Kunsthistoriker der Kunsthochschule vom Land ausgezeichnet 

Studenten der Uni Kassel bauten erste documenta virtuell nach 

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Sie rekonstruierten die erste documenta in einer virtuellen Welt: Prof. Kai-Uwe Hemken (von links), Linda-Josephine Knop, Simon Großpietsch und Simon-Lennert Raesch.

Nicht nur für Historiker ist es ein Wunschtraum, die Welt noch mal so zu sehen, wie sie früher war. Am Fachbereich Kunstgeschichte der Kunsthochschule Kassel ist diese Sehnsucht ein Stück weit real geworden.

Kunststudenten und ein Informatiker der Universität Kassel haben nicht nur die erste documenta 1955 virtuell erlebbar gemacht, sondern inzwischen auch zwei weitere historische Ausstellungen. Das Projekt unter Leitung des Kunsthistorikers Prof. Dr. Kai-Uwe Hemken wurde nun mit dem Hessischen Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre ausgezeichnet.

Mithilfe einer Virtual-Reality-Brille können sich Interessierte auf eine Reise begeben, in die Zeit, als Arnold Bode mit der ersten documenta in Kassel einen Meilenstein setzte. Sie können in das noch von Kriegszerstörung gezeichnete Fridericianum eintauchen, durch das Foyer schreiten, sich in der Halbrotunde das berühmte Kunstwerk „Die Kniende“ anschauen, den großen Malereisaal im ersten Stockwerk entdecken oder die Bilder des Malers Piet Mondrian im schwarzen Raum auf sich wirken lassen.

Es habe jede Menge detektivisches Gespür und eine intensive Recherchearbeit gebraucht, um diese virtuelle Realität zu erschaffen, sagt Simon Großpietsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Kunstgeschichte. Anhand von Fotos aus dem documenta-Archiv, aber auch damaligen Zeitungsartikeln und Ausstellungskatalogen wurde die Weltkunstschau am Computer rekonstruiert. Zudem waren alte Grundrisse nötig, denn die Gebäudestruktur des Fridericianum hat sich seit damals verändert. Eine Schwierigkeit war zudem: Der documenta-Vater Arnold Bode hat die Exponate während der Ausstellung mehrfach umgehangen.

Der Aufwand hat sich gelohnt. Zeitzeugen der ersten documenta, die sich mithilfe der Wissenschaftler bereits auf eine virtuelle Wiederentdeckung begeben hatten, waren begeistert. „Auch wenn die älteren Damen keine konkreten Erinnerungen mehr hatten, so waren sie doch sichtlich berührt“, erzählt Großpietsch.

Für die Umsetzung am Computer war Softwareentwickler Simon-Lennert Raesch zuständig, der eigentlich vor allem ein Experte im Bereich der Computerspieltechnologie am Fachgebiet Software Engineering ist.

Das 2017 begonnene documenta-Projekt ist nicht abgeschlossen. Sobald die Wissenschaftler auf neue Bilder stoßen, werden weitere Räume der Kunstschau erschlossen.

Weil ihr Projekt Aufmerksamkeit in der Kunstwissenschaft erregte, wurden sie mit zwei weiteren szenografischen Rekonstruktionen historischer Ausstellungen beauftragt. So wurden die „Film und Foto“-Ausstellung 1929 in Stuttgart und die Internationale Kunstausstellung 1926 in Dresden in der virtuellen Welt nachgebaut.

Dank des Hessischen Hochschulpreises erhielten die Wissenschaftler 15 000 Euro Preisgeld. Um ihre aufwendige Arbeit fortsetzen und ausweiten zu können, seien sie über jede weitere finanzielle Zuwendung froh, sagt Prof. Hemken.

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