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Wie ein Kasseler 1972 die Trauerfeier nach dem Olympia-Attentat in München erlebte

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Von: Florian Hagemann

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Trauerfeier statt Fußball: Am 6. September 1972 sollte im Olympiastadion eigentlich Sport stattfinden. Doch nach dem Terroranschlag zuvor nahmen 80 000 Menschen an der Trauerfeier für die Opfer teil.
Trauerfeier statt Fußball: Am 6. September 1972 sollte im Olympiastadion eigentlich Sport stattfinden. Doch nach dem Terroranschlag zuvor nahmen 80 000 Menschen an der Trauerfeier für die Opfer teil. © Imago /Pressefoto Baumann

Der Kasseler Michael von Rüden erlebte die Trauerfeier nach dem Attentat bei Olympia 1972 im Stadion vor Ort. Dabei hatte er eigentlich Karten für das Fußballspiel zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR.

Kassel – Als Michael von Rüden am Morgen des 6. September im Jahr 1972 nach München aufbrach, ging er noch davon aus, dass er an diesem Tag im Olympiastadion ein Fußballspiel sehen würde: Bundesrepublik Deutschland gegen die DDR – eine Begegnung nicht nur von sportlicher Brisanz.

Michael von Rüden freute sich auf ein Ereignis, das schließlich nicht stattfand. Stattdessen nahm er an einer Trauerfeier teil, auf die alle Welt blickte. Wenn der Kasseler die ganze Geschichte von damals erzählt, dann erzählt er auch viel über die damalige Zeit und den Terror, der plötzlich die Unbeschwertheit der Münchner Olympiatage beendete.

Michael von Rüden war damals 23 Jahre alt, Student in Göttingen, begeisterter Bergsteiger, der mehrmals im Jahr mit seinem VW Käfer nach Farchant bei Garmisch-Partenkirchen fuhr und dort mit einem Freund die Berge erklomm. 1972 sollten die Urlaubstage mit Olympia im nicht weit entfernten München zeitlich zusammentreffen. Ideal, um sich im Vorfeld um Tickets zu bemühen. Für Fußball. Für BRD gegen DDR. Am 6. September.

Bis dahin verbrachten Michael von Rüden und sein Kumpel unbeschwerte Tage. Nach einer Bergtour schauten sie immer fern, was pure Faszination war: Olympia lief in Farbe – und das, was übermittelt wurde, war kollektive Fröhlichkeit: toller Sport, beste Atmosphäre, wolkenloser Himmel. Ein Sommermärchen im Jahr 1972.

Michael von Rüden fand das auch deswegen so beeindruckend, weil sich die aufgeheizte Stimmung der 68er-Jahre im Land auf einmal aufgelöst hatte, der Kalte Krieg in den Hintergrund geraten war und jeder lieber auf die modernen Sportstätten geschaut hatte. Einen ersten Eindruck davon bekam er bei der Hinfahrt nach Farchant, als er den Mittleren Ring befuhr und das neue Olympiastadion und die Radrennbahn ein erstes Mal sah. Bald würde er dort auch Sport sehen – am 6. September.

Dass es anders als geplant kommen würde, war selbst auf der Hinfahrt an jenem Tag noch nicht klar. Über das Autoradio hörten Michael von Rüden und sein Kumpel zwar von einem Anschlag auf Olympia. „Aber da war alles noch im Vagen“, berichtet der heute 73-Jährige. Die Nachrichtenlage war spärlich, das Handy noch nicht erfunden. Es dauerte, bis die schreckliche Nachricht die Runde machte.

Eine erste Ahnung, dass etwas nicht stimmte an diesem Tag, bekam Michael von Rüden damals mit, als er und sein Bergsteigerkollege den Käfer an der Ehrwalder Straße parkten und mit der S-Bahn zum Olympiastadion fuhren. Der Ordnungsdienst dort machte ihnen klar, dass die Fußball-Begegnung nicht ausgetragen würde, die Tickets aber Gültigkeit hätten für die kurzfristig anberaumte Trauerfeier.

Nur: Was war genau passiert? Michael von Rüden und all die anderen, die nun zum Olympiastadion strömten, wussten bis dahin immer noch kaum etwas vom Anschlag der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September auf die israelische Olympia-Mannschaft am Tag zuvor, von der missglückten Befreiungsaktion, von den vielen Toten in der Nacht. „Im Nachhinein klingt das vielleicht unverständlich: Aber ich war so auf das Fußballspiel fixiert, dass ich mir nicht vorstellen konnte, zu einer Trauerfeier zu gehen. Ich war fast ein bisschen enttäuscht. Wir waren einfach nicht informiert“, erinnert sich Michael von Rüden.

Er und sein Kumpel gingen trotzdem ins Stadion, zwei Plätze auf der Gegengeraden. Irgendwann gegen 10 Uhr waren 80 000 Menschen rundherum versammelt. „Aber es herrschte eine seltsame Stille“, erzählt Michael von Rüden. „Im Innenraum standen und saßen Sportler und Offizielle, die Fahnen waren auf halbmast.“ Es war alles anders. Statt Fußballern spielten die Musiker des Münchner Philharmonie-Orchesters. Auf der Haupttribüne saßen Avery Brundage, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Bundespräsident Gustav Heinemann, Bundeskanzler Willy Brandt, Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel, Münchens Oberbürgermeister Hans-Joachim Vogel, Innenminister Hans-Dietrich Genscher und Willi Daume, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees.

Die Zuschauer bekamen immer mehr einen Eindruck, was geschehen war – erst recht, als der israelische Delegationsleiter die Namen der israelischen Sportler und Trainer verlas, die in der Nacht zuvor ihr Leben verloren hatten. „Es war schrecklich“, sagt Michael von Rüden. „Wobei wir noch nichts über die Umstände erfahren haben.“

Trotzdem empfand Michael von Rüden die Trauerfeier als würdig. Vor allem die Rede von Bundespräsident Heinemann behielt er in all ihrer Eindringlichkeit in Erinnerung. Es gab sogar Beifall, ehe Avery Brundage die Worte sprach, die bis heute für Diskussionen sorgen: „The games must go on.“

Schon am Nachmittag lief der Sport weiter. Michael von Rüden war damals skeptisch: „Die Leichtigkeit der Spiele war verflogen“, sagt er, auch wenn er die Spiele am Fernseher weiterverfolgt hat – „mit einem Rest von Trauer und Schwermut“. Heute sieht er die Entscheidung als richtig an – in Hinblick auf das Leben der vielen Sportler, die alles auf die Spiele ausgerichtet hatten.

Nach der Trauerfeier fuhren er und sein Kumpel wieder nach Farchant. Später ist er noch öfter mit seiner Familie in München gewesen, hat sich das Olympische Dorf angeschaut, die Gedenktafel für die Opfer. Immer wenn er am Olympiastadion vorbeifährt, denkt Michael von Rüden an jenen Tag im Spätsommer 1972 , der völlig anders verlaufen ist als vorgesehen. „Im Leben kommen manchmal Dinge zusammen, die eigentlich nicht zusammenpassen“, sagt er. (Florian Hagemann)

Michael von Rüden CDU-Fraktionsvorsitzender
Michael von Rüden CDU-Fraktionsvorsitzender © Fischer, Andreas

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