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Debatte um Obelisken: Das hat die Kulturstadt Kassel nicht verdient

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Der zur documenta14 errichtete Obelisk von dem aus Nigeria stammenden US-Kuenstler Olu Oguibe auf dem Koenigsplatz in Kassel am 06.07.2017. Die Stadt Kassel und der documenta-Kuenstler Olu Oguibe haben gemeinsam zu Spenden fuer den Erwerb des von ihm geschaffenen Obelisken aufgerufen. Als "Zielmarke" sei ein Betrag von 600.000 Euro vorgesehen, erklaerte die Kasseler Kulturdezernentin Susanne Voelker am Dienstag (23.01.18) in Kassel. Der auf dem Kasseler Koenigsplatz errichtete, 16 Meter hohe Obelisk traegt auf einer Seite als Aufschrift das Bibelzitat "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt". Die anderen drei Seiten des Obelisken zitieren den Spruch auf Arabisch, Tuerkisch und Englisch. (Siehe epd-Meldung vom 23.01.18)
Umstrittenes Kunstwerk: Der Obelisk der documenta 14 von Olu Oguibe auf dem Königsplatz. © epd

Die Spendenaktion für den Obelisken erhitzt in Kassel die Gemüter. Ex-"Geo"-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede ist ein Fan des documenta-Kunstwerks. Hier erklärt er, warum die Debatte Kassel schadet.

Wenn dann der Obelisk doch nicht in Kassel bleiben wird, weil es zu wenige wagen, angesichts der Stimmung in Kassel noch für ihn zu spenden? Dann wird die (Kunst-)Welt nicht untergehen. Kassel wird es nicht. Und auch Olu Oguibe wird es nicht.

Bleiben aber wird ein bitterer, ein fataler Nachgeschmack. Die Gemeinde der Besonnenen, der Nachdenklichen, der Unaufgeregten, der Toleranten wird die Debatte verloren haben. Gewonnen haben werden jene, die tatsächlich meinen, eine künstlerische Aussage sei nach deren Materialwert zu bemessen – so wie der Fettgehalt einer Ahlen Wurst. 

Gewonnen haben werden jene, die zwar unsere vielbeschworene christliche Leitkultur allen anderen Kulturen für überlegen halten, die christliche Botschaft aber genau dann kein bisschen mehr befolgen, wenn sie menschlich auch gegenüber „Fremden“ ist. Gewonnen haben werden jene, die nun so viel von Hässlichkeit reden – ohne auch nur die Spur beweisen zu können, worin denn die Schönheit ihrer eigenen Gedanken liegen sollte.

Hoffen wir einfach, dass kein überregionales Medium auf die Idee kommt, all die hasserfüllten Kommentare, all den Kleinmut in der Abrechnung mit einem Künstler, all den Verfolgungswahn gegenüber potenziellen Spendern aufzugreifen.

Geo-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede posiert im Rahmen der Vorstellung der Preisträger des internationalen Wettbewerbs "Unicef-Foto des Jahres 2012" am 18.12.2012 in Berlin für den Fotografen. Foto: Jörg Carstensen/dpa | Verwendung weltweit
Peter-Matthias Gaede © picture alliance / dpa

Würde das geschehen, so würde Kassel als ein Ort der Gesinnungsjäger und Geschmacks-Polizisten erscheinen, in dem es vielleicht tatsächlich keine documenta mehr geben sollte. Und das hätte die Kulturstadt Kassel, das hätte die Mehrheit ihrer Bürger nun wahrlich nicht verdient.

Nur: Wo sind eigentlich diese Bürger? Ich vermisse die Stimme der Kirchen, der Kultur-Affinen, der Stadtbaumeister, der Geschichtsbewanderten. Und ich vermisse die Stimme des Kultur-Dezernats, die Stimme des Rathauses, die Stimme der Kunsthochschule, auch eine lautere Stimme des documenta-Beirats, der 7000 Eichen, der freien Szene.

Denn auch wenn der Obelisk nicht bleiben sollte. Die Art, in der über ihn geredet und geschrieben wurde (oder eben nicht geredet und nicht geschrieben), wird bleiben. Und es ist nicht gut, wenn in einer Stadt, die erwägt, sich um den Titel einer europäischen Kulturhauptstadt zu bewerben, jener Populismus ohne Gegenstimme geblieben sein wird, der hier mehr als nur eine Säule zum Fall bringen will. Sondern den Gedanken einer offenen Gesellschaft. Ohne diesen Gedanken macht auch eine europäische Kulturhauptstadt keinen Sinn.

Von Peter-Matthias Gaede

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