Gastkommentar von ehemaligem Geo-Chefredakteur

Hat der Obelisk einen Klassenkampf ausgelöst?

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Der Obelisk auf dem Kasseler Königsplatz

Kassel. Hat der Obelisk einen Klassenkampf ausgelöst? Oder geht es um die Frage, wem die Stadt, wem die Straße gehört? Ein Gastkommentar des ehemaligen Geo-Chefredakteurs Peter-Matthias Gaede.

Nicht jeder Winkel Kassels ist eine Schönheit, wie sollte er auch? Wie alle Bewohner größerer Städte haben auch die Kasseler mit ein paar Hässlichkeiten zu leben. Bislang haben sie das mit Gleichmut ertragen. Nun aber gibt es da ein 16 Meter hohes, schlankes Bauwerk in der Form eines Obelisken, den nicht wenige Bürger derart scheußlich finden, dass sie sich seit Monaten zu immer neuen Wutattacken hinreißen lassen.

Was ist da los? Geht es wirklich um die Form dieser schlanken Hinterlassenschaft der documenta 14? Oder ist da ein grundsätzlicher Kulturkampf ausgebrochen, der fast schon zum Klassenkampf geworden ist? Es scheint um die Frage zu gehen, wem die Stadt gehört. Und wem die Straße.

Peter-Matthias Gaede

Wir veröffentlichen einen Kommentar aus der Ferne. Geschrieben von einem Kassel-Freund, dem ehemaligen Chefredakteur des Reportagemagazins Geo, Peter-Matthias Gaede.

Die Stadt Kassel erstreckt sich auf einer Fläche von 106,8 Quadratkilometern. Und wenn es auch immer schon dumm war, zumindest borniert, sie in Büchern oder Zeitungsartikeln als „öden“ Ort zu beschreiben, als hässlich, gar „als einzige Stadt der DDR auf Westgebiet“, so kann ja kein Zweifel daran bestehen, dass sie nicht in jedem Winkel eine pure Schönheit ist. 

Die Bewohner Kassels haben – wie die Bewohner jeder im Zweiten Weltkrieg zerstörten Stadt – mit mancher Behelfsplanung aus der Wiederaufbauzeit zu leben. Mit Schneisen, die durch einst wohnliche Viertel führen. Mit Plätzen, die nie mehr die Aura alter Zeiten zurückgewinnen werden. Mit Brachen, auf denen Industriedenkmäler verrotten. Mit architektonischen Modernisierungsvergehen, mit betongewordenen Anschlägen auf die Ästhetik. Das alles haben die Kasseler mit Geduld hingenommen. 

Noch ist zum Beispiel keine Bürgerinitiative bekannt, die jenen brutalen Riegel entlang der Kurt-Schumacher-Straße für so unerträglich halten würde, dass sie dessen Abriss verlangen würde. Noch auch quillt die Kommentarfunktion der HNA nicht über vom Lärm jener Stimmen, die etwa die einstige Schönheit des dem Verfall preisgegebenen Hallenbads Ost beweinen würden. 

Die Kasseler haben gelernt, mit dem Unvollkommenen zu leben. Aber nun gibt es da ein Bauwerk, das etwa einen Quadratmeter Grundfläche einnimmt, vielleicht auch zwei, also nur einen oder zwei Quadratmeter von 106,8 Quadratkilometern Kassel-Fläche, das aber bei einer unbestimmten, wohl nicht kleinen Zahl von Bürgern derart zur Schnappatmung führt, als hinge das Lebensgefühl der gesamten 204.000-Einwohner-Gemeinde von diesem Bauwerk ab. 

Und nicht nur das, sondern als würden sich an diesem Bauwerk auch gleich noch die Politik generell, die Flüchtlingsfrage, die deutsche Leitkultur, die Globalisierung, die Zukunft der Renten und Stuttgart 21 entscheiden. Das Bauwerk ist ein Obelisk, Hinterlassenschaft der documenta 14. Der Obelisk steht auf dem Königsplatz, einem Platz, der schon derart oft architektonisch ratlos behandelt worden ist, dass man denken könnte, ein schlanker grauer Pfeil aus Holz innen und Beton außen könne ihm nun wahrlich kein Leid antun. 

