Interview mit NVV-Geschäftsführer Wolfgang Rausch

Doppelt so viele Beschwerden beim NVV: „Das war heftig“

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Die Regiotram ist Vorzeigeobjekt und Sorgenkind des NVV: Geschäftsführer Wolfgang Rausch steht über den Regiotram-Gleisen im Kasseler Hauptbahnhof. Inzwischen rollen die Regiotram-Züge überall im 30-Minuten-Takt. Lässt sich die Finanzlücke im NVV-Etat nicht schließen, müsste auch dieses Angebot eingeschränkt werden.

Kassel. Seit Monaten macht die Regiotram mit Zugausfällen Schlagzeilen. Grund war der hohe Krankenstand beim Personal.

Über die aktuelle Situation bei der Regiotram-Gesellschaft (RTG) haben wir mit Wolfgang Rausch, Geschäftsführer des Nordhessischen Verkehrsverbundes (NVV), gesprochen. Der NVV ist Auftraggeber der RTG.

Herr Rausch, in allen möglichen Branchen herrscht wegen der Grippewelle derzeit ein erhöhter Krankenstand. Alles schnieft und hustet. Nur die Regiotram, deren Betreibergesellschaft immer unter hohem Krankenstand litt, rollt planmäßig. Wundert Sie das nicht? 

Wolfgang Rausch: Das wundert mich auch. Aber vielleicht zeigt es auch, dass die Maßnahmen greifen, die wir angeschoben haben. Seit etwa vier Wochen sind wir sehr zufrieden mit der Pünktlichkeit. Nach meinen Informationen ist die Krankheitsquote bei der RTG deutlich gefallen, auf zehn bis elf Prozent.

Was genau sind diese Maßnahmen? 

Rausch: Wir haben zum Beispiel auf der Linie RT 9 nach Schwalmstadt-Treysa einen Teil der Regiotrams durch Eisenbahn-Triebfahrzeuge ersetzt. Damit werden auch weniger Regiotram-Lokführer gebraucht. Außerdem habe ich persönlich mit dem RTG-Betriebsrat gesprochen. Dabei sind Probleme thematisiert worden, die ich mit der RTG-Geschäftsführung erörtert habe.

Die Regiotrams rollen seit etwa zehn Jahren. Wann steht eine Modernisierung des Fuhrparks an? Und wie lässt sich das überhaupt noch finanzieren? 

Rausch: Es gibt 28 Fahrzeuge, deren Kapitalkosten der NVV zu 60 Prozent finanziert. Nach unseren Planungen sollen sie mindestens noch weitere 15 Jahre laufen. Derzeit arbeiten wir mit der Regional-bahn Kassel, der die Fahrzeuge gehören, an einem Programm um die Lebensdauer zu verlängern. Auch um Geld zu sparen.

Inwiefern wirken sich die Probleme bei der Regiotram auf die Fahrgastzahlen aus? 

Rausch: Beziffern können wir das noch nicht. Derzeit werten wir eine Fahrgasterhebung aus, die Ergebnisse erwarte ich nach Ostern.

Aber wegen der Fünf-Minuten-Garantie können sich Fahrgäste, deren Züge ausgefallen sind, den Fahrpreis erstatten lassen. Da müssten sie doch einen ersten Überblick haben? 

Rausch: Die Kundenbeschwerden haben sich teils verdoppelt. Das war schon heftig. Allein im Bereich Regiotram haben wir im vergangenen Jahr 40.000 Euro ausgezahlt, 2013 waren es lediglich 20.000 Euro. Wenn die Probleme anhalten, resignieren die Fahrgäste auch irgendwann und wenden sich womöglich ganz ab. Deswegen ist uns diese Erhebung so wichtig.

Regiotrams sind nicht nur ausgefallen, sondern auch oft zu spät gekommen. Wie haben die Kunden reagiert? 

Rausch: Sehr verärgert, in einigen Fällen sind Kinder zum Beispiel wiederholt zu spät zur Schule gekommen und haben auch Arbeiten verpasst. Dass die Eltern darüber nicht erfreut waren, kann man sich vorstellen.

Im Herbst haben Sie wegen der Ausfälle eine Regressforderung über 900.000 Euro angekündigt. Ist die beglichen? 

Rausch: Eines vorweg, das ist nicht ungewöhnlich. In allen Verträgen mit Verkehrsunternehmen sind Strafen enthalten, die im Nachhinein abgerechnet werden. Für 2014 rechnen wir im kommenden Mai ab. Aber darüber werden wir im Vorfeld mit der RTG auch noch einmal reden, wie wir überhaupt die ganze Zeit in guten Gesprächen sind. Wir treffen uns regelmäßig mit der RTG-Geschäftsführung und den Spitzen der Gesellschafter KVG und HLB.

Gibt es Überlegungen den Vertrag mit der RTG vorzeitig zu kündigen? 

Rausch: Der Vertrag läuft noch bis 2028. Zu kündigen, wäre wirklich das allerletzte Mittel, worüber wir im Moment nicht nachdenken. Aber klar ist auch, dass die Probleme der vergangenen Monate kein Zustand sein dürfen, den wir auf Dauer akzeptieren können. Jetzt wollen wir erst einmal, dass sich die Situation beruhigt, dass sich die in den letzten Wochen erreichte deutlich bessere Pünktlichkeit stabilisiert und die Zahl der Zugausfälle weiter sinkt. Aber ich sage auch: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Die RTG muss über einen längeren Zeitraum zeigen, dass die Probleme behoben sind.

Zur Person

Wolfgang Rausch (61) ist seit Oktober 2013 beim Nordhessischen Verkehrsverbund (NVV), dessen Geschäfte der Diplom-Verwaltungswirt bis Ende 2014 mit Wolfgang Dippel führte. Jetzt ist mit ihm Kassels Kämmerer Dr. Jürgen Barthel NVV-Geschäftsführer. Zuvor war Rausch beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) und Referatsleiter im hessischen Verkehrsministerium. Der gebürtige Kasseler lebt mit seiner Frau an seinem Hauptwohnsitz Ingelheim. Das Paar hat drei Kinder. In seiner Freizeit fährt Rausch gern Fahrrad.

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