Ausstellung und Buch widmen sich Aquarellen

documenta und Uni entdecken Lucius Burckhardt neu

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Was gehört zur Landschaft: Auch das Atomkraftwerk? Eins der "landschaftstheoretischen Aquarelle" von Lucius Burckhardt. 

Kassel. Der ehemalige Kasseler Hochschullehrer Lucius Burckhardt wird von der documenta neu entdeckt. So sollen Aquarelle von Burckhardt bei der Weltkunstausstellung zu sehen sein.  Zudem gibt es an der Kusnthochschule eine neue Burckhardt-Professur. 

In seinem Büro in der Kasseler Kunsthochschule hat Martin Schmitz schon zweimal Besuch vom künstlerischen Leiter der documenta 14 bekommen: Adam Szymczyk interessiert sich nämlich schon seit Längerem für Lucius Burckhardt, der in den 1980er-Jahren in Kassel die Spaziergangswissenschaft erfand. Schmitz war damals einer von Burckhardts Studenten am Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung und blieb mit ihm und seiner Frau bis zum Schluss in Kontakt.

Seit vergangenem Jahr ist der 60-Jährige nun Inhaber der „Lucius und Annemarie Burckhardt-Professur“, die die Uni zusammen mit der gleichnamigen Stiftung neu an der Kunsthochschule eingerichtet hat. Dort hatte Schmitz bereits seit 2013 eine Vertretungsprofessur für Theorie und Praxis der Gestaltung inne.

Seit dem Studium mit Kassel verbunden: Martin Schmitz ist Inhaber der neuen „Lucius und Annemarie Burckhardt-Professur“.

Für den Wahl-Berliner schließt sich in Kassel damit der Kreis: Hier war er als junger Mann von Lucius Burckhardts Ideen inspiriert worden. Als Verleger und Nachlassverwalter hat er später zahlreiche Bücher über seinen Hochschullehrer herausgegeben. Nun hält er selbst als Dozent Burckhardt Werk lebendig und setzt es fort. Und im Mai bringt Schmitz ein neues Buch über dessen „landschaftstheoretischen Aquarelle“ heraus, die Szymczyk im kommenden Sommer bei der documenta in Kassel zur Weltkunst adelt. In den Bildern veranschaulicht Burckhardt seine Theorien zu Wahrnehmung, Planung und Gestaltung, die er Spaziergangswissenschaft nannte. „Was gehört zur Landschaft?“ ist eine der Fragen, die Burckhardt auch in seinen Aquarellen stellt (siehe Bild auf der Titelseite): Auch das Atomkraftwerk – oder nur die Natur?

Burckhardts Ideen träfen bis heute einen Nerv, sagt Martin Schmitz. „Wenn man anfängt, sie zu erklären, landet man ruckzuck in der Gegenwart.“ Deshalb sei auch die Professur nicht rein retrospektiv zu verstehen, betont er.

So hatte Burckhardt schon in den 50er-Jahren den Stadtumbau zugunsten des Autoverkehrs kritisiert. Er plädierte für eine Entschleunigung der Wahrnehmung in Zeiten wachsender Mobilität: Das Spazierengehen war für ihn die natürlichste Art, sich eine Stadt oder Landschaft zu erschließen. Diese Erkenntnis sei für Planer bis heute essentiell, sagt Schmitz: „Wenn man eine Aussage über einen Raum treffen will, muss man sich darin bewegen, sonst ist es nur ein Bild, was man davon hat.“ Gerade in der heutigen Mediengesellschaft seien unsere Köpfe voller solcher Bilder von Landschaften und Ländern, die man selbst gar nicht erfahren habe.

Schmitz, der auch heute seine Studenten zum Promenieren auffordert, erinnert sich noch gut an eine Aktion während seines Studiums bei Lucius Burckhardt: Die „Fahrt nach Tahiti“, die 1987 parallel zur documenta stattfand. Mit Texten von einer Expedition James Cooks wanderten die Studenten damals über die Dönche – und stellten fest, dass viele Schilderungen über die Südseeinsel passten. Auch diese spaziergangswissenschaftliche Aktion, die zeigt wie schwierig die Beschreibung von Landschaft ist, hat Schmitz in das neue Buch aufgenommen. „Da steckt jede Menge Kassel drin.“

Zur Person: Lucius Burckhardt

Lucius Burckhardt wurde 1925 in Davos (Schweiz) geboren. Er studierte zunächst Medizin, dann Nationalökonomie und Soziologie in Basel. Nach diversenen Lehraufträgen und Dozenturen in Deutschland und der Schweiz, kam er 1973 an die erst zwei Jahre zuvor gegründete Gesamthochschule Kassel. Dort war er bis 1997 Professor für „Sozioökonomie urbaner Systeme“. In seiner Kasseler Zeit bündelte Burckhardt seine bisherige Forschung zu Soziologie und Urbanismus in der von ihm eingeführten Spaziergangswissenschaft (Promenadologie, englisch „Strollology“). Dahinter stand die Idee, dass eine Stadt oder Landschaft nur durch das langsame Erwandern erfahrbar sei. Später war Burckhardt Gründungdekan der Fakultät Gestaltung der Bauhaus-Universität Weimar. 1994 erhielt er den Hessischen Kulturpreis. Lucius Burckhardt starb 2003 in Basel. Seine Frau Annemarie, mit der er seit 1955 verheiratet war und die eng mit ihm zusammenarbeitete, starb 2012. (rud)

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