Zeitzeuge erinnert sich

Vergessene Orte: Drei Bunker schlummern in der Ingenieursschule

Kassel. Ist es ein Weltkriegs- oder Nachkriegsbunker? Genaue Aufzeichnungen zu den drei Bunkern in der Ingenieursschule gibt es nicht. Die Uni Kassel verfügt ebenfalls über keine Unterlagen über die Anlagen an der Wilhelmshöher Allee 71-73. Doch einer kennt sich aus.

„Hier stinkt es wie früher“, sagt Karl Werner, als er die Treppen zu den tief gelegenen Schutzräumen herabsteigt. Der 79-Jährige, der in der Gemeinde Schauenburg wohnt, hat 37 Jahre im Maschinenbau- und Elektrotechnikbereich der Ingenieursschule gearbeitet. Als Techniker im Labor hat der Tischlermeister seit 1958 Studenten unterstützt.

Damals sei die Ingenieursschule gerade in die neuen Gebäude an der Wilhelmshöher Allee eingezogen. Die Bunker sind auch zu dieser Zeit fertig geworden, sagt Werner. „Allein der Einbau der Türen hat ein halbes Jahr gedauert.“

Aktualisiert um 13.45 Uhr

Bunkeranlagen wurden während des Kalten Krieges zum Schutz der Zivilbevölkerung gebaut und vom Land teilweise mit öffentlichem Geld gefördert. „Man sprach damals von Atombunkern, ob das stimmt, weiß ich aber nicht“, sagt Werner.

Im Elektrotechnikbereich, nahe der Mensa der Ingenieursschule, befindet sich einer der Bunker. Die anderen liegen nur Meter entfernt und ähneln sich von der Bauweise. Hinter einer schweren Metalltür folgen mindestens zwei leere Räume, die nur einige Meter groß sind. „Ich vermute, dass hier um die 50 Personen Platz gefunden hätten“, sagt Werner.

Daneben gibt es jeweils eine Art Maschinenraum, in dem sich ein Dieselaggregat und eine Filteranlage für Frischluft findet. „Wenn der Strom ausgefallen wäre, hätte man mit einer Kurbel die Filteranlage betreiben können“, sagt Werner. Er greift zu Kurbel und dreht. Es wird laut. Die Studenten einen Stock höher würden sowieso nichts hören. „Die Wände sind zu dick.“

In einer Ecke taucht ein dunkle Öffnung auf, vielleicht einen Meter lang und 50 Zentimeter breit. Wer sich in der Dunkelheit hindurch zwängt, findet einen fluoreszierenden Pfeil, der den Weg eine Treppe hinauf weist. Sie hat wohl seit Jahrzehnten niemand betreten. Sie hätte im Falle einer Flucht den Weg in die Freiheit geebnet. Ein Metalldeckel vor der Ingenieursschule verrät, wo die Menschen nach draußen gelangt wären. Gleich daneben befindet sich der Schacht für Frischluft. „Achtung Rattengift“, warnt ein Schild am Eingang des größten der drei Bunker, der ebenfalls über Dieselaggregate und Luftfilter verfügt. „Der ist einmal  überflutet worden“, erinnert sich Werner. Unter der Schule befinde sich ein alter Flutgraben und der Beton des Bunkers sei nicht dicht gewesen.

Bilder aus den Bunkern

Bunker in der Ingenieursschule

Genutzt werden die Räume heute nicht mehr, also alles ist wie früher. „Da unten hat sich nichts verändert“, sagt Werner.

Von Max Holscher

Kennen Sie jemanden, der einen privaten Bunker hat oder haben Sie vielleicht selbst einen? Dann melden Sie sich via Email an radio@hna.de oder kassel@hna.de

 

Rubriklistenbild: © Holscher

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