Nach Stadtverordnetenbeschluss

Obelisken-Ankauf in Kassel: Jetzt muss alles schnell gehen

Kassel. Nur wenige Tage bleiben für die Verhandlungen zum Ankauf des Obelisken. Die Stadt Kassel sucht dafür Kontakt zu Künstler Olu Oguibe. Das documenta forum zeigt sich unterdessen enttäuscht. 

Die Entscheidung der Stadtverordneten vom Montagabend stellt eine komplizierte, vage gefasste und zeitlich enge Beschlusslage dar. Zusammengefasst heißt das fürs documenta-Kunstwerk: Die Stadt soll den Obelisken ankaufen. Er soll am Königsplatz abgebaut und wohl am Holländischen Platz aufgebaut werden. Für die Verhandlungen mit Künstler Olu Oguibe gibt’s ein Ultimatum. Wird man sich bis 30. Juni nicht einig, soll das d-14-Kunstwerk bis 31. Juli abgebaut sein und aus Kassel verschwinden.

Die Stadt erklärte am Dienstag lediglich, sie werde nun die Beschlusslage prüfen und auf dieser Grundlage Kontakt mit dem Künstler aufnehmen (siehe „Das sagt die Stadt“).

Die Beschlusslage

Was ist jetzt eigentlich beschlossene Sache? Diese Fragen stellten sich nach den Abstimmungen im Rathaus auch einige Stadtverordnete. Mehrere geänderte Anträge lagen vor. Mehrheiten – noch dazu unterschiedliche – fanden sich letztlich nur für zwei der drei Sätze des SPD-Vorschlags. Nachfolgend im Wortlaut: • „Die Stadtverordnetenversammlung begrüßt die Kompromissbereitschaft des Künstlers hinsichtlich des Standorts des Obelisken am Holländischen Platz.“ (beschlossen mit Stimmen von SPD, Linke, einzelner Stadtverordneter von Grünen, FDP, Freie Wähler und Piraten, AfD und Dr. Bernd Hoppe) • „Gleichzeitig bittet die Stadtverordnetenversammlung den Magistrat, den Obelisken, falls bis zum 30. Juni keine Einigung mit dem Künstler erzietl wird, durch die documenta gGmbH bis zum 31. Juli abbauen zu lassen.“ (beschlossen von SPD, CDU und AfD).

Die Befürworter

Die SPD unterstütze den Ankauf. Man halte den Königsplatz aber nicht für geeignet, sagte Fraktionschef Dr. Günther Schnell. Er erinnerte an den Treppen-Streit. Zudem nehme sich die Stadt sonst die Möglichkeit, den Platz umgestalten und für die documenta freihalten zu können.

„Es geht um mehr als um Kunst“, betonte Grünen-Fraktionschef Dieter Beig. Man dürfe sich nicht von Hass-Mails leiten lassen, müsse die Kontroverse aushalten. Der Obelisk solle auf dem Königsplatz bleiben, bis das Institut am Hopla fertig sei. Dafür sprachen sich auch FDP, Freie Wähler und Piraten sowie Linke und Andreas Ernst (fraktionslos) aus. Lutz Getzschmann (Linke) kritisierte, CDU und AfD wollten sich schnellstens des Obelisken und dessen Symbolik „entledigen“.

Die Ablehner

„Wir lehnen den Obelisk und seine Botschaft ab“, sagte AfD-Fraktionschef Michael Werl. CDU-Fraktionschef Dr. Michael von Rüden kritisierte das Missmanagement der Kulturdezernentin und die Zerrissenheit der Koalition. Der auf Email-Auszüge beruhende Kompromiss sei ein „Affront“ gegenüber den Stadtverordneten. So bleibe man bei der Forderung, die Ankaufsbemühungen einzustellen.

