Das Sandershaus in Bettenhausen integriert Flüchtlinge

Diese Flüchtlingsunterkunft ist auch Hostel, Kneipe und Kultur-Treffpunkt

Thilo Trumpoldt verantwortet das Kulturangebot im Sandershaus in Kassel-Bettenhausen. Heiko Kannenberg ist einer von zwei Geschäftsführern. Im kommenden Jahr arbeiten sie mit der documenta zusammen.
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In der Bar mit Bücherwand: Thilo Trumpoldt verantwortet das Kulturangebot im Sandershaus. Heiko Kannenberg ist einer von zwei Geschäftsführern. Im kommenden Jahr arbeiten sie mit der documenta zusammen.

Im Sandershaus leben Flüchtlinge nicht abgeschottet wie in anderen Unterkünften. Das Haus in Bettenhausen ist auch Hostel, Kneipe und Kultureinrichtung. Auch die documenta schätzt den Ort.

Kassel – Wie ungewöhnlich das Sandershaus in Bettenhausen ist, zeigt sich auch im Garten der Einrichtung, die nicht nur eine Flüchtlingsunterkunft ist. Einmal feierte in der Bar eine feine Hochzeitsgesellschaft. Im Live-Club „Subterrain“ im Keller spielte eine Hardcore-Band. Im Hostel wohnten damals 20 niederländische Hippies. Und irgendwann trafen sich alle Gäste mit den Bewohnern am Lagerfeuer im Garten. Mehr Vielfalt gibt es vielleicht an keinem anderen Ort Kassels.

Gerade hat die Stadt den Vertrag über die Flüchtlingsunterkunft mit dem Sandershaus um weitere fünf Jahre verlängert. 58 statt 52 Plätze soll es dann in dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Haferkakaofabrik geben. Für Bürgermeisterin Ilona Friedrich ist das Sandershaus eine „Konstellation, die es in Deutschland nicht noch mal gibt“, wie sie kürzlich im Ortsbeirat sagte.

Bereits 2015 hatten Eigentümer Axel Simon und Heiko Kannenberg die Idee, eine Gemeinschaftsunterkunft anders aufzuziehen. Andernorts sind die oft abgeschottet vom gesellschaftlichen Leben. Im Sandershaus sollte jedoch von Beginn an Vermischung und Teilhabe möglich sein. Nachdem mehr als eine Million Euro in das Gebäude gesteckt wurde, ging es 2017 los.

Wie gut das Konzept funktioniert, stellt Geschäftsführer Kannenberg etwa fest, wenn ein Bewohner zu ihm sagt: „Hier bin ich nicht mehr Flüchtling. Hier bin ich wieder der Mohammad.“ In der Werkstatt, die von einem ehemaligen VW-Arbeiter ehrenamtlich betreut wird, basteln Migranten an ihren arabischen Musikinstrumenten. Gäste reparieren ihren Staubsauger. Teilen und Nachhaltigkeit werden großgeschrieben.

Im Grunde ist das Sandershaus mit seinen 17 Mitarbeitern so etwas wie eine Reisscheune („Lumbung“), von der die documenta-Leiter von Ruangrupa so gern erzählen, wenn es um das Teilen für die Gemeinschaft geht. Es verwundert daher nicht, dass die Kuratoren aus Indonesien früh auf das Sandershaus aufmerksam wurden und bei einem gemeinsamen Spaziergang Bettenhausen entdeckten. Der Stadtteil im Osten Kassels wird ein Schwerpunkt der documenta fifteen werden.

Mit der documenta will das Sandershaus 2022 während der Kunstschau ein vielfältiges Programm aus Lesungen, Vorträgen und Konzerten auf die Beine stellen.

Es wird dann ein bisschen wie früher sein, als man vor allem im Osten ausging, wo Clubs wie Factory, Spot und Da Jam die Besucher anlockten. Viele gingen damals auch in den Kensington Market im heutigen Sandershaus, wo Anfang der 80er die damals noch unbekannten Toten Hosen spielten.

Heute bezahlen Besucher bei den meisten Veranstaltungen keinen Eintritt. Stattdessen sammeln Mitarbeiter zwischendrin Geld ein. Jeder gibt, so viel er will und kann. Auch dieses Prinzip passt zur documenta. (Matthias Lohr)

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