Im Alter von 75

Trauer um Dirk Schwarze: Früherer HNA-Kulturchef gestorben

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Journalist, Kunstexperte und verehrter Kollege: Dirk Schwarze (1942 – 2017).

Kassel. Der Schock war groß, als uns der Anruf erreichte: Dirk Schwarze ist tot. Und eigentlich können wir es immer noch nicht fassen.

Der Journalist, Kulturkritiker und langjährige Feuilletonchef der HNA war am Morgen des Fronleichnamstages seiner schweren Krebserkrankung erlegen. Seinen 75. Geburtstag am 2. April hatte Dirk Schwarze bereits im Krankenhaus begehen müssen, erst kurz davor war seine Erkrankung diagnostiziert worden. 

Bis zuletzt hatte Dirk Schwarze noch darauf gehofft, die documenta 14 wenigstens in Kassel begleiten zu können, nachdem ihm eine Reise nach Athen schon nicht mehr möglich gewesen war. Bis vor wenigen Tagen noch widmete er sich intensiv der Ausstellung, plante eine Fortsetzung seines documenta-Standardwerkes „Meilensteine“. 

Mit Schwarze verlieren Kassel und die Kunstwelt den intimsten Kenner der Weltkunstausstellung. Kein Journalist hat die documenta-Ausstellungen in den vergangenen Jahrzehnten intensiver und kenntnisreicher begleitet als er. Mit stets neuer Begeisterung verfolgte er, wie die Ausstellung sich unter den jeweiligen künstlerischen Leitern fortentwickelte, sich alle fünf Jahre ein neues Profil gab und die jeweils aktuellen künstlerischen und gesellschaftlichen Fragestellungen etablierte. 

Zuletzt galt sein besonderes Interesse dem Ansatz der documenta 14, neben der Ausstellung auch einen Schwerpunkt auf flüchtige Kunstformen wie Performances, Aktionen, Musik- und Radioprogramme zu legen. Journalistisch vorbildlich war Schwarzes Herangehensweise, in der sich Begeisterung für die Sache, Offenheit für Neues und analytische Durchdringung auf schlüssige Weise verbanden. 

Niemals wich er von seinem Anspruch ab, komplizierte Sachverhalte in verständlichen Worten darzustellen, ohne dabei auf unangemessene Weise zu vereinfachen. Als langjähriger Verantwortlicher für die Volontärsausbildung bei der HNA war er hierbei Generationen von Journalisten, auch dem Autor dieser Zeilen, ein wichtiges Vorbild. 

Geboren wurde Schwarze 1942 im schlesischen Glogau. Nach der Schulzeit in Quedlinburg und Solingen studierte er in Köln Germanistik und Soziologie. Seine journalistische Laufbahn begann er als Redakteur der „Rheinischen Post“ in Düsseldorf. Anfang der 70er-Jahre kam er nach Kassel, wo er mit seiner Familie seinen Lebensmittelpunkt fand. Mit der documenta-Stadt war Schwarze derart verwachsen, dass er 2012 von Oberbürgermeister Bertram Hilgen zum Ehren-Kasseläner ernannt wurde. 

Auch wenn sich Dirk Schwarze zuvorderst als „Mister documenta“ einen Namen machte – seit 2007 war er auch Vorsitzender des documenta-Forums –, so war sein journalistisches Engagement doch wesentlich breiter angelegt. Die Gesamtheit der Kunstszene, insbesondere die lokale Kassels und der Region, hat Schwarze wichtige Impulse zu verdanken. Darüber hinaus war Schwarze auf verschiedenen Gebieten tätig, etwa im Kuratorium der Evangelischen Akademie Hofgeismar. 

Die HNA-Redaktion wird ihn als kenntnisreichen, freundlichen und humorvollen, dazu stets hilfsbereiten Kollegen schmerzlich vermissen. Dirk Schwarze hinterlässt seine Ehefrau Kersti und drei erwachsene Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Vor Kurzem war er zum dritten Mal Opa geworden – eine große Freude für den bereits Erkrankten. Dirk Schwarzes Tod hat in Kassel weithin Bestürzung ausgelöst – einige Reaktionen veröffentlichen wir hier:

Reaktionen zum Tod von Dirk Schwarze 

documenta gGmbh

„Dirk Schwarze war für die Künstlerischen Leiter_innen, Kurator_innen sowie Macher_innen vieler documenta-Ausstellungen das lebende Gedächtnis der Institution documenta, eine sprudelnde Quelle von Erinnerungen, Geschichten, Anekdoten und wichtigen Details. Für diese documenta, und viele, die noch kommen werden, ist der Tod von Dirk Schwarze ein herber Verlust, er hinterlässt eine große Lücke im Gedächtnis dieser Institution.“

