Mit Social Media machen Parteien unterschiedliche Erfahrungen

Facebook und Instagram im Wahlkampf: Es ist für alle Neuland

Ist alle zwei Tage bei Instagram live: Kassels SPD-Spitzenkandidat Patrick Hartmann .
+
Ist alle zwei Tage bei Instagram live: SPD-Spitzenkandidat Patrick Hartmann (links).

So einen Wahlkampf gab es noch nie: Statt auf Wahlkampfstände am Supermarkt setzen die Parteien wegen Corona auf Social Media. Wie schlagen sich die Kassler Politiker bei Facebook und Instagram?

Kassel – Der Satz von Angela Merkel ist schon acht Jahre alt, aber immer noch aktuell: 2013 sagte die Kanzlerin: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Im Kommunalwahlkampf spüren das auch Kasseler Politiker. Wegen Corona entdecken sie Social Media.

Es ist der erste Wahlkampf, in dem Facebook und Instagram wichtiger sind als der gute alte Wahlkampfstand vor dem Supermarkt. Auch eine Webseite reicht nicht mehr aus. Die ist für den Kasseler Politikwissenschaftler Prof. Wolfgang Schroeder zwar noch wichtig, „sie genügt aber nicht mehr für eine personalisierte, dynamische Kommunikation“. Wie schlagen sich die Bewerber auf Facebook, Instagram und Twitter?

Die Plattformen

Am professionellsten ist die SPD aufgestellt, die auf ihren Spitzenkandidaten ausgerichtet ist. Facebook-Videos zeigen Patrick Hartmann auf der Tour durch die Stadtteile. Auf Instagram ging er zuletzt alle zwei Tage live und redete mit Gesprächspartnern – vom Gewerkschafter Ralph Stiepert bis zum DJ und Club-Betreiber Steve Turn.

Als einzige Partei hat die SPD eine Agentur engagiert. Sie heißt passenderweise „Das beste Pferd im Stall“. Wie hoch ihr Etat ist, verraten die Sozialdemokraten ebenso wenig wie die anderen Parteien. Alle haben mit demselben Problem zu kämpfen: Auf Facebook erreicht man nur die Älteren, bei Instagram vor allem die Jüngeren. Für ein Fünftel der unter 35-Jährigen sind die Sozialen Medien laut Schroeder sogar die Hauptnachrichtenquelle. Zudem muss man „versuchen, aus der eigenen Blase rauszukommen“, wie es die Linken-Spitzenkandidatin Violetta Bock sagt.

Um nicht nur die eigenen Anhänger zu erreichen, sondern auch die unentschlossenen Wähler, haben die Grünen laut Spitzenkandidatin Awet Tesfaiesus ein „Social-Media-Team aus jungen Leuten“ zusammengestellt. Viele schalten bezahlte Werbung. Die Liste „Rettet die Bienen“ findet man auf Social Media hingegen nirgends. Ihr Spitzenkandidat Bernd Hoppe kam nicht dazu, sich darum zu kümmern, wie er sagt.

Die Spitzenkandidaten

Für den Politikwissenschaftler Schroeder sind die Grüne Tesfaiesus und FDP-Spitzenkandidat Matthias Nölke am breitesten aufgestellt, weil sie „die Politik auf Facebook, Instagram und Twitter aktiv bewerben“. Dagegen haben Michael von Rüden (CDU) und Sven R. Dreyer (AfD) als einzige nicht mal ein Facebook-Profil.

Beim Christdemokraten von Rüden ist das eine bewusste Entscheidung, wie Marcus Leitschuh sagt, der bei der CDU für den Online-Wahlkampf zuständig ist: „Es wäre völlig unglaubwürdig, wenn sich jemand nur für den Wahlkampf ein Profil anlegt.“

Dreyer wollte die Strategie seiner Partei nicht erläutern. Auffällig ist, dass die AfD bei Facebook die meisten Abonnenten hat, dort aber fast nur Inhalte zur Bundespolitik postet. Lokalpolitik findet auf ihrer Seite quasi nicht statt.

Die Interaktion

Bei Facebook und Instagram können Parteien und Politiker direkt angesprochen werden. Trotzdem sagt Tesfaiesus von den Grünen: „Gespräche am Infostand können nicht ersetzt werden.“ Auch der FDP-Bundestagsabgeordnete Nölke berichtet von „überschaubaren Kommentaren“ auf der Facebook-Seite der Partei, die nun zukunftsweisend „Kassel 2030“ heißt.

Dagegen zieht Sozialdemokrat Hartmann ein positives Fazit: „Selbst im anonymen Internet haben wir es geschafft, die Leute zu erreichen.“ Bis zu 100 User haben seine Instagram-Gespräche live verfolgt. „Wann hören mir im Bürgerhaus Jungfernkopf schon mal 100 Leute zu?“, fragt sich Hartmann, der in einem „digitalen Wahlkampfstand“ auf der Webseite auch mit Wählern chattet.

Allerdings stellt nicht nur Christdemokrat Leitschuh fest: „Der Tonfall im Netz ist rauer.“ Und die Linke Bock merkt an, dass man auch die erreichen muss, die weder auf Facebook noch bei Insta-gram sind. Fast alle versuchen, ihre Inhalte auch auf der jeweiligen Webseite zu präsentieren. Die Linke fährt sogar mit Lautsprecherwagen durch die Stadt. Selbst in digitalen Zeiten ist der Wahlkampf also bisweilen analog.

Politologe Schroeder glaubt, dass die Bedeutung des Online-Wahlkampfs auch nach der Pandemie größer sein wird: „Vielleicht wird das Corona-Wahljahr ein Game-Changer.“

Dann müssten die Parteien aber mehr liefern als die Satiriker von „Die Partei“. Auf deren Instagram-Account sieht man vor allem abfotografierte Wahlplakate. Auf einem heißt es: „Wir machen es wenigstens nicht schlimmer.“ (Matthias Lohr)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.