350 Friedensaktivisten beim Kasseler Ostermarsch

Kassel. Günter Grass habe bereits vor zehn Jahren mit seiner Äußerung recht gehabt, dass es sich bei der Nato um eine „mafiöse Veranstaltung“ handele.

Das war die einzige Äußerung, die der Friedensaktivist Eugen Drewermann am Ostermontag bei seiner Rede vor dem Kasseler Rathaus zur umstrittenen Israel-Kritik des Schriftstellers und Friedensnobelpreisträgers machte.

Aktivisten: Eugen Drewermann (links) und Peter Strutynski.

Den U-Boot-Verkauf an Israel bezeichnete er zudem als „Schande“. Vereinzelte Demonstranten zeigten darüber hinaus ihre Solidarität mit dem Israelkritiker, indem sie Schilder um den Hals trugen mit der Aufschrift: „Grass hat Recht“.

Rund 350 Menschen nahmen nach Schätzungen der Polizei gestern Vormittag bei kühle Temperaturen am Kasseler Ostermarsch teil. Die Einschätzung von Veranstalter Peter Strutynski (Kasseler Friedensforum), der 600 Gäste begrüßte, schien doch übertrieben zu sein. „Sie haben nicht nur unsere Köpfe, sondern auch unsere Herzen getroffen“, sagte Strutynski zu Drewermann, nachdem dieser über 40 Minuten ohne Manuskript gesprochen hatte. Wortgewaltig.

Drei Forderungen formulierte Drewermann: Endlich raus aus Afghanistan, raus aus der Nato und Nein zur Umformung der Bundeswehr zu einer Berufsarmee. Dort seien „Berufskiller“ am Werk, die für das Töten bezahlt würden.

Und der Friedensaktivist und Kirchenkritiker aus Paderborn rechnete ab: Mit den USA und ihren Präsidenten Bush und Obama („Die US-Armee macht, was sie will“), deutschen Politikern (Fischer, Schröder, Genscher, Kinkel, zu Guttenberg), den Medien, die in der Hand der Politiker und für die „Wahrheitsfälschung“ verantwortlich seien, den Parteien (außer den Linken) und der UNO, die nur „ein Spielball der amerikanischen Interessen“ sei.

In Deutschland würden Jahr für Jahr 35 Milliarden Euro für Rüstung „verplempert“, prangerte Drewermann an. Für soziale Zwecke fehle hingegen das Geld. 1989 habe Michail Gorbatschow mit der Auflösung der Sowjetunion und des Warschauer Paktes vorgeschlagen, auch die Nato abzuschaffen. Das sei damals verpasst worden. Seitdem habe sich die Nato in eine „Angriffsarmee“ verwandelt und Kriege auf dem Balkan, im Irak, in Afghanistan und Libyen geführt.

Drewermann warnte vor einem Krieg mit dem Iran. „Der Iran hat bis heute keine Atombombe.“ Anders als Israel, das über 200 bis 400 nukleare Sprengkörper verfüge. Wenn der Iran nicht permanent durch US-amerikanische und israelische Atombomben bedroht würde, dann käme man dort gar nicht auf die Idee, ebenfalls Atombomben anschaffen zu müssen.

Der Applaus der Friedensaktivisten war Drewermann gewiss. Vom Schlachthof und dem Bebelplatz waren die Demonstranten am Vormittag zum Rathaus marschiert. Der Zug aus dem Kasseler Westen hatte Station im Mahnmal für die Opfer des Faschismus gemacht. In diesem Jahr gedachte Rolf Wekeck des KPD-Gemeindevertreters Traugott Eschke, an den auch der erste Kasseler Stolperstein erinnert.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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