in Deutschland. Man muss ihre Strukturen zerlegen und sie entwaffnen. Offenbar hat auch Markus H. noch einige bisher unentdeckte Waffendepots im Reinhardswald angelegt. Und die Finanzierungswege müssen unterbunden werden. Unterlässt man dies, ist die Bevölkerung beruhigt, obwohl man überhaupt nicht beruhigt sein kann.
Was war die überraschendste Erkenntnis Ihrer Recherche?
Die erste überraschende Erkenntnis war, dass Walter Lübcke in den 90ern als Direktor der Jugendbildungsstätte Haus Mühlberg in Ohrdruf in Thüringen sich nicht gescheut hat, gegen rechtsradikale Jugendliche Flagge zu zeigen. Es ist beeindruckend, dass ein CDU-Politiker Konzerte gegen Gewalt organisiert und mit rechten Jugendlichen diskutiert. In der Nähe von Ohrdruf hat auch Markus H. bis 1995 gelebt, ehe er nach Nordhessen kam. Das kann Zufall sein. Vielleicht kannte Markus H. den späteren Regierungspräsidenten aber schon damals. Die zweite überraschende Erkenntnis war, dass es die Sicherheitsbehörden tatsächlich gewagt haben, der Öffentlichkeit eine verharmlosende Story anzubieten und jede Kritik daran als Verschwörungstheorie abzuwerten. Das hört nach Halle, Hanau und den Todesdrohungen gegen Landtags- und Bundestagsabgeordnete hoffentlich auf.
Die Linken-Bundestagsabgeordnete Martina Renner sagt, es habe innerhalb des NSU-Komplex eine Kasseler Zelle gegeben. Könnte der Mord an Walter Lübcke der elfte Mord des NSU gewesen sein?
Es gibt zumindest einige Fakten, die dafür sprechen. So hat Stanley R., einer der Anführer der mittlerweile verbotenen Gruppe Combat 18, jahrelang in Nordhessen gelebt. Er war in der gewaltbereiten Oidoxie Streetfighting Crew aktiv. Bei einem Geburtstagskonzert der Rechtsrockband Oidoxie für Stanley R. im später abgebrannten Clubhaus der Rockergruppe Bandidos im Wesertor sollen auch Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt anwesend gewesen sein. Für Combat 18 hatte Stanley R. ein Konto bei der Kasseler Sparkasse. Dort wurde der Mitgliedsbeitrag von 25 Euro eingezahlt. Nach allem, was wir wissen, muss es in Kassel ein Unterstützernetzwerk für die Rechtsterroristen gegeben haben.
Seit der Festnahme von Stephan Ernst vor einem knappen Jahr stehen die Neonazis der Region im Fokus. Wie aktiv sind die Rechtsextremen mittlerweile?
Die hat das alles überhaupt nicht gejuckt. Jemand wie Mike S., der mit Stephan Ernst zu Demos gefahren ist, postet auf Facebook weiterhin nur das Beste über seinen Kameraden und tauscht Ratschläge aus zum Umgang mit Sicherheitsbehörden. Kassel ist nach wie vor ein Hotspot der Rechten.
Die AfD sagt, es sei mehr oder weniger Zufall gewesen, dass sich Stephan Ernst bei Ihnen engagiert habe. Wie eng sind die Verbindungen zwischen ihm und der Partei?
Stephan Ernst hat die AfD als parlamentarische Vertretung des Rechtsextremismus angesehen. Darum hat er dem Thüringer Landesverband von Björn Höcke Geld gespendet, ist mit Markus H. zu Wahlkampfveranstaltungen gefahren und hat Plakate für die AfD in Kassel geklebt. Wenn Leute wie Alexander Gauland davon reden, dass sie die anderen Parteien vor sich hertreiben und sie sich unser Land zurückholen wollen, bedienen sie sich der Sprache der Neonazis. Das kommt bei denen an. Inzwischen gibt es eine Mischszene von Neonazis und AfD.
Was erhoffen Sie sich vom Prozess gegen Stephan Ernst und Markus H.?
Neben einer Verurteilung wünsche ich mir, dass der Vorsitzende Richter anders als im NSU-Prozess möglichst viele Spuren und Indizien aufruft, die auf Mitwisser und ein Unterstützerumfeld verweisen. In der Luft liegt auch das brisante Thema, ob Markus H. ein V-Mann war, wofür es einige Indizien gibt und wie es selbst Stephan Ernst vermutet. Das wird das Gericht wohl nicht aufklären können. Es ist zu erwarten, dass auch der Untersuchungsausschuss im Landtag hier auf eine Mauer des Schweigens stößt. Am einfachsten wäre es, wenn im Landtag, wo alle Parteien rückhaltlose Aufklärung fordern, ein neuer Beschluss herbeigeführt würde, um den Bericht des Verfassungsschutzes über seine Tätigkeit im NSU-Kontext frei zu geben. Dann könnten auch die Grünen zeigen, dass sie es ernst meinen mit der rückhaltlosen Aufklärung. Die Behörden müssen zugeben, dass sie gewusst haben, was Stephan Ernst gemacht hat, als er angeblich ein abgekühlter Rechtsextremist war. Das sind wir Walter Lübcke schuldig.

Die Broschüre gibt es kostenlos unter: linksfraktion-hessen.de/luebcke-mord/

Von Matthias Lohr

Überraschende Wende im Lübcke-Prozess: Der Hauptverdächtige Stephan Ernst hat den Mord am ehemaligen Regierungspräsidenten von Kassel gestanden.

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