„Die Region trifft sich“: Seligmann fordert mehr Dialog und weniger Mahnmale

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Dr. Rafael Seligmann

Kassel. Wer lediglich ein paar warme Worte hören will, bevor das Buffet eröffnet wird, darf Dr. Rafael Seligmann nicht einladen. Es sei höchste Zeit, Juden nicht mehr nur als Opfer zu sehen, Sonntagsreden zu diesem Thema habe es schon genug gegeben, sagte er.

Der 1947 in Tel Aviv geborene Schriftsteller und Publizist, der in Berlin lebt, brachte seine Überzeugung so auf den Punkt: „Wir brauchen keine weiteren Holocaust-Mahnmale, wir haben die Originalschauplätze.“ Erinnerung an Rosenzweig Der 64-Jährige hatte spätestens hier die volle Aufmerksamkeit der 800 Gäste in der Kasseler Sparkasse (Wolfsschlucht). Bei der Veranstaltung „Die Region trifft sich - die Region erinnert sich“ ging es um den in Kassel geborenen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig, der im Dezember 125 Jahre alt würde. Rosenzweig gilt als ein Verfechter des interreligiösen Dialogs. Er starb 1929, erlebte also den Nationalsozialismus nicht mehr.

Fotos: "Die Region trifft sich"

"Die Region trifft sich"

An der Kasseler Universität gibt es eine Franz-Rosenzweig-Professur, vor dem Kreishaus an der Wilhelmshöher Allee erinnert ein Gedenkstein an ihn. Ein normales Miteinander müsse es geben, sagte Rafael Seligmann. Doch zuvor sei eine offene Auseinandersetzung nötig. Viel zu sehr sei die deutsche Öffentlichkeit darauf fixiert, den weisen Nathan zu suchen. Den netten Juden, der alles versteht und alles vergibt. Seligmann, der 1957 mit seinen Eltern von Israel nach Deutschland ausgewandert ist und in München studiert hat, hält das für die falsche Herangehensweise. Das Judentum im deutschen Leben, so der Titel von Seligmanns Vortrag, war einmal ein ganz normaler Bestandteil.

„Fast 2000 Jahre gehörten Juden zur deutschen Gesellschaft, das gab es nirgendwo sonst.“ Umso erstaunlicher sei es, dass es über Jahrzehnte keine jüdische Gegenwartsliteratur in Deutschland gegeben habe. Der Grund: Die meisten Juden, die in Deutschland geblieben seien oder die es nach Deutschland verschlagen habe, seien unfähig gewesen, ihre Gefühle zu zeigen. Sie hätten geschwiegen, weil sie nicht verzeihen können. Warum haben meine Nachbarn den Unmenschen Hitler gewählt? Warum wurden meine Eltern, meine Kinder, meine Verwandten und Freunde zusammengetrieben und planmäßig ermordet? Bis heute gebe es keine wirkliche Auseinandersetzung mit diesen Fragen. Seligmann nannte die klassische Judenschule als Vorbild dafür. Dort werde diskutiert und gestritten. Aus seiner Sicht ist das eine wichtige Voraussetzung für ein funktionierendes Miteinander. (tos)

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