Verkehrsplaner im Interview: „Doppeltrams sind eine Chance“

Reguläre Tram in der Kasseler Innenstadt: Geht es nach der KVG, sollen in Zukunft teilweise längere Fahrzeuge verkehren, um die Kapazitätsprobleme zu lösen.

Kassel. Die Straßenbahnen auf der Holländischen Straße sind regelmäßig überfüllt. Doch wie kann das Problem gelöst werden? Helfen 60 Meter lange Doppeltrams, wie es die Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG) plant?  Wir sprachen mit dem Verkehrsplaner Prof. Helmut Holzapfel von der Universität Kassel.

Herr Professor Holzapfel, Sie arbeiten selbst an der Uni. Sind die überfüllten Bahnen wirklich so problematisch?

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Holzapfel: Die Universität hat einen enormen Zuwachs an Studenten und Mitarbeitern. Wenn ein großes Unternehmen ähnlich wachsen würde, gäbe es gar keine Diskussionen, dass Abhilfe geschaffen werden muss. Glücklicherweise nutzen viele von der Uni den öffentlichen Nahverkehr – mehr als in vergleichbaren Städten. Wenn nämlich mehr auf das Auto umsteigen, dann bekommen wir ein ganz anderes, größeres Verkehrsproblem in Kassel.

Die KVG will deshalb Doppeltrams einsetzen, die auch durch die Stadt fahren. Kritiker sehen darin große Nachteile für die Fußgängerzone.

Holzapfel: Natürlich hat das auch Nachteile. Wir Verkehrsplaner sprechen von der Trennwirkung: Wenn eine Bahn dieser Länge auf der Königsstraße steht, kommt man nicht über die Straße. Da brauchen wir nicht herumzudiskutieren. Aber die Doppeltrams haben eben auch Vorteile.

Die wären?

Holzapfel: Sie sind geräumiger und sicherer als zwei einzelne Bahnen, zwischen denen man durchlaufen kann. Außerdem werden die Züge bei der Anschaffung bislang erheblich vom Staat gefördert. Sie sind nicht das Teure. Aber das Personal schlägt zu Buche. Wenn diese Kosten sinken, dann rechnet sich das für die KVG ganz dick.

Sie sehen also vor allem Vorteile der Doppeltrams?

Holzapfel: Es geht doch darum, dass wir ein Problem haben und keine perfekte Lösung. Die Straßenbahnen fahren nunmal mitten durch die Stadt. Das können wir nicht ändern, weil für eine große Umgestaltung das Geld fehlt. Wobei: Die Regiotram bringt ja auch Kunden aus dem Umland direkt vor die Geschäfte. Es geht also darum, das kleinste Übel zu finden, und das sind Doppeltrams.

Warum wird alle paar Jahre über die Straßenbahn in der Innenstadt diskutiert?

Holzapfel: Das ist wirklich ein Problem dieser Stadt, dass immer über vergangene Fehler debattiert wird, anstatt über Chancen für die Zukunft. Denn die Pläne der KVG beinhalten auch eine große gestalterische Möglichkeit für die Innenstadt.

An der Königsstraße will die KVG aber gar nichts ändern.

Holzapfel: Das verstehe ich eben nicht. Zu kurze Haltestellen in der Innenstadt sind nicht akzeptabel. Es gibt auch keine Argumente, die gegen eine Verlängerung sprechen. Die Fußgängerzone soll doch ohnehin umgestaltet werden. Wenn die KVG ihre Haltestellen umbaut, kann die Stadt dabei noch Geld sparen, denn so etwas wird derzeit noch zu 80 Prozent vom Bund gefördert.

Von Marcus Janz

Stellungnahme der KVG: "Keine Zuschüsse für Fahrzeuge"

Die Kasseler Verkehrsgesellschaft legt Wert auf die Aussage, dass sie den Neukauf von Trams vollständig selbst finanzieren müsse. Eine staatliche Förderung gebe es - anders als von Interviewpartner Prof. Holzapfel behauptet - seit mehreren Jahren nicht mehr.

Hier die KVG-Pressemitteilung im Wortlaut:

Richtigstellung der KVG: Keine Zuschüsse für Fahrzeuge

Neukauf von Trams muss KVG vollständig selbst finanzieren

Kassel, 25. Juli 2012. Die in dem heute, 25. Juli, in der HNA unter der Überschrift „Verkehrsplaner im Interview: Doppeltrams sind eine Chance“ veröffentlichte Aussage von Prof. Helmut Holzapfel von der Universität Kassel, wonach Straßenbahnen bei der Anschaffung „bislang erheblich vom Staat gefördert“ werden, bedarf der Korrektur. Entgegen dieser Aussage ist richtig, dass das Land Hessen den Neukauf von ÖPNVFahrzeugen, gleich ob Bus oder Straßenbahn, bereits seit mehreren Jahren nicht mehr bezuschusst. In der Folge muss die KVG seitdem jeden Neukauf eines Fahrzeugs vollständig selbst finanzieren. Das gilt beispielsweise auch für die 22 neuen Niederflurstraßenbahnen, die bis Ende 2013 in Kassel eintreffen sollen. Jede dieser Bahnen kostet rund 2,5 Millionen Euro.

Prof. Dr. Helmut Holzapfel (62) stammt aus Göttingen und lehrt seit 1987 an der Uni Kassel. Das Fachgebiet Verkehrsplanung hat er mit gegründet. Holzapfel, der mit seiner Frau in Kassel lebt und zwei Kinder aus erster Ehe hat, kennt auch die Verwaltung: Er war von 1995 bis 1998 Abteilungsleiter im Verkehrsministerium von Sachsen-Anhalt. (mcj)

Hintergrund: BUND fürchtet „kleine Autobahn“ in Nordstadt

Der Kreisverband Kassel des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) spricht sich gegen eine Verbreiterung der Fahrspuren auf der Holländischen Straße aus. Die Stadt hat gefordert, dass die Fahrbahnen auf generell sechs Meter verbreitert werden, wenn die KVG das Gleisbett für den Betrieb der Regiotrams ausweitet. „Eine Spurbreite von 5,50 Meter reicht aus, damit ein Pkw einen Lkw problemlos überholen kann“, sagt Vorstandssprecher Lutz Katzschner.

Würden die Pläne umgesetzt, steige das Tempo auf der Holländischen Straße generell an, weil die „Fahrer durch die große Fahrbahnbreite den Eindruck einer kleinen Autobahn gewinnen“. Der BUND schlägt vor, die vorhandene Fahrbahnbreite beizubehalten und zwischen Holländischem Platz und Wiener Straße ein Lkw-Überholverbot einzurichten. (mcj)

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