Der Obelisk wird auch keiner Bratwurstbude den Platz wegnehmen. Der Obelisk wird keinen Weihnachtsmarkt verhindern. Der Obelisk wird nicht die Füße der Paare und Passanten anfeuchten, wie es ein merkwürdig misslungener Brunnen tut, der an die Penisse von Elefanten erinnert. Der Obelisk verbaut keinen Eingang zu einer Shopping Mall. 

Der Obelisk erlaubt jederzeit auch den unfallfreien Zugang zur Straßenbahnhaltestelle; es sei denn, jemand schaute im Gehen auf sein Handy. Der Obelisk ist nicht unbedingt schöner oder hässlicher oder von seinem Materialwert geringer oder größer als andere Open-Air-Hinterlassenschaften vergangener documenta-Ausstellungen, die seit Jahren in aller Stille leben dürfen. 

Leben dürfen, ohne Pöbeleien auf sich zu ziehen. Das gilt für die Backsteinskulptur des Per Kirkeby, die man leicht für den Entlüftungsschacht einer Tiefgarage halten könnte, ebenso wie für den Bronzebaum des Guiseppe Penone, den man von Ferne mit Totholz verwechseln könnte, von der Parkverwaltung nur noch nicht abgesägt. Das also darf sein. Nicht aber „dieser Zinken“, wie ihn anonyme Wutbürger mit nicht enden wollender Abneigung in immer wieder Dutzenden Wortmeldungen bezeichnen. 

Dieses „Ding“, dieser „Klotz“, dieses „Machwerk“, das sie als „Kunst“ nur in An- und Abführungszeichen aushalten können. Weg damit, auf den Müll, verschrotten, zertrümmern, abschlagen, verbrennen nach Afrika verschiffen, dem Bürgermeister vor die Füße kippen, dem Künstler in den Garten, hässlich, hässlich, hässlich! Warum ganze zwölf Leserstimmen zum Ende einer langen Geschichte der Fulda-Schifffahrt, warum kaum noch ein Rumoren zum vermutlich nicht mehr zu vermeidenden Abstieg des einst ruhmreichen Fußball-Vereins in die fünfte Liga - sondern seit Monaten immer und immer wieder nur dieser Obelisk? Was kränkt nur so an ihm? 

Sicher, dass der Schöpfer des Obelisken sich einst vorstellte, eine Million Euro für ihn erhalten zu können, dann 600.000 Euro, das muss man nicht verstehen. Der Kunstmarkt ist verrückt. Aber niemand, der nicht will, muss ja zahlen. Es geht um Spenden. Keine Schulsanierung und kein sozialer Wohnungsbau werden des Obelisken wegen aufgeschoben. Keinem Kasseler wird der Obelisk den Blick auf was auch immer verstellen. 

Keine Steuererhöhung wird er provozieren. Und keine Botschaft hat er außer der, dass in der Stadt der 151 Nationalitäten auch Menschen als Menschen behandelt werden, die sich nicht zu den Bio-Deutschen zählen dürfen. „Ich war ein Fremdling, und Ihr habt mich beherbergt.“ Das könnte durchaus sogar als Lob an Kassel und die Kasseler verstanden werden. Denn Kassel beherbergt. Und das ist auch ein sehr harmloser Satz, der eigentlich weniger aufregen sollte als jeder Autounfall im Stadtteil Oberzwehren.

Man könnte also fragen: Was denn, bitte, ist so schlimm ausgerechnet an diesem 16 Meter hohen schlanken Monument in einer Stadt, in der es auch nette Chinoiserien weiter oben im Bergpark Wilhelmshöhe gibt, komische Grotten aus Tuffstein, eine hohle Herkulesstatue und die gerade für viele Millionen Euro renovierte Illusion einer romantischen Burganlage? Eine Kultur, deren Symbolwert höher als ihr Materialwert war, gab es auch in Kassel immer schon.

