Oguibe und die vielen Rätsel

Obelisk: SPD geht in Offensive, der Künstler spricht – aber nicht mit der Stadt

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Der Obelisk wird erbaut: Doch wird er wieder abgebaut?

Kassel. Nach der Entscheidung der Stadtverordneten gegen einen Bürgerentscheid zur Zukunft des Obelisken stellt sich mehr denn je die Frage: Wie geht es jetzt weiter mit dem documenta-Kunstwerk?

Ein Überblick:

Gibt es jetzt noch weitere, unbehandelte Anträge in der Stadtverordnetenversammlung zum Thema Obelisk?

Bis jetzt noch nicht. Aber die CDU hat bereits gefordert, die Verhandlungen zu beenden und auf den Ankauf zu verzichten. Die SPD ist dabei, einen Antrag zu stellen. Das erklärte Fraktionsvorsitzender Dr. Günther Schnell auf Anfrage. Darin soll der Ankauf zu der Spendensumme von 126.000 Euro befürwortet werden. Als Standort will die SPD den Königsplatz ausschließen lassen.

Stattdessen soll der Obelisk an den Holländischen Platz – vor einem noch zu schaffenden documenta-Institut. Sollte es bis Ende Juni keine Einigung mit dem Künstler geben, wäre der Abbau des Obelisken die Folge. Allerdings muss die SPD noch mit den Grünen und Andreas Ernst sprechen – den Koalitionspartnern.

Die Grünen wollen das Kunstwerk in Kassel erhalten. Fraktionsvorsitzender Dieter Beig fordert den Magistrat auf, mit dem in Amerika lebenden Künstler zu verhandeln – zur Not auch in New York. Er bringt zudem ins Spiel, bei der Frage des Obelisken den Fraktionszwang aufzuheben. Diskutiert werden soll darüber in der Fraktionssitzung am Montag.

Muss denn überhaupt die Stadtverordnetenversammlung dieses Thema entscheiden – oder können das etwa auch der Magistrat oder nur die Dezernenten?

Da die Entscheidung über den Ankauf des Obelisken als documenta-Außenkunstwerk eine Angelegenheit des öffentlichen Interesses ist, bedarf es in dieser Sache eines Beschlusses durch die Stadtverordnetenversammlung. Das bestätigte Stadtsprecher Michael Schwab gestern.

Wie ist der Stand der Dinge in den Verhandlungen mit dem Künstler?

Hier gibt es nichts Neues. Das machte auch Susanne Völker während der Sitzung der Stadtverordneten am Montag deutlich. Sie sprach davon, dass der Kontakt derzeit einseitig sei. Heißt: Die Stadt kontaktiert Oguibe, Oguibe aber reagiert nicht.

Allerdings soll das Gespräch weiter gesucht werden – hier in Kassel oder dem Wohnort des Künstlers, wie es gestern von der Stadt erklärt wurde. Oguibe wohnt im US-Staat Connecticut. Ziel des Dialoges sei, eine Einigung über die Frage des Standortes zu finden, wie Stadtsprecher Schwab sagt. Sie soll dann den Stadtverordneten als Grundlage für eine Entscheidung dienen.

Äußert sich Oguibe denn überhaupt nicht?

Doch, er äußert sich. Und zwar in einer Presseerklärung auf Englisch, die das documenta-Forum wiederum auf seiner Internetseite veröffentlicht und ins Deutsche übersetzt hat. Darin bekräftigt Oguibe, dass er sich mit der Summe der eingegangenen Spenden für sein Kunstwerk einverstanden erklärt. Er sagt aber auch, dass ein anderer Standort als der Königsplatz für ihn nicht infrage kommt. Bedeutet: Den Vorschlag der Dezernenten, den Obelisken am Holländischen Platz aufzustellen, akzeptiert er nicht. In Oguibes Erklärung kommt auch zum Ausdruck, dass der Künstler nicht weiß, ob die Möglichkeit des Verkaufens noch besteht. Warum er nicht mit der Stadt spricht, wird aber nicht deutlich.

Meldete sich über eine Presemitteilung zu Wort: Künstler Olu Oguibe.  

Womit begründet Oguibe seine Haltung?

