Diese Frau ist ein Wunder

Albina Moimas überlebte Auschwitz, nun feiert sie in Kassel 100. Geburtstag

Albina Moimas mit Schwiegersohn Pietro Vincenzo Montirosso (links) und Tochter Luciana Minin.
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Albina Moimas wird 100: Die Jubilarin (Mitte) feiert unter anderen mit Schwiegersohn Pietro Vincenzo Montirosso (links) und Tochter Luciana Minin.

Die Italienerin Albina Moimas ist eine in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche und bemerkenswerte Frau. Sie ist eine seltene Zeitzeugin, gehört sie doch zu den wenigen noch lebenden Menschen, die Auschwitz, das Todeslager der Nazis, überlebt haben. Jetzt wird sie hundert Jahre alt.

Kassel - Was Albina Moimas für immer mit Auschwitz, wo sie als junge Frau als politischer Häftling interniert war, verbindet, wurde ihr auf den linken Unterarm tätowiert. Ihre Lagernummer 82139.

Am Samstag feiert Albina Moimas ihren 100. Geburtstag: in geistiger und auch körperlicher Vitalität. Sie lebt in ihrer eigenen Wohnung, wo sie von ihrer Tochter Luciana Minin bei der Bewältigung des Alltags unterstützt wird. Täglich wird gemeinsam in der Familie gegessen: Albina mit ihrer Tochter und Schwiegersohn. „Meine Mutter ist großartig, sie ist eine unglaublich starke Frau“, sagt Luciana Minin.

Seit zwölf Jahren ist Albina Moimas Kasselerin, denn sie ist aus Treviso bei Venedig, wo sie zuletzt lebte, hierher gezogen, um in der Nähe ihrer Tochter und ihres Schwiegersohn Pietro Vincenzo Montirosso zu sein. In Kassel sind die Minin-Montirossos vielen bekannt, weil das Paar mit seinem Eiswagen durch die Stadt fährt und selbstgemachtes Eis verkauft.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich am Ende meines Lebens in Deutschland leben werde“, sagt Albina Moimas. Sie fügt hinzu, dass sie keinen Hass auf Deutsche verspüre: „Die jungen Leute haben mit den Gräueltaten der Faschisten nichts zu tun.“

Es war Sippenhaft, die sie und ihre Schwester Sorella in das Konzentrationslager brachte: Einer ihrer Cousins hatte sich als Untergrundkämpfer in den Bergen versteckt, wo ihn die Familie mit Lebensmitteln versorgte. Am Morgen des 1. Juni 1944 nehmen Schergen des italienischen „Führers des Faschismus“, Benito Mussolini, die 22-jährige Albina und ihre zwölf Jahre ältere Schwester in ihrem Heimatort Monfalcone bei Triest fest.

Ohne Anklage werden die Frauen ins Gefängnis gesteckt. Nach einem Monat in Haft in Triest werden Albina und Sorella mit anderen Inhaftierten in Viehwaggons verfrachtet. Einer der Carabinieri auf dem Zug klärt sie auf: „Ihr kommt nach Auschwitz-Birkenau.“ Albina Moimas erinnert sich: „Als wir nach vier Tagen ankamen, sahen wir voller Entsetzen die halb verhungerten Menschen mit kahl geschorenen Köpfen.“

Auch die Italienerinnen erwartete in Auschwitz das komplette Programm des Grauens der deutschen KZ-Maschinerie: „Wir mussten uns ausziehen“, erinnert sich Moimas. „Unsere Kleidung „wurde ordentlich zusammengefaltet.“ Es folgt die sogenannte Desinfektion mit beißenden Chemikalien. „Es waren die gleichen gekachelten Räume, in denen Juden vergast wurden“, stellt Albina später fest.

Unbekleidet mussten die Frauen anstehen, um registriert und tätowiert zu werden. Ihnen wurden die Haare abrasiert. In Auschwitz musste Albina Moimas wegen einer lebensgefährlichen Blutvergiftung operiert werden. Da war sie 22 Jahre alt, unterernährt und hatte Monate schwerster Feldarbeit hinter sich. „Das ist Zynismus, nicht wahr?“, sagt sie. „Wäre ich nicht jung und noch nützlich gewesen, hätte man mich getötet, und so wollte man, dass ich lebe.“

Albina Moimas: Auschwitz-Überlebende in Kassel wird 100 Jahre alt.

„Eines Morgens im Januar 1945 wachten wir auf und stellten fest: Die Lagertür steht auf“, erzählt Albina Moimas. „Meine Freundin Maria lief sofort raus. Mich hielt eine innere Stimme zurück.“ Es ist ein Hinterhalt. Wärter schießen auf die fliehenden Menschen. Sie erschießen auch Maria.

In der Nacht verlässt auch Albina die Hölle Auschwitz. Auf einem gefährlichen Fußmarsch läuft sie mit anderen zurück in die Heimat. Ihre Schwester Sorella, die das Lager überlebt hatte, kommt auf dem Weg nach Hause ums Leben.

Seit der OP durch den KZ-Arzt war Moimas nicht mehr im Krankenhaus. Auch Medikamente müsse sie keine nehmen, sagt sie. „Meine Mutter ist einfach ein Wunder“, sagt Luciana Minin.

Die Jubilarin Albina Moimas ist Mutter von zwei Töchtern und Großmutter von zwei Enkelkindern, die in Italien leben.

Empfang: Zusammen mit der Familie der Jubilarin lädt die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Kassel für Samstag, 30. Oktober, 11 bis 12.30 Uhr, zu einem Empfang zu Ehren Albina Moimas in das Restaurant Da Cocca, Heckerswiesenstraße 6A, ein. Es gelten die 2G-Regeln. Wegen begrenzter Teilnehmerzahl wird um Anmeldung gebeten, per E-Mail: office@fir.at

(Christina Hein)

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