Analyse zur Zukunft des documenta-Kunstwerkes

Warum es nicht mehr möglich ist, eine gute Lösung für den Obelisken zu finden

+
Bleibt er, oder bleibt er nicht? Die Zukunft des Obelisken auf dem Königsplatz ist längst zu einem Problem geworden.

Kassel. Warum es nicht mehr möglich ist, eine gute Lösung für die Zukunft des Obelisken zu finden. Eine Analyse von HNA-Redakteur Florian Hagemann.

Nach Lage der Dinge gibt es derzeit keine Mehrheit für den Verbleib des Obelisken auf dem Königsplatz. Das ist das Ergebnis einer nicht-repräsentativen Umfrage unserer Zeitung; das lässt sich aber auch aus dem aktuellen Stand der von der Stadt und Künstler Olu Oguibe initiierten Spendenaktion schließen: 

Die Stadt hat zwar bisher keine Zahl veröffentlicht, was nach Informationen unserer Zeitung aber auch einen Hintergrund hat, weil diese Aktion sehr schleppend angelaufen sein soll. Es bedarf wohl eines Wunders oder eines bisher unbekannten obeliskbegeisterten Mäzens, um die geforderte Summe von 600.000 Euro für das documenta-Kunstwerk zu erreichen.

Wunder hin oder her: Schon jetzt befindet sich die Stadt bei diesem Thema in einer Zwickmühle. Das Ärgernis dabei ist, dass sie diese Situation mitverschuldet hat. Was auch wird, ein für die breite Masse zufriedenstellendes Ergebnis wird nicht mehr zu erreichen sein.

Da wäre zum einen die Möglichkeit, dass der Künstler sich mit einem – womöglich deutlich – niedrigeren Kaufpreis einverstanden erklärt. Dann bliebe der Obelisk auf dem Königsplatz. Aber gerade das würde bei vielen auf Unverständnis stoßen, was noch nicht mal mit der politischen Aussage des Kunstwerks zu tun hat, auf dem in vier Sprachen das Bibel-Zitat steht: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“.

Die Kritik dieser Gegner ließe sich ja locker aushalten, mehr noch: Mit dem Obelisken als Dauereinrichtung würde Kassel ein Zeichen für Weltoffenheit setzen. Das Problem ist vielmehr der aufgerufene Kaufpreis, der allgemeines Kopfschütteln hervorruft, das selbst durch ein nachträgliches Entgegenkommen des Künstlers kaum enden würde. Schließlich hat er mit seiner Forderung eine Ahnung aufkommen lassen, worauf es ihm in erster Line ankommt: aufs Geld.

Erst kursierte die Summe von einer Million. ("Bei einer Million lachten alle"). Nun sollen es 600.000 Euro sein. Dafür fehlt vielen – bei aller Liebe zur Kunst – die Vorstellungskraft. Zumal die künstlerische Idee hinter dem Obelisken – anders als etwa beim Penonebaum – für den Laien eher überschaubar ist. So hat allein die bloße Zahl viele abgeschreckt, die Tendenz kippte von einer vermeintlichen Zustimmung des Großteils zu einer vermeintlichen Ablehnung. Eine Liebesbeziehung zwischen Kunstwerk und Kasselern würde so auch bei Verbleib nicht aufkommen.

Zum anderen könnte die Stadt natürlich den Abbau des Obelisken anordnen. Aber auch dieser Schritt hätte fatale Folgen – zumindest was die Außenwirkung anbelangt. In den überregionalen Kommentaren über die Aufarbeitung des documenta-Defizits wurde Kassel bereits gern als Provinz dargestellt, was in der Häme überheblich und übertrieben war. Aber der Eindruck jener Kommentatoren würde noch verstärkt werden, wenn Kassel plötzlich ein Kunstwerk, das für eine politische Auseinandersetzung steht, entfernte, weil die Masse kein Verständnis dafür aufbringt. Das wäre Wasser auf die Mühlen jener, die Kassel als geeigneten documenta-Standort anzweifeln. Außerdem würde sich die AfD am Ende als Gewinner fühlen, weil sie sich stets ablehnend zum Obelisken geäußert hat.

