Berufungsverhandlung vor dem Landgericht

Drei Jahre Haft für Kasseler „Magier“: Kleiner Strafnachlass für gewerbsmäßigen Wucher

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Soll drei Jahre hinter Gitter: Der selbst ernannte Magier, Wahrsager und Dämonologe erreichte mit seiner Berufung vor dem Landgericht nur einen Teilerfolg.

Kassel. In der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht gab es einen kleinen Strafnachlass für den selbst ernannten Magier, Dämonologen und Wahrsager, aber das Gefängnis bleibt ihm nicht erspart.

Der 69-jähriger Kasseler wurde von der 9. Strafkammer zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Das Amtsgericht hatte ihn wegen gewerbsmäßigen Wuchers im Juni 2015 noch zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Das etwas mildere Urteil verdankt der gebürtige Ungar, der sich selbst als „heimatlosen Ausländer“ bezeichnete, der Beschränkung der Berufung auf das Strafmaß. Richter Liebermann und Oberstaatsanwalt Müller-Brandt bewerteten das als eine Art Geständnis, das sich strafmildernd auswirkte.

Hinzu kommen die lange Verfahrensdauer und der Umstand, dass der Angeklagte und sein Anwalt Markus Sittig mit der Beschränkung der Berufung aufs Strafmaß dem Opfer eine erneute Aussage als Zeugin ersparte.

Die vom Amtsgericht verurteilten Taten hat der Angeklagte damit indirekt als richtig eingeräumt, auch wenn er kein Geständnis ablegte und bei der Behauptung blieb, kein Geld bekommen zu haben.

Der Erbin eines Kasseler Stahlbauunternehmens hat der „Magier“ mit obskuren Ritualen wie Kartenlegen, Kerzenkreisen, Gräberschließungen, Götterstatuen gegen böse Kräfte und ähnlichen Unfug mindestens 205.000 Euro abgenommen, um dafür angeblich Unheil von der Familie abzuwenden. Weil Leistung und Bezahlung in keinem vernünftigen Verhältnis standen, war er wegen gewerbsmäßigen Wuchers angeklagt und nun auch in zweiter Instanz verurteilt worden.

Im Verfahren vor Amtsrichter Klaus Döll waren sogar noch ganz andere Summen aufgetaucht. Seit dem Jahr 2000 bis etwa 2009 hatte der Magier seine imaginären Kräfte zuerst der Mutter des Hauptopfers, später der in schweren seelischen Nöten schwebenden Frau für bis zu 30.000 Euro pro Sitzung angeboten. Insgesamt könnten dabei über 1,3 Millionen Euro geflossen sein, jedoch waren letztlich nur die Taten zwischen 2008 und 2009 angeklagt. Bei den früheren hatte die zehnjährige Verjährungsfrist für Wucher gegriffen.

Ob der Angeklagte tatsächlich wieder in die JVA in Wehlheiden muss, ist offen. Sechs Monate Untersuchungshaft wurden auf die neue Strafe angerechnet. Gesundheitlich ist der Mann angeschlagen, auch die letzte Verhandlung konnte erst verspätet beginnen.

Richter Liebermann und auch Ankläger Müller-Brandt konnten sich vorstellen, dass der „Magier“ die Strafe wegen seines Alters und Gesundheitszustandes im offenen Vollzug verbüßt. Die Entscheidung darüber treffen allerdings JVA und Rechtspflege. Fest steht indes, dass der Mann bei der Abwehr böser Geister und Dämonen derzeit nicht mehr aktiv ist. Nach Presseberichten und heftigen Diskussionen im Netz sind seine Dienste offenbar wegen berechtigter Zweifel an der Wirksamkeit einfach nicht mehr gefragt.

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