Immerhin 14 documenta-Ausstellungen hat die Stadt hinter sich. Man sollte meinen, dass die documenta nicht mehr Anlass für lokale Kulturkämpfe wäre, wie sie in jener Zeit tobten, als ein rechtsradikaler Bauer noch eine Fuhre Mist vor der Kunst ablud. Aber Irrtum. Der Obelisk scheint zum Kristallisationspunkt einer Art Klassenkampf geworden zu sein, zum Stachel im Selbstbewusstsein all jener, die ihn als Projekt der Elite im Verdacht haben. „Eliete“ schreibt einer. Und „Obilisk“ ein anderer. Auch Groß- und Kleinschreibung ist nicht immer die Kunst der Aufgebrachten, und Satzzeichen schießen sie oft wie mit der Schrotflinte in ihre Entrüstung. Aber egal, es geht gegen die „Klugscheißer“ da oben. Und vielleicht ist es nicht einmal der Obelisk in Länge mal Breite mal Höhe, in Farbe und Form, sondern die Tatsache, dass es überhaupt Menschen gibt, die ihn verteidigen, gar Geld spenden für ihn, die viele so militant macht. Eine Entfremdung zwischen „oben“ und „unten“.

Wem gehört die Stadt? Wem gehört die Straße? Das könnte man natürlich auch an tausend anderen Plätzen in Kassel diskutieren, nur geschieht es sonst selten bis nie. Um den Obelisken aber scheint so eine Art letztes Gefecht, ein Entscheidungskampf ausgebrochen zu sein. Ihr oder wir? Zumindest legen das Äußerungen nahe, die so klingen, es müssten sich Menschen geradezu entleiben, würde „das Ding“ tatsächlich auf dem Königsplatz verbleiben. Als hätten sie dann komplett verloren.

Und so wird ausgerechnet einem kleinen schwarzen Mann aus Nigeria, dem Schöpfer des Obelisken, jetzt in den USA lebend, alles vor die Füße gekippt, was offenbar sonst so stört am Leben in Kassel. Vielleicht auch an den Zumutungen der Moderne, am Verunsicherungspotenzial der Globalisierung, am gefühlten Heimatverlust. Mit seinem Diktum, es gehe hier um „entstellte Kunst“ hat ein Kasseler AfD-Stadtverordneter der Sache zusätzlichen Schub gegeben. Er hätte wohl gleich auch zum Nazi-Original „entartet“ greifen können – und hat trotzdem Gefolgschaft hinter sich. Kunst verächtlich zu machen, das wird an vielen Forumsbeiträgen auf HNA-Online deutlich, scheint die Rache derer zu sein, die sich selber missachtet fühlen.

So bleiben am Ende Staunen und auch Traurigkeit, all die Hassausbrüche gegen ein unschuldiges Monument lesen zu müssen. Schreiben da Menschen, die sich derart unbehaust fühlen und von ihrer Wut derart zerfetzt werden, dass sie alle Maßstäblichkeit verlieren? Auf etwas über 106 Millionen Quadratmetern wohnen die Kasseler zusammen. Und auf einem oder zweien dieser Quadratmeter bricht die Welt zusammen, verdichtet sich alles, wenn „der Dreck“ nicht schleunigst aus dem Weg geräumt wird?

Mannomann, wie heikel ist das. Man könnte auf die Idee kommen, einen Mediator zu bestellen: für das Ende von Trotzphase und Stellvertreterkrieg, für Vermittlungen, Gesprächsrunden, Debatten. Es könnte um Verhältnismäßigkeit gehen. Darum, den Obelisken des Olu Oguibe weder in den Himmel zu heben noch in die Hölle zu wünschen. Nur einfach auf den Boden zu stellen. Ja, auf den Kasseler Boden. Er beißt doch nicht, trägt doch nur eine ganz bescheidene Botschaft: Der Mensch soll Freund des Menschen sein. Und darauf müsste man sich doch eigentlich einigen können.

Großspender äußert sich zur Standort-Frage um Obelisken in Kassel

Zur Person

Peter-Matthias Gaede, geboren 1951 in Selters (Westerwald), zog mit fünf Jahren nach Niederkaufungen. Nach dem Sozialwissenschaftsstudium besuchte er die Gruner+Jahr-Journalistenschule in Hamburg. Ab 1980 war er Lokalreporter bei der Frankfurter Rundschau und wechselte 1983 zur Geo, wo er nach mehreren Stationen 1994 Chefredakteur wurde und bis 2014 blieb. Gaede ist Fan des KSV Hessen Kassel. Er lebt mit seiner Frau in Hamburg und ist Vorstandsmitglied von Unicef Deutschland. (mgo)

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