Mehr und mehr wird deshalb deutlich, dass der richtige Zeitpunkt für eine Entscheidung in Sachen Obelisk längst verpasst worden ist. Diesen hätte es gegeben – gegen Ende der documenta. Bei einer fehlenden Einigung mit dem Künstler hätte der Obelisk einfach abgebaut werden können – mit Hinweis auf die zeitliche Begrenzung der Ausstellung. Damals aber kümmerte sich keiner darum, weil es drunter und drüber ging, als das Defizit sichtbar wurde.

Jetzt wird es nur Verlierer geben: die Stadt, den Künstler, die Kasseler, die hin- und hergerissen sind.

documenta: Künstler Olu Oguibe bekommt Preis für Obelisk auf Königsplatz

Kunst, Kultur, documenta vierzehn, Königsplatz am 28.07.2017: Der Obelisk von Olu Oguibe. Gravuren in vier Sprachen (in arabischer, türkischer und englischer Sprache): "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt", " I was a stranger and you took me in".doc, documenta 14, Skulptur, Matthäus Evangelium, Zuflucht.Bildmotiv von Pia Malmus. Foto
 © Malmus
Documenta 14 Stadt Kassel vergibt den Arnold-Bode-Preis an den documenta-Künstler Olu Oguibe, Obelisk auf Kasseler Königsplatz Adam SzymczykFoto: Andreas Fischer
 © Fischer
Documenta 14 Stadt Kassel vergibt den Arnold-Bode-Preis an den documenta-Künstler Olu Oguibe, Obelisk auf Kasseler Königsplatz Adam SzymczykFoto: Andreas Fischer
 © Fischer
Documenta 14 Stadt Kassel vergibt den Arnold-Bode-Preis an den documenta-Künstler Olu Oguibe, Obelisk auf Kasseler Königsplatz Adam SzymczykFoto: Andreas Fischer
 © Fischer
Documenta 14 Stadt Kassel vergibt den Arnold-Bode-Preis an den documenta-Künstler Olu Oguibe, Obelisk auf Kasseler Königsplatz Adam SzymczykFoto: Andreas Fischer
 © Fischer
D 14 Documenta 14ARNOLD-BODE-PREIS 2017 GEHT AN OLU OGUIBE Der Obelisk von dem US-Künstler Olu Oguibe auf dem Königsplatz. Er erhält die Aufschrift "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt".Das Zitat aus dem Matthäus-Evangelium "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt" werde in Deutsch, Türkisch, Englisch und Arabisch auf dem bis zu 1,8 Meter breiten Bauwerk stehen, verriet der aus Nigeria stammende US-Künstler Olu OguibeAufnahmedatum 06.07.17Foto: Andreas Fischer
 © Archivbild Fischer
D 14 Documenta 14ARNOLD-BODE-PREIS 2017 GEHT AN OLU OGUIBE Der Obelisk von dem US-Künstler Olu Oguibe auf dem Königsplatz. Er erhält die Aufschrift "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt".Das Zitat aus dem Matthäus-Evangelium "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt" werde in Deutsch, Türkisch, Englisch und Arabisch auf dem bis zu 1,8 Meter breiten Bauwerk stehen, verriet der aus Nigeria stammende US-Künstler Olu OguibeAufnahmedatum 06.07.17Foto: Andreas Fischer
 © Archivbild Fischer
Kunst, Kultur, documenta vierzehn, Königsplatz am 28.07.2017: Der Obelisk von Olu Oguibe. Gravuren in vier Sprachen (in arabischer, türkischer und englischer Sprache): "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt", " I was a stranger and you took me in".doc, documenta 14, Skulptur, Matthäus Evangelium, Zuflucht.Bildmotiv von Pia Malmus. Foto
 © Malmus

Soll der Obelisk bleiben? Stimmen Sie ab

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.