„Kein besonderes Symbol für Kassel“ - Das sagt die Stadt

Der Magistrat will auf Grundlage der Beschlüsse Kontakt mit Künstler Oguibe aufnehmen. Mehr könne man noch nicht sagen, bat die Stadt am Dienstag um Verständnis. In der Sitzung meinte Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD), er glaube nicht, dass der Obelisk ein besonderes Symbol für Fremdenfreundlichkeit oder -feindlichkeit in Kassel darstelle. Der Holländische Platz sei ein hervorragender Standort für das Kunstwerk, der Umzug sei nicht Ausdruck eines Rechtsrucks. Als deplatziert bezeichnete er die Kritik, es habe bei den Verhandlungen mit dem Künstler ein Missmanagement gegeben.

documenta forum übt Kritik an Beschlüssen

Nach Ansicht des documenta forums ist der Abbau des Obelisken beschlossene Sache. Man sei sehr besorgt über die Wirkung des Abrisses. „Wir sind enttäuscht und verärgert über die Entscheidung in der Stadtverordnetenversammlung und können diese inhaltlich nicht nachvollziehen“, kritisiert Forumssprecher Jörg Sperling.

Mit dem Beschluss werde die Chance vertan, die documenta-Stadt im Umgang mit Kunst als vorbildlich erscheinen zu lassen. „Die nationale und internationale Presse sowie die kunstinteressierte Öffentlichkeit wird in Kassel eine Stadt sehen, die nach kontroverser Diskussion umstrittene Kunstwerke an zentraler Stelle nicht duldet.“

Das letzte Angebot des Künstlers Olu Oguibe, den Obelisken vor das geplante documenta-Institut zu setzen und bis zu dessen Fertigstellung auf dem Königsplatz zu belassen, sei ein fairer Kompromiss gewesen. Sperling: „Mit einer Ablehnung hat die Stadtverordnetenversammlung einen traurigen Meilenstein im Umgang mit Kunst im Stadtraum gesetzt und den rechtspopulistischen Haltungen zur Flüchtlingsthematik Vorschub geleistet.“

Die Diskussion um Inhalt, Form und Ort des Obelisken sei im Sinn des Künstlers gewesen. Mit dem Abbau verschwinde ein wichtiges Zeichen über die Menschlichkeit im Umgang mit Geflüchteten in Kassel. „Dies ist Wasser auf die Mühlen der Gegner dieses Kunstwerkes und der Zuwanderungspolitik.“ Die Spender seien enttäuscht, die Gegner würden jubeln über den Abriss. Oguibe habe beide Seiten erreichen wollen. „Dies wird nun nicht mehr möglich sein.“

Zitate aus der Stadtverordnetensitzung

„Warum halten wir eigentlich den Obelisken nicht für ein paar Jahre auf dem Königsplatz aus?“ Dieter Beig (Grüne)

„Wir stehen zum Obelisken, aber für uns muss der Grundsatz gelten: Die Stadt und nicht der Künstler entscheidet über den Standort des Kunstwerks.“Dr. Günther Schnell (SPD)

 „Aufgrund ihrer Politik des Zauderns stehen wir nun vor diesem Scherbenhaufen. Frau Völker, was haben Sie eigentlich verhandelt?“ Dr. Michael von Rüden (CDU) 

„Wir lehnen den Obelisken ab. Betonklötze aufgrund der Einwanderung haben wir in Deutschland wahrlich genug in letzter Zeit.“ Thomas Materner (AfD)

 „Der Nicht-Ankauf des Obelisken würde der documenta großen Schaden zufügen. Lassen Sie ihn bei uns in Kassel zu einem Bollwerk der Menschlichkeit und Solidarität werden.“ Lutz Getzschmann (Linke)

 „Wir sind für den Ankauf und Verbleib des Obelisken. Dass ein Außenkunstwerk in der Stadt bleibt, ist in Kassel ein guter Brauch nach einer documenta.“ Matthias Nölke (FDP, Freie Wähler und Piraten)

 „Wir möchten, dass der Obelisk in Kassel bleibt, ohne in eine Ecke gedrängt zu werden. Das Kunstwerk passt hervorragend an den Holländischen Platz.“ Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD)

 „Viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Dass einzelne Personen aus der Kulturszene an Kulturdezernentin Susanne Völker vorbei mit dem Künstler Olu Oguibe Kontakt aufgenommen und verhandelt haben, das ist ein Skandal.“ Andreas Ernst (Fraktions- und Parteilos)

Rubriklistenbild: © Andreas Fischer

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