Interview mit Kirchensprecher Kupski über den Umgang mit Homosexualität

Kassel. Wenn ab Montag die Landessynode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck zu ihrer Herbst-Tagung zusammentrifft, steht auf der Tagesordnung auch ein umstrittenes Thema: Beschlossen werden soll, dass gleichgeschlechtliche Paare, die in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft leben, künftig öffentlich im Gottesdienst gesegnet werden können. Bislang war das nur im Rahmen der Seelsorge möglich.

Im Vorfeld hat sich eine Initiative gegründet, die gegen die Gleichstellung von homosexuellen Lebensgemeinschaften ist. Nach dem Prinzip „sola scripta“ (allein die Schrift) widerspreche der Beschluss Gottes Wort, das homosexuelles Verhalten als Sünde missbillige. Darüber sprachen wir mit Roland Kupski, Pressesprecher der EKKW.

Herr Kupski, warum werden gleichgeschlechtliche Paare bislang von der Segnung im Gottesdienst ausgeschlossen?

Roland Kupski: Es gab im Jahr 2003 nach intensiver Diskussion einen Beschluss, dessen Hauptargument das so genannte Abstandsgebot war. Es sollte deutlich machen, dass eine homosexuelle Lebensgemeinschaft nicht mit einer Ehe gleichzusetzen ist. Inzwischen ist die Diskussionslage so, dass die Synode Gelnhausen den Wunsch geäußert hat, den Beschluss aus dem Jahr 2003 erneut zu beraten. Darum wurde eine neue Vorlage erarbeitet. Die EKKW zählt zu den letzten Landeskirchen, die über eine Zulassung dieser Segnung im Gottesdienst berät.

Also eine längst überfällige Entscheidung?

Kupski: Das will ich nicht bewerten. Wir haben uns Zeit gelassen, um genau hinzuhören. Aber sie ist jetzt dran.

... und wird nicht bei allen auf Zustimmung stoßen. Bibeltreue Christen fürchten, dass diese Segenshandlung Gottes Wort widerspricht.

Kupski: Wie so oft geht es hier um die Auslegung. Um zu beantworten, was angemessen ist, müssen wir in die Texte blicken. Die biblische Grundlage dazu ist relativ dünn - und die Situation damals war eine andere als die unsere heute. Die Frage ist doch: Was dient dem Menschen? Vor diesem Hintergrund müssen wir unseren Glauben öffnen und unsere Lebensverhältnisse stets neu prüfen. Das hat die evangelische Kirche ja auch immer gemacht - man denke nur an die Frauenordination -, das ist unsere Erfolgsgeschichte.

Provoziert der Beschluss dennoch eine Spaltung?

Kupski: Das kann ich mir nicht vorstellen. Protestantische Offenheit heißt streiten um die Wahrheit, beten um Konsens und Versöhnung gestalten. Dass die Beschlussvorlage in Kirchengemeinden und -vorständen für Diskussionen sorgt, erlebe ich in diesen Tagen an den an uns gerichteten Briefen, die von Zustimmung bis Ablehnung reichen.

Im Beschluss ist von „können“ die Rede. Das heißt, Pfarrer können den Wunsch nach Segnung aus Gewissengründen auch ablehnen?

Kupski: Ja. Zwar nicht die Segnung als solche, aber dass sie sie ausführen, davon können sie Abstand nehmen. Hier gilt der Gewissenvorbehalt - gezwungen wird bei uns keiner. Da aber niemand abgewiesen werden darf, der in dieser verbindlichen Lebensgemeinschaft gesegnet werden will, muss die Segnungshandlung an einen anderen Pfarrer bzw. Pfarrerin übergeben werden.

Wie wird der Segensakt in der Praxis aussehen?

Kupski: Eine Vorgabe gibt es nicht. Vermutlich wird es Handreichungen geben ähnlich wie bei Adventsfeiern oder Goldenen Hochzeiten.

Wäre das nicht Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die fürchten, dass homosexuelle Lebensgemeinschaften mit der Ehe gleichgesetzt werden?

Kupski: Grundsätzlich gilt doch, dass nicht Situationen oder Verhältnisse gesegnet werden, sondern Menschen in ihrer individuellen Lebenssituation. Und das gilt auch für Menschen, die sich entschlossen haben, ihr Leben verbindlich und im Versprechen lebenslanger Treue gemeinsam zu führen, ob nun in einer Ehe oder als gleichgeschlechtliche Paare in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Wir alle brauchen Gottes Zuspruch an den Übergängen unseres Lebens.

Von Anja Berens

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