Jörg Sperling

Chef des documenta-Forums zur Diskussion um Obelisken: "Das ist eine fatale Situation"

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Weiter in der Diskussion: Der Obelisk auf dem Kasseler Königsplatz.

Kassel. Bleibt der Obelisk in Kassel – oder doch nicht? Auch das documenta-Forum diskutiert darüber. Der Vorsitzende Jörg Sperling spricht im Interview auch über die schwierige Lage rund um die documenta.

Herr Sperling, stört Sie die Diskussion über den Obelisken?

Sperling: Nein, im Gegenteil. Wenn über ein Kunstwerk so debattiert wird wie aktuell über den Obelisken, dann kann man sagen: Dieses Kunstwerk zeigt seine Wirkung. Und innerhalb dieser Wirkung gibt es eine Bandbreite: von der populistischen Ablehnung bis zur Zustimmung. Dazu sind so viele Argumente ausgetauscht worden, dass es der Kunst nur guttun kann. Auch bei uns im documenta-Forum wird ja heftig diskutiert über den Obelisken.

Welches Argument hat Sie denn am meisten überzeugt?

Sperling: Ich finde, dass der Standort im Übergang vom Kasseler Westen zum Kasseler Norden beeindruckt, weil er ein Zeichen setzt an der Schnittstelle zweier Kasseler Welten.

Und dieses Kunstwerk ist dann 600.000 Euro wert?

Sperling: Man kann über Kunst und Kultur nicht auf der Preisebene diskutieren. Dann hätten wir zum Beispiel auch kein Staatstheater. Kunst und Kultur sind schließlich kein Massengut. Deshalb ist es auch nicht förderlich, die Menschen über einen möglichen Standort abstimmen zu lassen, wie es die FDP verlangt. Das halte ich für fatal.

Ist es in dem Zusammenhang richtig gewesen von Stadt und Künstler, eine Spendenaktion zu initiieren und die Entscheidung an die Allgemeinheit abzutreten?

Sperling: Nein. Das ist eine fatale Situation. Das war dem Projekt Obelisk nicht dienlich. Es war auch nicht gut, einen konkreten Preis für das Kunstwerk zu nennen. Jetzt sind wir in der unglücklichen Lage, dass letztlich das Spendenaufkommen über den Verbleib des Obelisken entscheiden wird.

Und somit die Möglichkeit besteht, dass er wieder abgebaut wird.

Sperling: In dem Fall würde es nur Verlierer geben. Die bürgerliche Gesellschaft verlöre dadurch ihre Glaubwürdigkeit gegenüber Fremdenfeindlichkeit, Aufnahmebereitschaft und Menschlichkeit. Deshalb ist zu hoffen, dass es noch Großspender geben wird. Die Debatte zeigt aber auch, dass das Thema Kunst und Kultur keine Mehrheit hat.

Hat das Meinungsbild auch etwas mit der kontrovers diskutierten documenta 14 an sich zu tun?

Sperling: Die spielt sicher mit rein, ja.

Was sagt das aus über den documenta-Standort Kassel?

Sperling: Die documenta als Institution ist tief in Kassel verwurzelt, da bin ich ganz sicher. Aber wir müssen auch die internationale Wirkung im Blick haben. Und hier habe ich die Sorge, dass die Kritik der documenta insgesamt nicht guttut.

Was muss jetzt geschehen, damit sich auch international wieder ein besseres Bild ergibt?

Sperling: Die Findungskommission muss schleunigst zusammengesetzt werden, denn die Termine drängen – und die sind der Weltpresse bekannt. Ich möchte nicht wissen, was geschieht, wenn es im August heißt: Wir haben noch keine Findungskommission. Denn die Lage jetzt ist ja brisant: Der Nachfolger von Annette Kulenkampff in der Geschäftsführung ist noch nicht in Sicht, das Fridericianum hat derzeit keinen Leiter, und es gibt kein documenta-Team. Wenn Frau Kulenkampff im Sommer weg ist, entsteht erst einmal ein Vakuum. Und es hat nicht bis 2019 Zeit, das alles zu klären, zumal es Zeit in Anspruch nimmt, einen künstlerischen Leiter für die nächste documenta zu finden. Meine Sorge ist aber, dass nicht genügend Druck auf der politischen Ebene da ist, um das alles anzugehen.

Was muss denn nun als Erstes geschehen?

Sperling: Neben der Besetzung der Findungskommission muss ein Nachfolger für Annette Kulenkampff gefunden werden. Die Geschäftsführung muss besetzt sein, weil sie letztlich den Apparat stellt, den der künstlerische Leiter benötigt, um eine documenta vorzubereiten. Der künstlerische Leiter braucht ein bestelltes Feld, weil er sich vor Ort ja auch nicht auskennt.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Dinge bald geregelt werden?

Sperling: Ich glaube, dass der Druck auf die Politik und die Gesellschafter im Moment wächst. Und ich habe den Eindruck, Oberbürgermeister Christian Geselle hat gelernt. Er lässt sich mittlerweile zu Kunst und Kultur beraten. Aber er, die Gesellschafter und seine Kollegen aus dem Aufsichtsrat müssen lernen, dass die politische Ebene einzig und allein für die Voraussetzungen der documenta zuständig ist – und nicht für die inhaltliche Diskussion.

Welche Voraussetzungen müssen sich denn noch ändern?

Sperling: Die Finanzausstattung muss erhöht werden, wobei ich persönlich nicht begeistert wäre, wenn der Bund als dritter Gesellschafter einsteigen sollte. Dann käme noch eine politische Ebene hinzu. Das fände ich sogar fatal, weil die documenta eine zutiefst Kasseler und damit hessische Veranstaltung ist. Die gehört nach Kassel und nirgendwo anders hin, was aber nicht heißt, dass eine zukünftige documenta-Leitung keine anderen Standorte mit einbeziehen dürfte.

Also steht der documenta- Standort Kassel auch für Sie außer Frage?

Sperling: Ja, und es muss alles getan werden, damit das so bleibt. Sollte der Bund als dritter Gesellschafter einsteigen, könnte es Probleme geben. Warum sollte der Bund nicht auf die Idee kommen, die documenta einfach mal nach Berlin zu vergeben?

Zur Person: Jörg Sperling (65) stammt aus dem Großraum Hannover und kam 1972 nach Kassel. Er studierte Kunst und Politik. Sperling arbeitete fortan als Lehrer in verschiedenen Funktionen an verschiedenen Schulen. Zuletzt war er elf Jahre Schulleiter der Heinrich-Schütz-Schule. Seit sechs Wochen ist er Vorsitzender des documenta-Forums. Sperling ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

Das documenta-Forum

Vorsitzender des documenta-Forums: Jörg Sperling.

Das documenta-Forum wurde 1972 von documenta-Gründer Arnold Bode als Förderverein gegründet. Die etwa 200 Mitglieder wollen einen Beitrag leisten, die Rahmenbedingungen der documenta als internationale und unabhängige Ausstellung zeitgenössischer Kunst zu sichern. Die Einrichtung des documenta-Instituts liegt dem Verein ebenso am Herzen wie Erhalt und Pflege der documenta-Kunst im Außenraum. Viele Jahre war der 2017 verstorbene ehemalige HNA-Kulturressortleiter Dirk Schwarze Vorsitzender des documenta-Forums.

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