Stadt Kassel

„Dirk Schwarze hat sich leidenschaftlich für die kulturellen Schätze unserer Stadt und insbesondere die moderne Kunst engagiert“, würdigt Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen. „Dirk Schwarze hat für die Kunst der Moderne in Kassel Außergewöhnliches geleistet und maßgeblich dazu beigetragen, dass die documenta als Ereignis und in ihrer epochalen Wirkung für die Stadt so fest verankert ist. Dirk Schwarze wird uns und der Kasseler Kultur fehlen.“

documenta-Forum

„Dirk Schwarze war als Vorsitzender fast zehn Jahre lang das Gesicht des documenta-Forums. Mit großer Leidenschaft erfand er eine öffnende und erhellende Art der Vermittlung der zeitgenössischen Kunst und insbesondere der documenta. Wir haben Dirk Schwarze immer als authentisch erlebt. In klarer Gedankenstruktur vermittelte er seinen Sachverstand für die Gegenwartskunst. Dabei war er eher zurückhaltend, nie belehrend, doch auch heiter und freundlich, und gleichzeitig – wenn nötig – auch bestimmend, mit klarer Vorstellung, wo der Weg hinführen soll.“

Evangelische Akademie

„Der Tod Dirk Schwarzes bedeutet für die Evangelische Akademie Hofgeismar den Verlust eines Freundes, Ratgebers und Unterstützers. Dirk Schwarze gehörte dem Kuratorium der Akademie 20 Jahre an, darunter zwölf Jahre als dessen Vorsitzender. Wir haben seine Kompetenz auf seinem ureigenen Gebiet, der Kultur, geschätzt - als Referent auf vielen Tagungen und Ratgeber für die inhaltliche Ausrichtung der Akademie. Er hat sie durch seine klare, besonnene, zielführende Art auch in schwierigen Situationen unterstützt und ihren Kurs mitgeprägt. Er war ein Freund der Akademie. Wir trauern um ihn und werden ihm bleibend dankbar sein.“

Verlag B&S Siebenhaar

„Dirk Schwarze wurde als Journalist und Kunstkritiker so geschätzt, weil ihm die Sache stets wichtiger war als die eigene Person. Hinter all seinen kundigen, nüchtern-abwägenden, präzise einordnenden, niemals verletzenden Kritiken konnte man aber immer den engagierten Vermittler zwischen der Welt der Kunst und ihren Rezipienten spüren. Dirk Schwarze war in seinen Artikeln und Büchern ein stimulierender Ratgeber, wie ihn sich Leser nicht besser wünschen konnten. Seine Bücher werden uns bleiben, als Autor und Mensch wird er uns sehr fehlen.“

Kritik gehört dazu

Dirk Schwarze über Joseph Beuys’ 7000 Eichen

Um Dirk Schwarze als Autor zu würdigen, drucken wir einen Text von ihm, in dem er mit der ihm eigenen Klarheit und ganz ohne intellektuelles Geschwurbel das Kunstverständnis von Joseph Beuys erklärt:

Kritiker trifft Künstler: Dirk Schwarze (links) mit Joseph Beuys (mit Hut) und dessen Kollegin Rhea Thönges-Stringaris (vorn).

Von Dirk Schwarze

Joseph Beuys richtete 1972 im Museum Fridericianum sein „Büro für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ ein, in dem er 100 Tage lang mit den Besuchern über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kunst diskutierte. In diesen Gesprächen verdeutlichte er, was er mit seinem Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ meinte: Jeder verfügt über ein schöpferisches Potenzial, das er wie ein Künstler zum Nutzen der Gesellschaft einsetzen kann. 

Mochte Beuys 1972 noch wie ein Aussteiger aus der Kunstszene erscheinen, so wurde fünf Jahre später verständlich, dass er den Freiraum der Kunst brauchte und nutzte, um in die Gesellschaft hineinzuwirken. Seine 1987 im Fridericianum unter der „Honigpumpe“ eingerichtete „Freie Internationale Universität“ wurde zum umfassenden Forum für die Arbeit in und an der Gesellschaft. Eine sinnfällige Form gewannen der so oft propagierte „erweiterte Kunstbegriff“ und die „soziale Plastik“ aber erst mit der Aktion „7000 Eichen“. Dabei konnte man als Skulptur den einzelnen Baum mit der daneben aufgestellten Basaltstele ebenso ansehen wie die Gesamtheit der Bäume und Stelen. Beuys selbst verstand diese „soziale Plastik“ viel umfassender. Für ihn gehörten neben dem Plan und die Tat auch die Widerstände und Konflikte dazu. 

Beuys hat zur documenta 7 einen Prozess in Gang gesetzt, der, solange die Idee für die „7000 Eichen“ lebendig bleibt, nie zu Ende geht.“

Auszug aus einem HNA-Text von 1982 und aus Dirk Schwarzes Buch „Meilensteine“, B & S, 224 S., 19,80 Euro.

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