Diskussion über Beschneidung in Kassel

Diskussion über Beschneidung: Kaum Verständnis für fremden Ritus

Kassel. Was ist höher zu gewichten: Die Religionsfreiheit oder die körperliche Unversehrtheit von Neugeborenen? Um diese Frage kreiste die Diskussion über Beschneidung, zu der Christen, Juden und Muslime gemeinsam eingeladen hatten.

Während der Austausch der unterschiedlichen Positionen und Argumente auf dem Podium weitgehend sachlich blieb, spitzte sich der Ton spürbar zu, als die Diskussion für das Publikum geöffnet wurde. Etwa 150 Menschen waren am Montagabend in die Lutherkirche gekommen, sowohl Christen als auch Moslems und Juden.

Deutlich wurde in der zweistündigen Debatte einerseits, dass der Ritus für Juden und Moslems unverzichtbarer Teil ihrer religiösen Identität ist. Und dass andererseits vielen Christen und nicht religiösen Menschen aus ihrer Sozialisation heraus das Verständnis für den fremdartigen Ritus grundsätzlich fehlt. Die Befürworter der Beschneidung wiederum gingen auf die Bedenken, der Eingriff füge wehrlosen Kindern schlimme Schmerzen zu und schädige sie womöglich nachhaltig nicht ein. Der Frage, inwiefern der Eingriff nun schädlich oder vielleicht sogar medizinisch von Vorteil ist, wurde mit einer Flut von zitierten Studien begegnet, die beim Publikum den Eindruck hinterließen, dass die wissenschaftliche Debatte offenbar ebenso gespalten ist wie die gesellschaftliche.

Emotionalster Moment des Abends war wohl, als ein junger Mann sich zu Wort meldete, dessen Vater Moslem ist. „Ich bin beschnitten und ich fühle mich nicht gut damit“, sagte er. „Die Beschneidung ist keine Kleinigkeit, sondern ein tiefgreifender körperlicher Eingriff.“ Er leide bis heute darunter.

Stimmen zum Thema

"Ritual aus Judentum nicht wegzudenken"

Die Beschneidung am achten Lebenstag eines Jungen sei im Judentum ein in der Thora verankertes Gebot, erklärte der jüdische Publizist und Historiker Alexander Hasgall. Die Beschneidung sei Zeichen des Bundes zwischen Gott und Mensch und damit Teil der jüdischen Identität. Für jüdische Eltern sei es sehr verletzend, wenn es so dargestellt werde, als fügten sie ihren Söhnen schweres Leid zu. Das Ritual sei aus dem Judentum nicht wegzudenken

"Mehr Toleranz für anderes Weltbild"

Im Islam erreiche der Körper unter anderem durch die Beschneidung Vollkommenheit. Selçuk Dogruer, islamischer Theologe, kritisiert mangelnde Toleranz gegenüber dem anderen Weltbild von Moslem und Juden. Die Beschneidungsdebatte werfe die grundsätzliche Frage nach Religionsfreiheit in einem säkularen Staat auf. „Ich habe den Eindruck, religiösen Ritualen, die dem Maßstab einer bestimmten Rationalität nicht entsprechen, wird kein Existenzrecht zugebilligt.“

"Jesus war beschnitten"

Religionsgeschichtlich kenne die Hälfte der Menschheit Beschneidung, sagte Prof. Rainer Kessler (Ev. Theologie). „Alle Protagonisten des Neuen Testaments waren beschnitten.“ Bei der Debatte um ein Beschneidungsverbot müsse man fragen, was es bedeute, einem Kind einen Teil seiner religiösen Identität vorzuenthalten. Christenkönnten sich anderen Religionen gegenüber nicht als Besserwisser aufführen. „Die Frage ist, wieviel Fremdes wir bereit sind zu tolerieren.“

"Nur aus medizinischen Gründen operieren"

Der Kasseler Kinderchirurg Dr. Peter Illing nimmt nur aus medizinischen Gründen Beschneidungen vor. Bei dem Eingriff gebe es Risiken. Komplikationen seien selten, könnten aber auch dramatisch sein. Weil Neugeborene ein stärkeres Schmerzempfinden haben, nehme man auch kleine Eingriffe in Vollnarkose vor, um den Kindern eine Traumatisierung zu ersparen. Eine religiöse Indikation für den Eingriff sei unter bestimmten Bedingungen „diskutierbar“.

"Körperverletzung darf nicht Elternrecht sein"

Stärkster Beschneidungsgegner war Rolf Stöckel von der Deutschen Kinderhilfe. Die Kinder seien zu klein, um über den Eingriff zu entscheiden. Gewalt und Körperverletzung dürften aber nicht innerhalb des Elternrechts liegen, sagte Stöckel. Eine gesetzliche Erlaubnis der Beschneidung sei daher eine „Rolle rückwärts“ bei den Kinderrechten. Es gehe nicht darum, Eltern zu kriminalisieren. Die Religionsgemeinschaften müssten sich selbst „zivilisieren“.

Von Katja Rudolph

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