Frauen öfter betroffen als Männer

Was hilft gegen Frühjahrsmüdigkeit? Schlafmediziner gibt Tipps

Viele fühlen sich im Frühjahr müde und schlapp: Mediziner raten, die Zeit draußen zu verbringen.
+
Viele fühlen sich im Frühjahr müde und schlapp: Mediziner raten, die Zeit draußen zu verbringen.

Endlich steigen im Frühling die Temperaturen und die Tage werden wieder länger, aber trotzdem fühlt man sich müde und schlapp. Was hilft gegen Frühjahrsmüdigkeit?

Kassel – Endlich steigen die Temperaturen und die Tage werden wieder länger, aber trotzdem fühlt man sich müde und schlapp. Der Kasseler Schlafmediziner Martin Konermann erklärt im Interview das Phänomen Frühjahrsmüdigkeit.

Herr Konermann, was versteht man unter Frühjahrsmüdigkeit?
Frühjahrsmüdigkeit bedeutet, dass man sich im Übergang vom Winter zum Sommer für eine gewisse Zeit müde, ein bisschen ausgelaugt fühlt und auch tagsüber mal schlafen könnte, wenn sich die Gelegenheit dazu böte. Der Grund dafür ist eine Nicht-Übereinstimmung bei der Hormonproduktion.
Was genau ist damit gemeint?
Das ist zum einen das Serotonin, ein Hormon, das das Wachsein fördert, und unter Lichteinfluss gebildet wird. Das heißt: Im Winter haben wir relativ wenig von diesem Hormon zur Verfügung und sind dementsprechend auch müder. Das zweite Hormon, das das Wachsein beeinflusst, ist das Melatonin, also das Schlafhormon. Das wird immer dann produziert, wenn durch die Augen wenig Licht ins Gehirn einfällt. Im Winter ist dementsprechend das Melatonin besonders hoch. Im Sommer wird es dann wieder weniger unter Einfluss von Sonnenlicht.
Kann man auch sagen, wir befinden uns noch ein bisschen im Winterschlaf?
Ja genau, es handelt sich um einen instabilen Zustand, weil das Serotonin noch sehr gering ist. Auf der anderen Seite drängt es einen aber auch nach draußen, wenn die Sonne wieder öfter scheint.
Wer ist besonders betroffen?
Frauen sind häufiger betroffen als Männer – und Erwachsene öfter als Kinder. Die Symptome sind zudem bei Frauen meist auch ausgeprägter. Vor allem zeigt sich die Frühjahrsmüdigkeit bei Menschen, die wenig an die frische Luft kommen, also die vorwiegend künstlichem Licht ausgesetzt sind und wenig Sonnenlicht abbekommen.
Eigentlich müsste es sich doch positiv auf den Körper auswirken, wenn die Tage wieder länger werden?
Der Umstellungsprozess ist das Problem. Positiv ist das auf jeden Fall, und deshalb bleibt die Müdigkeit meist ja auch nicht lange. Wenn die Serotoninproduktion wieder angekurbelt und die Melatoninproduktion wieder zurückgefahren wird, empfinden wir diese Müdigkeit.
Wirkt sich auch das in diesem Jahr ungewöhnliche Aprilwetter aus?
Auf jeden Fall. Die Kälteschübe, die wir erleben, die zermürben den Körper. Dieser ständige Wechsel ist fast wie eine Kneipp-Anwendung. Das ist anstrengend für den Körper und macht zusätzlich müde.
Was kann man gegen die Frühjahrsmüdigkeit tun?
Das beste Rezept ist, sich möglichst viel hellem Licht auszusetzen. Man sollte spazieren gehen, sich viel an der frischen Luft aufhalten. Das hilft. Auch sollte man in diesen Tagen nicht versuchen, seine Grenzen auszutesten und auch beim Sport auf ein gesundes Maß achten.
Kann die richtige Ernährung helfen?
Die Ernährung spielt eine große Rolle. Im Winter isst man normalerweise ein bisschen schwerer als im Sommer. Leichte Frühjahrsküche ist jetzt angesagt. Das heißt möglichst wenig Schwerverdauliches. Besonders fettreiche Speisen sind im Moment kontraproduktiv. Man sollte viel Gemüse und frisches Obst essen – vitaminreich, leicht und auf kleinere Mahlzeiten verteilt. Auf keinen Fall nur einmal am Tag den Magen vollschlagen. Das macht auch müde. Auch mit Alkohol sollte man eher zurückhaltend sein.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Wenn es wirklich nur Frühjahrsmüdigkeit ist, dann kann man die selbst behandeln. Man muss nur aufpassen, dass eine schwerwiegende Störung des Schlafes, wie auch Müdigkeit und ungewolltes Einschlafen am Tag, nicht einfach unter Frühjahrsmüdigkeit abgehakt und eine entsprechende Diagnose verzögert wird.
Ab wann spricht man von einer Schlafstörung?
Man spricht von einer chronischen Schlafstörung, wenn die Problematik länger als drei Wochen anhält. Das heißt, wenn jemand länger als drei Wochen schlecht schläft und am Tag richtig müde ist, ist es sinnvoll, mit einem Schlafmediziner Kontakt aufzunehmen und zu klären, dass das keine ernste Ursache hat.
Wann sollte man mit Blick auf den Schlafrhythmus am besten Sport machen?
Im Grunde ist das egal und eine Sache der individuellen Vorlieben. Wer morgens Sport macht, ist ein bisschen fitter und wacher für den Tag, wer abends Sport macht, kommt so in die Entspannung hinein. Beides ist gut. Allerdings sollte man in den letzten zwei Stunden, bevor man schlafen geht, keinen Sport mehr treiben, damit der Körper entsprechend zur Ruhe kommen kann. Immer, wenn die Körpertemperatur wie etwa beim Sport erhöht wird, schläft man schlecht. Das gleiche Phänomen zeigt sich, wenn man Fieber hat. Der Körper kann nur dann Ruhe finden, wenn die Kerntemperatur des Körpers um ein halbes Grad gesenkt wird. (Kathrin Meyer)

Zur Person

Prof. Dr. Martin Konermann (65) wurde in Münster geboren und studierte in seiner Heimatstadt Medizin. Seine Facharztausbildung absolvierte er an verschiedenen Kliniken in den Bereichen Innere Medizin, Kardiologie, Angiologie, Intensivmedizin und Schlafmedizin. An der Universität Bochum habilitierte er und hat dort einen Lehrstuhl inne. Konermann ist Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik für Innere Medizin im Marienkrankenhaus Kassel. Er ist verheiratet und hat einen Sohn.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.