Landgericht verurteilt drogenabhängigen Mann für Überfall auf Obdachlosen - Unterbringung in Maßregelvollzug

Überfall auf Obdachlosen: drei Jahre Haft für brutalen Punker

Kassel. Normal ist relativ. Was der Angeklagte „ganz normal“ nennt, hat mit der Lebenswelt der Juristen um ihn herum wenig gemein. Schnorren etwa, von morgens bis abends. „Mit Überstunden“, wie der 26-Jährige erklärt. Weil er Punker gewesen sei. Weil er Geld für Drogen gebraucht habe.

Keineswegs normal findet reumütig auch der Angeklagte, was ihn jetzt vor das Kasseler Landgericht führte: Wegen besonders schweren Raubes wird er zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und seine Unterbringung im Maßregelvollzug angeordnet.

In drei weiteren Anklagepunkten – zwei Schlägereien und eine eingetretene Heckscheibe eines Autos – wird das Verfahren eingestellt. Sie wären angesichts der Schwere des Hauptvorwurfs nicht mehr ins Gewicht gefallen.

„Bewusst ausrauben wollte ich niemanden“, beteuert der junge Mann. Und erst recht keinen Obdachlosen. Doch genau das hat er in einer Julinacht vor einem Jahr getan. Und zwar brutal: Er ließ den 47-Jährigen, mit dem er gerade eben noch getrunken hatte, in einen Müllcontainer gucken – es gebe da weitere Flaschen, behauptete er. Und dann schlug er dem Mann den Deckel des Containers auf den Kopf. „Volle Granate“, wie sein Opfer später der Polizei erzählte. Als der Obdachlose zu Boden sackte, trat der Angeklagte ihm noch einmal kräftig in die Rippen und flüchtete dann mit dessen Rucksack. Seine Beute: ein paar Klamotten und ein Schlafsack.

Warum er das getan hat, vermag der 26-Jährige heute nicht mehr zu sagen. Seine Erinnerung ist lückenhaft, er stand unter Drogen. Doch er weiß: „Ich hatte eigentlich Geld für den nächsten Tag.“ Genug, um den ersten Schuss Heroin zu bezahlen und fit zu sein für einen weiteren Tag des Schnorrens. Ganz normal eben. „Der erste Gedanke am Morgen ist: Heroin. Der letzte Gedanke am Abend ist: Heroin. Und dazwischen: Geld, Geld, Geld.“ Doch er habe den Ehrgeiz gehabt, seine Sucht ohne Beschaffungskriminalität zu finanzieren. Was, wie er den staunenden Juristen erklärt, auch gut geklappt habe: Im Schnitt zwischen 1650 und 2200 Euro habe er im Monat erschnorrt. Und zu Weihnachten sogar 6500 Euro. „Es war lohnenswert“, verkündet der Mann nicht ohne Stolz.

Dennoch will er mit dieser Vergangenheit brechen. „Ich versuche, mein Punk-Sein abzulegen – auch wenn mir das eigentlich gegen den Strich geht.“ Doch nur so, meint der 26-Jährige, könne er von den Drogen loskommen. Seit Oktober sitzt er wegen früherer Körperverletzungstaten im Gefängnis – und findet das prima: „Da ist Tür zu, Affe tot.“ Er habe 20 Kilogramm zugenommen und endlich wieder einen klaren Kopf. „Und seit einem Monat kann ich wieder durchschlafen!“ (jft)

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