Oguibe sagt, er habe den Obelisken speziell für den Königsplatz konzipiert. Die Wahl des Materials, der Farbe, der Größe – alles sei auf diesen Standort zugeschnitten. Sogar die Plattform des Obelisken sei aufgrund dessen Nähe zur Staßenbahnhaltestelle so ausgewählt worden, dass die Leute dort sitzen und auf die Tram warten könnten. Außerdem habe er für andere Orte Kassels jeweils andere Kunstwerke vorgeschlagen. Die erste Idee des Künstlers sah eine reine Textbotschaft mit der Inschrift des Obelisken („Ich war ein Fremdling, und ihr habt mich beherbergt“) auf einem Transparent, einer durchsichtigen Folie, im Eingangsbereich des Bahnhofs Wilhelmshöhe vor. Dort sollte der Satz auf 13 mal 13 Metern zwischen den Säulen schweben. Darauf weist der documenta-Kenner und Kunsthistoriker Dr. Harald Kimpel hin.

Wie kam es dann zum Obelisken auf dem Königsplatz?

Die Bahn lehnte laut Kimpel den ursprünglichen Vorschlag ab. Dann habe die Idee mit dem Obelisken auf dem Königsplatz zu wuchern begonnen. Der Künstler und das Kuratorenteam um Adam Szymczyk hätten verschiedene Varianten durchgespielt – der Text aus einer Aluminiumplatte herausgelasert, der Text auf einer prismenförmigen Stele, der Obelisk als Holzplanken-Konstruktion.

Den Standort Königsplatz habe das Kuratorenteam ins Gespräch gebracht. „Mit dieser Vorgeschichte ist jede neue Standortüberlegung eigentlich offen“, sagt Kimpel. Die Standortspezifität sei in das Objekt hineingeredet worden, das Beharren Oguibes sei nicht nachvollziehbar. Oguibe sieht das freilich gänzlich anders.

Welche interessanten Aussagen trifft Oguibe in seiner Presseerklärung noch?

Interessant und mitunter brisant ist ein Vergleich Oguibes. Er sagt, ihm sei bewusst, dass Kassels Stadtverwaltung unter einen erheblichen Druck geraten sei, den Obelisken zu entfernen – so wie einige Parteien in den 1930er-Jahren progressive Kunst entfernt und verbannt hätten.

Wie sind Oguibes Verhalten und seine Presseerklärung zu bewerten?

Unklar ist sicher, warum er sich nicht einfach mit der Stadt ins Vernehmen setzt. Ansonsten lebt er von der Kunst und der zu ihr gehörenden Provokationen und Zuspitzungen. Durch das ganze Hin und Her bleibt sein Kunstwerk Gesprächsthema. Und das zählt schließlich auch. Das Ganze lässt sich ja auch so deuten: Oguibe führt vor, was ein Kunstwerk alles auslösen kann: Debatten, Dilemmata, Durcheinander. Ein Schauspiel auf offener Bühne.

Kann die Stadt den Obelisken nicht einfach erwerben und ihn dann hinstellen, wo sie will?

Oguibe geht auch darauf ein – indirekt. Er sagt, dass es angemessen sei, von der Stadt zu erwarten, dass sie das Werk an seinem vorgesehenen Ort erhält und ihrer Verantwortung gerecht werde, die Integrität des Werkes nicht zu gefährden. Oguibe will, dass die Stadt bei einem Ankauf seinen Willen respektiert. Ob er diesen Willen zur Bedingung eines möglichen Kaufs macht, lässt er offen.

Wird der Obelisk überhaupt noch so lange auf dem Königsplatz stehen, bis eine Entscheidung fällt?

Zumindest besteht laut Stadt eine befristete Genehmigung. Demnach darf der Obelisk noch bis zum 30. September auf dem Königsplatz stehen bleiben. Danach müsste dieses temporäre Projekt der documenta 14 eigentlich wieder rückgebaut werden.

Ist mit dem Beschluss der Stadtverordneten von Montag das Thema Bürgerentscheid endgültig vom Tisch?

Nicht unbedingt. Durch den Beschluss für ein Vertreterbegehren hätte die Stadtverordnetenversammlung einen Bürgerentscheid auf den Weg bringen können. Dazu wäre bei der Abstimmung jedoch eine Zweidrittelmehrheit nötig gewesen, die nicht erreicht wurde. Damit sind die Anträge von AfD und den FDP-Stadtverordneten Nölke und Burmeister für ein Vertreterbegehren vom Tisch. Unabhängig davon besteht aber noch die Möglichkeit, durch eine Initiative ein Bürgerbegehren für einen Bürgerentscheid zum Obelisken auf den Weg zu bringen. Eine solche Initiative, die für ihr Vorhaben auch Unterschriften bei den Kasselern sammeln müsste, ist bislang aber nicht bekannt.

Von Andreas Hermann, Maik Dessauer und Florian Hagemann

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