Geschichten der Kunstausstellung

60 Jahre documenta: Als aus einer Zarenkrone ein Friedenshase wurde

Gruppenbild mit Zarenkrone: (von links) Joseph Beuys, Helmut Mattner, Gerdie Gerlach, Otto Gerlach und der damalige Junior-Chef Olaf Gerlach im Juweliergeschäft.

Vor 60 Jahren fand die erste documenta in Kassel statt. In einer Serie stellen wir Menschen vor, die besondere Geschichten zu der Ausstellung beisteuern können.

Heute: Beuys, die Zarenkrone und der Friedenshase:

Es war im Juni 1982, als Joseph Beuys mit dem Düsseldorfer Altstadtkönig Helmut Mattner und mehreren seiner Studenten in das Juweliergeschäft Gerlach oberhalb des Königsplatzes marschierte. Mit dabei hatte die illustre Runde eine Kopie der Zarenkrone von Iwan dem Schrecklichen.

„Beuys wollte von uns wissen, ob wir einen Goldschmied haben, der die Krone für ihn vorsägen und die Steine ausfassen kann“, erinnert sich der 66-jährige Olaf Gerlach. Beuys sei ein sehr intellektueller und eindrucksvoller Typ gewesen. Der Künstler habe erzählt, dass er die Zarenkrone, die Mattner 1961 von dem Düsseldorfer Juwelier René Kern hatte nachbilden lassen, einschmelzen will. In Mattners Nobelrestaurant „Datscha“ in Düsseldorf war zu späterer Stunde aus dem Aufsatz der Krone Schampus getrunken worden. „Diese Dekadenz wollte Beuys mit der Einschmelzung zerstören“, sagt Gerlach.

Der Juwelier fragte bei Goldschmied Wolfgang Weber aus Vellmar nach, ob er die Kunstaktion unterstützen wollte. Zunächst habe er zugesagt, erinnert sich der heute 74-jährige Weber. „Da ich mich gerade selbstständig gemacht hatte, dachte ich, es wäre ein guter Werbegag.“ Doch dann kamen Zweifel. Weber sprach mit verschiedenen Kollegen, die ihm abgeraten hätten. Auch wenn es sich nur um eine Replik der Zarenkrone handele, so Weber, handele es sich doch um Kunsthandwerk. „So etwas kann man nicht zerstören.“

Nach einigen Tagen gab Goldschmied Weber Künstler Beuys einen Korb. In der Zwischenzeit wurde die Zarenkrone tagsüber allerdings im Juweliergeschäft Gerlach ausgestellt. „Viele Leute kamen zu uns und drückten sich die Nase platt, um die Krone zu sehen“, sagt Gerlach. Zudem hätten das Fernsehen, Zeitungen und der Stern über die Zarenkrone und die bevorstehende Einschmelzung berichtet.

Doch Gerlach und seine Eltern mussten sich damals im Geschäft auch kritische Stimmen anhören. „Die haben ihren Unmut über das Einschmelzen der Krone geäußert.“

33 Jahre später: Olaf Gerlach (links) und Wolfgang Weber erinnern sich an 1982. Foto:  Koch

Als am 30. Juni 1982 die Krone auf dem Friedrichsplatz eingeschmolzen wurde, hatten Gerlach und Weber nichts mehr damit zu tun. Protestrufe waren dort aber zu hören, es wurden gar Eier geworfen. Trotz seiner Absage an den Künstler ließ Goldschmied Weber es sich nicht nehmen, zu dem Spektakel zu gehen. „Ich konnte aber nichts sehen“, sagt Weber. „Die Leute drängelten sich.“ Dafür konnte die Menge Beuys aber hören. Der Künstler griff während des Schmelzvorgangs zu einem Mikrofon und rief die Namen großer Alchimisten: Agrippa von Nettesheim, Athanasius Kircher, Theophrastus Bombastus Aureolus von Hohenheim, Paracelsus. Nachdem die 1850 Gramm Gold eingeschmolzen waren, wurden sie in eine neue Form gegossen: Heraus kamen der sogenannte Friedenshase und eine kleine Sonne.

Der Sammler Josef W. Fröhlich hat den Hasen für 770 000 Mark ersteigert. Damit wurde eines der für Kassel nachhaltigsten Kunstprojekte finanziert: die „7000 Eichen“.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.