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Die verlorenen Gotteshäuser von Kassel

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Von: Thomas Siemon

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Von den Nationalsozialisten zerstört: So sah die Synagoge an der Unteren Königsstraße aus.
Von den Nationalsozialisten zerstört: So sah die Synagoge an der Unteren Königsstraße aus. © Privat

Neues Buch über frühere Kirchen, Kapellen und die Synagoge von Christa Pflüger-Alheit.

Kassel – An manchen Stellen in Kassel gibt es noch Hinweise darauf, dass hier früher mal eine Kirche Stand. Unterhalb des Königsplatzes zum Beispiel beim italienischen Restaurant „Il Convento“. Das trägt die Erinnerung im Straßennamen „An der Garnisonkirche“. Bis zur Bombennacht vom 22. Oktober 1943 stand hier ein großes Gotteshaus. Von dem sind nur noch einige Mauern übrig, die heute Teil des auf den Grundmauern errichteten Lokals sind. Es gibt aber noch viel mehr ehemalige Kirchen und Synagogen in Kassel. Christa Pflüger-Alheit hat ein Buch über Kassels verlorene Gotteshäuser geschrieben, das im Jenior-Verlag erschienen ist.

Besonders liegt der pensionierten Lehrerin die Altstädter Pfarrkirche St. Cyriakus am Herzen, die auf dem heutigen Marställer Platz mit der Markthalle stand. Das sei die älteste bekannte Kirche der Siedlung Chasalla. Gebaut wurde sie um 850 und stand deshalb schon dort, als Kassel im Jahr 913 erstmals urkundlich erwähnt wurde. St. Cyriakus habe ihren Platz im direkten Umfeld des früheren Königshofes in der Nähe des heutigen Regierungspräsidiums gehabt. Möglicherweise habe es sogar noch einen Vorgängerbau aus Holz gegeben. Bei Grabungen im Jahr 1954 seien noch Reste der Fundamente von St. Cyriakus gefunden worden. Einen Hinweis auf die Kirche suche man heute vergebens.

Dabei hätten Kirchen wie St. Cyriakus früher eine zentrale Bedeutung für die Menschen gehabt. Als religiöse Zentren, aber auch als Treffpunkt und Orientierungshilfe.

Die Kirchenglocken seien ein wichtiges Kommunikationsmittel gewesen, Zeitgeber im Tagesablauf und weithin hörbare Warnung bei Feuer, Hochwasser, Sturm und herannahenden Feinden. 18 ehemalige Gotteshäuser werden von der Autorin beschrieben. Die letzte gotische Kapelle Kassels, das kann man dem Buch entnehmen, wurde 1954 abgerissen. Sie war nicht etwa baufällig, sondern stand im Weg, als vor 68 Jahren der Große Kreisel gebaut und die Leipziger Straße verbreitert wurde. Die Fundamente der Kapelle „Zum Heiligen Geist“ liegen heute unter Beton und Asphalt. Christa Pflüger-Alheit findet es schade, dass nicht einmal eine kleine Gedenktafel an sie erinnert.

Am Standort der früheren jüdischen Synagoge an der Unteren Königsstraße 84 gibt es immerhin eine Infotafel. Das stattliche Gebäude wurde von den Nazis in der Reichspogromnacht schwer beschädigt und später komplett abgerissen. Die Erinnerung an jüdisches Leben in Kassel sollte ausradiert werden. Das ist zum Glück nicht gelungen. Nur wenige Meter vom früheren Standort entfernt steht ein Neubau für die heutige jüdische Gemeinde.

In dem Buch gibt es noch eine Vielzahl weiterer Hinweise auf ehemalige Gotteshäuser. Eine interessante Lektüre für alle, die sich mit diesem Teil der Kasseler Geschichte etwas intensiver beschäftigen wollen. (Thomas Siemon)

Service: Christa Pflüger-Alheit, Kassels verlorene Gotteshäuser, Jenior Verlag,108 Seiten, 16,50 Euro.

Stand bis 1795 am Holzmarkt: die Maria-Magdalena-Kirche auf einem Gemälde von Ernst Metz.
Stand bis 1795 am Holzmarkt: die Maria-Magdalena-Kirche auf einem Gemälde von Ernst Metz. © Privat
Sie hat das Buch geschrieben: Christa Pflüger-Alheit vor der Alten Brüderkirche. Archi
Sie hat das Buch geschrieben: Christa Pflüger-Alheit vor der Alten Brüderkirche. © und Repros: Thomas Siemon

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